Eine Reise in den Süden des Omo-Tals, der zum Großteil nur per Boot zu erreichen ist, transportiert Sie 1000 Jahre in die Vergangenheit und lässt Sie ein Kaleidoskop untergehender Nomadenkulturen erleben. Da Äthiopien als einziges afrikanisches Land nie von Europäern kolonialisiert wurde, sind die hiesigen Volksstämme nahezu unberührt geblieben. Die wenigen Tausend in diesen grünen Hügeln lebenden Menschen haben ihre Kultur erhalten, doch ihre Zahl schrumpft stetig. Wer einen Blick auf ihre Lebensweise erhaschen will, bezieht in einem der wenigen Zeltlager oder einer einfachen Lodge Quartier und lässt sich von einem Führer zu den nahen Stämmen bringen.
Nicht weit von einigen der Camps befindet sich die Uferheimat der Muguji (oder Kwegu), zu denen nur wenige Hundert Fischer, Nilpferdjäger und Sammler gehören. Ihr karges Siedlungsgebiet teilen sie mit dem größeren Stamm der Kara, dessen Angehörige Landwirtschaft treiben und zu zeremoniellen Tänzen Gesicht und Körper mit mineralischen Farben bemalen.
Weiter flussaufwärts leben abgeschieden die Mursi und Surma, deren Frauen riesige Lippenteller tragen und deren Männer sich in rituellen Stockkämpfen messen, um festzulegen, wer heiraten darf. Noch faszinierender ist das Initiationsritual des benachbarten Hamar-Stammes: Um als erwachsen zu gelten, müssen sich die jungen Männer beim Bula beweisen, bei dem sie über den Rücken Dutzender kastrierter Rinder springen müssen. Fallen ist die größte Schande; wer besteht, erwirbt damit eine Braut. Die dekorativen Narben der Hamar-Frauen gelten als Zeichen der Stärke. Sie drehen ihre Haare mit Fett und rotem Ocker in Zöpfe; ihr Metallschmuck gibt Auskunft über ihren Ehestand.
Der Omo mündet in den Turkana-See, dessen größerer Teil zu Kenia gehört, während das Nordufer noch in Äthiopien liegt. Hier findet man die Dassanech und die Nyangatom. Letztere sind Krieger und Jäger, die aus ihren Einbaumkanus mit Harpunen Krokodile erlegen und zum Zeichen ihrer Tapferkeit in blauen und ockerfarbenen Lehm gehüllte Straußenfedern im Haar tragen. Die Stammesältesten erkennt man an ihren Lippenpflöcken – Elfenbein bei Männern, Kupfer bei Frauen. Ihre Kultur reicht in eine Zeit zurück, zu der die übrige Menschheit keinen Zugang mehr hat, und offenbart sich nur den Glücklichen, die hierherreisen, um die versteckte Welt zu entdecken.
WO: Die Ufersiedlung Omurate liegt 736 km südwestl. von Addis Abeba und ist per privatem Luftcharter zu erreichen. WIE: Das amerikanische Unternehmen Africa Adventure Company bietet eine 10-tägige Omo-Safari an. Tel. +1/954-491-8877; www.africa-adventure.com. Preise: ab € 5922. Startet in Nairobi. Wann: Juli. REISEZEIT: Juli–Okt.: bestes Wetter.

