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Barbara Färbers Leiche lag noch auf dem Obduktionstisch im rechtsmedizinischen Institut der Berliner Charité. Es herrschte angenehme Kälte, und das Abluftaggregat dröhnte auf vollen Touren. Dennoch hatte Clara den süßlichen Geruch des Todes bereits wahrgenommen, als sie von der Birkenstraße aus zum Nebeneingang des Instituts in Moabit gegangen waren.
Ein Sektionsassistent stand neben dem Obduktionstisch und hielt Nadel und Faden in der Hand, um die Brust- und Bauchhöhle wieder zuzunähen. Plastikgefäße und Röhrchen mit Gewebe- und Blutproben standen neben dem Sektionstisch, während von Weinstein gedankenverloren in der Ermittlungsakte blätterte und seine silberne Brille zurechtrückte.
»Barbara Färber ist erstickt«, sagte er schließlich. »Wir haben Punktblutungen in den Augenbindehäuten, in den Mundschleimhäuten, in der Gesichtshaut und hinter den Ohren. Außerdem unter der Herzaußenhaut und den Lungenüberzügen. Das ist immer dann zu beobachten, wenn Gefäße unter Druck stehen.« Er ließ die Akte sinken. »Durch den Todeskampf beim Ersticken entstehen diese äußeren und inneren Erstickungsblutungen. Außerdem sind durch den hohen Druck im Kopf die Gefäße im Augenweiß geplatzt, was dazu geführt hat, dass die Augen blutrot sind. So wie hier.«
Er drehte eines der Lider um. Clara blickte in das blutrote Auge und sah die roten Punkte in der Bindehaut. Es erinnerte sie an die fiebrigen Augen aus ihrem Albtraum vergangene Nacht. Die Augen eines Dämons.
»Und das ist mithilfe der Maske geschehen?«, fragte Winterfeld, der sich so nahe wie möglich über die Leiche beugte, ohne dabei zu riskieren, dass der Saum seines Sakkos oder seine Krawatte die Tote oder den Tisch berührten.
Von Weinstein nickte. »Wir haben hier schon alles Mögliche gehabt. Leute, die an Speisen erstickt sind, mit einer Tüte über dem Kopf oder mit einem Kissen. Passiert besonders häufig bei alten Erbtanten, deren Ableben die Angehörigen ein bisschen beschleunigen wollen, und das möglichst leise. Sie ersticken Tantchen mit einem Kissen oder spritzen ihr Luft in die Vene. Hier in Deutschland wird ja beim Tod sehr alter Menschen so gut wie nie obduziert, es sei denn, sie liegen ohne Kopf da. Ein Paradies für Erbschleicher und Mörder.«
»Der Tod ist ein Meister aus Deutschland«, sinnierte Winterfeld.
»Was das angeht, ja«, sagte von Weinstein. »Der Hausarzt stellt den Totenschein aus, und Oma wird verbuddelt und ist auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Und der Mörder macht dolce vita.« Er zuckte die Schultern. »Wie auch immer. Barbara Färber ist höchstwahrscheinlich nicht mit einem Kissen erstickt worden, dann gäbe es Abschürfungen, wo das Kissen oder was auch immer auf die Atemöffnungen gepresst wurde.« Er zeigte auf Mund und Nase der Leiche.
»Hier kann man aber nicht so viel sehen«, entgegnete Clara. »Das Gesicht ist total blau angelaufen.«
Von Weinstein zuckte die Schultern. »Ja, aufgrund der massiven Blutstauung hat sich alles blau verfärbt. Das macht es in der Tat schwierig. Aber es gibt keine Abschürfungen, das können wir auch so feststellen.«
Clara blickte aus dem Fenster. Durch den nicht abgeklebten Fensterbereich sah sie den Garten des benachbarten Altenheimes, wo mehrere Bewohner im Schatten Karten spielten. Dass ein Altenheim neben der Rechtsmedizin lag, wie hier in Moabit, hatte schon etwas Makaberes.
»Und was ist mit Tüten?«, fragte sie.
»Dazu kommen wir gleich. Schauen Sie mal hier.« Winterfeld zeigte auf die Leiche. Die Bauchhöhle war aufgeschnitten, und aus der ebenfalls geöffneten Brusthöhle ragten die von der Rippenschere durchtrennten Rippenknochen wie die Planken eines Schiffes. »Hier«, er wies mit einem Metallstab auf die Stelle, wo sich die Lunge befand, die unter den Rippen bläulich rot schimmerte, »hier haben wir Punktblutungen unter der Pleura, den sogenannten Lungenüberzügen. Und hier«, der Stab wanderte weiter zum Herzen, »Punktblutungen unter der Herzaußenhaut. Das heißt, wir sprechen hier von inneren Erstickungsblutungen.«
»Ersticken ist schlimmer als Erhängen?«, fragte Clara.
