3.
Ein ohrenbetäubender Knall. Dann nur noch Schwärze.
Es war genau 14.17 Uhr gewesen, als es passiert war. Der Vater hatte vorne auf dem Fahrersitz gesessen, die Mutter genau hinter ihm, Vladimir vorne rechts, seine kleine Schwester Elisabeth hinter ihm auf der Rückbank.
Der Sattelschlepper war vor ihnen gefahren. Er hatte Baumstämme transportiert. Plötzlich hatte einer der Stämme sich gelöst, war durch die Luft geflogen und hatte mit brachialer Gewalt die Windschutzscheibe des Wagens auf der Fahrerseite durchschlagen. Er war wie ein Geschoss in den Wagen eingedrungen und hatte von den Köpfen der Eltern nur blutige Ruinen übrig gelassen, während der Wagen in den Straßengraben gerast war und sich mehrmals überschlagen hatte.
Die beiden Kinder hatten wie durch ein Wunder überlebt. Sie hatten den Verlust der Eltern noch gar nicht begriffen, erst recht nicht verarbeitet, als Polizei und Jugendbehörde erschienen. Die Kinder könnten entweder zurück in ihre ferne Heimat, oder sie müssten in Deutschland bleiben. Aber hier hatten sie keine Verwandten, niemanden, der sie aufnehmen konnte.
Es blieb also nur das Kinderheim am Rande von Berlin – ein Gebäude, dessen schwarze vergitterte Fenster an der Waschbetonfassade wie eine Reihe klagender Totenköpfe aussah. Alles war genauso reparaturbedürftig wie die Bewohner. Und beide Reparaturen würden wohl niemals durchgeführt werden.
Aus Staub bist du gemacht, und zu Staub wirst du werden, bis der Herr dich auferweckt am Jüngsten Tag, hatte der Priester auf der Beerdigung der Eltern gesagt, als die beiden Särge sich langsam ins Grab senkten und Vladimir und Elisabeth, die Gesichter noch immer vom Schock gelähmt, ihnen hinterherschauten.
Die Heimleiterin hatte kurz mit ihnen gesprochen und ihnen gleich gesagt, dass sie in wenigen Tagen in den Ruhestand gehen würde. Angeblich war es ein freundliches Heim, in dem es friedlich und geregelt zuging, doch schon am ersten Abend hatte Vladimir erkennen müssen, dass die Wirklichkeit ganz anders aussah: Das Heim war ein rechtsfreier Raum, in dem das Gesetz des Stärkeren regierte. Legte man sich mit den falschen Leuten an, überlebte man nicht. Man musste den Kopf unten, den Mund geschlossen und die Augen offen halten.
Vladimir und Elisabeth waren nun allein auf der Welt, allein in dem Raubtierkäfig des Heims, getrennt durch meterlange Gänge. Sie saßen tränenüberströmt auf der Terrasse, dort, wo der Regen aus einem grauen, endlosen Wolkenteppich fiel. Die Geschwister fühlten sich so winzig und hilflos wie eine Träne im regendurchtränkten Himmel.
Sie blickten auf die Tannenwälder jenseits der Straße, hielten sich bei den Händen und fühlten sich so einsam, wie man sich nur fühlen konnte. Als wären sie allein in einem kalten, lebensfeindlichen Universum, Lichtjahre von den Tannenwäldern, dem Elterngrab und der Erde entfernt.