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Das mobile Einsatzkommando hatte Karl überwältigt.
Er hatte kaum Widerstand geleistet. In dem Moment, als er die schwarz gekleideten Truppen sah, hatte er gewusst, dass Widerstand zwecklos war.
Es wunderte Clara, dass Karl sich nicht in einem spektakulären Kamikazemanöver selbst umgebracht hatte, so wie damals der Namenlose. Aber vielleicht war diese Handlungsweise genau das, was ihn von einem echten Psychopathen unterschied.
Nun saß sie im Einsatzwagen neben MacDeath, der ihr ein Glas Wasser und ein Beruhigungsmittel gegeben hatte. Vor dem düsteren Gebäude war mittlerweile ein ganzer Fuhrpark aufgefahren: Einsatzwagen der Polizei, gepanzerte Wagen des mobilen Einsatzkommandos, Krankenwagen und vor allem Leichenwagen. Mittlerweile waren es vier.
Der unheimliche Killer, der »Todeswächter«, wie er sich genannt hatte und der in Wirklichkeit Karl Martinek hieß, saß in einem der Einsatzwagen, in Handschellen, bewacht von Marc und Philipp vom MEK.
MacDeath hatte Clara kurz und knapp erzählt, wie Hermann den Todeswächter über dessen Laptop aufgespürt hatte. Das GPS, das Hermann in die Geräte installiert hatte, war Claras Rettung gewesen. Hätte es diese Möglichkeit nicht gegeben, wäre sie wohl für immer in diesem Verlies geblieben, tief unter der Erde, inmitten von Leichen, irgendwo im Nirgendwo, vergessen von den Menschen, vergessen von der Zeit, verlassen von Gott.
Diesmal hatte Hermann ihr das Leben gerettet.
MacDeath schüttelte den Kopf, als er über Karl Martinek nachdachte. »Mein Praktikant«, sagte er. »Nicht zu fassen. Mein Praktikant – ein Serienkiller.« Vorhin noch hatte Winterfeld halb im Scherz, halb entrüstet zu ihm gesagt: »Wir müssen mal unsere Einstellungskriterien überprüfen.«
Bellmann, der Chef des LKA, wäre beinahe durchs Telefon gekrochen, als Winterfeld ihn darüber informiert hatte, wer unter dringendstem Tatverdacht stand.
»Ein unbescholtener Praktikant am LKA in der Abteilung für operative Fallanalyse ist ein Serienkiller?«, hatte Bellmann getobt.
»Kein wirklicher Serienkiller«, hatte Winterfeld ihn zu beschwichtigen versucht. »Eher einer, der aus Rache …«
»Wir wissen von mindestens acht Todesopfern«, war Bellmann ihm über den Mund gefahren. »Wenn dieser Kerl kein Serienkiller ist, was soll er dann sein? Ein Mitarbeiter der Caritas?«
Bellmanns Zorn war verständlich. Dank seiner Tätigkeit im LKA besaß Karl die perfekte Plattform, von der aus er alle Schritte der Gegenseite kontrollieren konnte.
»Einmal«, sagte MacDeath nun zu Clara, »hätte ich aufmerksam werden müssen.«
Clara nahm die Beruhigungsmittel und trank das Wasser in langsamen Schlucken. Um die aufgescheuerten Stellen, wo sie gefesselt gewesen war, hatte sich bereits ein Arzt gekümmert. Und die psychologische Beratung des LKA hatte ihr sogleich ein Therapiegespräch zur Traumabewältigung angeboten. Doch diese Kuschelpsychologen, die ohnehin alles auf traumatische Erinnerungen in der Kindheit schoben, halfen Clara überhaupt nicht. Da war ein Gespräch mit MacDeath viel besser.
Nun griff Clara dessen Bemerkung auf. »Du meinst, du hättest aufmerksam werden müssen, als Karl sich in den Sessel gesetzt hat, nicht wahr? Am Tatort des Mordes an Barbara Färber.« Der Sessel hatte demonstrativ vor dem Bett gestanden, auf dem die tote Frau gelegen hatte. »Lernt man das in den USA?«, hatte Clara Karl damals angefahren, und er war aufgesprungen wie von der Tarantel gestochen.
»Ja, genau da hätte es mir auffallen müssen«, antwortete MacDeath. »Auf diese Weise gelangte seine DNA an den Tatort, wo sie wahrscheinlich ohnehin schon war. Er muss dort gesessen und sich die Totenwache bei Barbara Färber angeschaut haben. Und keiner von uns konnte sich darüber wundern, dass dort DNA von ihm war. Spurensicherung. Das hat er alles gewusst, alles gelernt. In den Vereinigten Staaten, aber auch bei uns. Nur, warum hat er es dort getan, an den anderen Tatorten aber nicht?«
Clara schluckte eine der Pillen. »Vielleicht«, sagte sie, »weil es sein erster Mord war.«
Einer der Bereitschaftspolizisten stieg auf den Fahrersitz. Winterfeld setzte sich auf den Platz des Beifahrers. Am Himmel brauten sich Gewitterwolken zusammen, als der Wagen losfuhr und das düstere Gebäude hinter ihnen zurückblieb.
MacDeath nickte. »Vielleicht. Beim ersten Mal war er wahrscheinlich noch nicht so routiniert, sodass er seine DNA am Tatort hinterlassen hat. Dieses Risiko wollte er ausschließen.«
»Aber mehr ist Ihnen auch nicht aufgefallen?« Jetzt, wo der Fahrer und Winterfeld vorne saßen, waren sie wieder zum Sie übergegangen.
Sie fuhren durch den Waldweg und bogen auf die Landstraße ab, die zur Autobahn in Richtung Berlin führte. Claras Audi, mit dem sie hergekommen war, wurde von einem Beamten zum LKA gefahren.
»Nein, mehr ist mir auch nicht aufgefallen«, antwortete MacDeath nun auf Claras Frage. »Karl entsprach so gar nicht dem Profil des typischen soziopathischen Serienmörders. Traumatisiert und viktimisiert sind viele von ihnen, aber hier haben wir es mit einer einzigartigen Kombination zu tun.«
Er verstummte, dachte ein paar Sekunden nach.
»Der Todeswächter«, sagte er dann, »war genau genommen der Einzige seiner Art.«