»Ja«, sagte von Weinstein. »Es gibt im Gehirn zwei Atemzentren. Das eine reagiert auf den Verlust von Sauerstoff. Seltsamerweise gibt es dabei keine Panikattacken, sondern Glücksgefühle, so eigenartig es klingt.«
»Deshalb hängen sich manche Leute bei autoerotischen Experimenten auf … beziehungsweise, sie würgen sich mit dem Seil?«, fragte Clara.
»So wie David Carradine.« Das war Winterfeld. »Der aus Kill Bill. Der hat sich 2009 in einem Hotelschrank in Thailand aufgehängt und ist dabei hopsgegangen.«
Von Weinstein nickte. Ein spöttisches Lächeln spielte um seine Lippen. »Genau. Obwohl sein Vater ihm früher immer gesagt hatte: Junge, mach nichts, wobei du nicht tot erwischt werden willst. Tja, das hat wohl nicht ganz geklappt.«
Clara wunderte sich immer, mit was für seltsamen Geschichten sich von Weinstein und Winterfeld befassten und dass sie offenbar in der Lage waren, sich solche komischen Storys auch noch zu merken.
»Zur Sache, Leute«, sagte sie. »Erhängen erzeugt also Glücksgefühle?«
Von Weinstein nickte. »Ja, es klingt seltsam, zugegeben, aber es ist so. Man weiß nicht genau, warum das Gehirn so reagiert. Wahrscheinlich ist ihm alles egal, solange Kohlendioxid abgeatmet werden kann. Und genau das ist beim Erhängen der Fall, da nur die Arterien durch den Strang blockiert sind. Die Atemwege sind frei. Es wird kein Sauerstoff zum Gehirn transportiert, aber es gibt die Illusion, dass es so ist. Man ist erst glücklich, dann bewusstlos, dann tot.«
»Könnte schlimmer kommen. Aber beim Ersticken ist das anders?«
»Ja. Man kann, wie hier bei der Maske«, von Weinstein zeigte auf den schwarzen, teuflischen Gegenstand, »kein Kohlendioxid mehr abatmen, und das löst Todesangst und Panik aus. Das Ding hier«, wieder wies er auf die Maske, »hat so fest gesessen wie ein Kondom. Die Frau konnte nicht mehr ausatmen und starb in Panik.«
»Und wenn es eine Tüte gewesen wäre?« Das war Winterfeld.
»Eine Tüte über dem Kopf?« Von Weinstein schaute ihn an. »Wäre auch nicht schlimm. Man atmet so lange Kohlendioxid in die Tüte aus, bis man davon – und vom Sauerstoffmangel – schläfrig wird. An Letzterem erstickt man dann, ohne es zu merken. Friedlich und schmerzlos.«
»Ach?«, sagte Winterfeld. »Erhängen oder eine Tüte über den Kopf sind die angenehmsten Suizidmethoden?«
Von Weinstein nickte. »Ja. Aber lasst euch damit bitte noch Zeit. Ich habe keine Lust, mich mit neuen Kollegen herumzuärgern. Okay, habt ihr hier genug gesehen?«
Beide nickten.
Von Weinstein blickte zu seinem Sektionsassistenten und wies mit dem Kopf auf die Leiche. »Kannst sie wieder zunähen. Danke.«
Clara schaute dem Sektionsassistenten zu, als er sämtliche Organe, einschließlich Gehirn, als blutige Masse in die Bauchhöhle stopfte und dann die Bauchdecke zunähte. Clara kannte diese Vorgehensweise und wusste auch, weshalb das Gehirn nicht zurück in den Schädel verfrachtet wurde. Zu leicht konnten durch die offene Schädeldecke Blut und Flüssigkeit auf das Leichenhemd tropfen, was im Falle einer Aufbahrung seltsam aussehen würde. Unappetitlich obendrein.
»Sie ist also durch die Maske erstickt«, sagte Clara.
Von Weinstein nickte. »Ich fürchte, ja.«
»Wie lange kann so etwas dauern?«
»Drei Minuten. Fünf.«
Clara schaute Winterfeld an. »Dann wollte der Mörder vielleicht in Ruhe zusehen, wie sie leidet. Er wollte miterleben, wie sie stirbt. Es war sein persönlicher Gewaltporno.«
»Und was schließen wir daraus?«
»Entweder, er ist Sadist …«
»Oder?«
»Oder er wollte sich rächen. Für was auch immer.«