27
Die Nacht war hereingebrochen. Tomasso hatte weitere Kerzen in den Zimmerecken angezündet, die den Raum in geisterhaft flackerndes Licht tauchten.
»Die Hölle«, begann Don Alvaro und blickte für einen Moment durchs Fenster auf einen Punkt weit weg am dunkeln Nachthimmel über Rom. Clara sah, wie Don Tomasso seinen Vorgesetzten aufmerksam musterte. »Die Eschatologie ist die Lehre von den vier letzten Dingen«, fuhr Don Alvaro schließlich fort, »Himmel und Hölle, Tod und Jüngstes Gericht. Im alten Testament ist es das Hinnom-Tal in Jerusalem, in dem die Kananiter dem Gott Moloch ihre erstgeborenen Kinder beim Brandopfer darbrachten. Das Tal des Hinnom, das Gey Hinnom, wurde schließlich zu Gehenna, dem arabischen Wort für Hölle. Jesus spricht vom ewigen Feuer und den ewigen Qualen der Hölle, wo der Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt.«
Clara fröstelte plötzlich und schlang die Arme um den Körper. »Wer ist in der Hölle?«
»Das können wir nicht wissen«, sagte Alvaro. »Es gibt zwei Annahmen, die aber sicher falsch sind: Die eine geht dahin, dass die Hölle leer ist – und das trifft bestimmt nicht zu. Die zweite Annahme ist die, dass wir wissen, wer in der Hölle ist – und auch das ist nicht der Fall. Denn es kann sein, dass ein Mensch in der letzten Sekunde seines Lebens aus tiefstem Herzen bereut und deshalb Vergebung empfängt.«
»Und die Strafen der Hölle?«, fragte Clara. »Wie sehen Sie als hoher Geistlicher das?«
»Es gibt Bilder, und es gibt Visionen, wie die von Fatima vom Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts.« Don Alvaro strich sich über den Bart. »Manche sagen, die Hölle sei ein riesiger Abgrund, andere haben in Visionen einen gigantischen Tunnel gesehen, mehrere Kilometer hoch, in dem die Seelen auf ein riesiges eisernes Tor zufliegen. Ein Tor, das sich nur einmal öffnet und dann wieder schließt. Für immer.« Er schaute nach draußen. »Es gibt Berichte von Forschern, die tief ins Erdinnere vorgedrungen sind, so wie der russische Ingenieur Azzacov. Er hat in Sibirien Bohrungen vorgenommen, fünfzehn Kilometer tief. Irgendwo in diesen Abgründen haben sie Schreie aufgenommen. ›Ich glaube als Kommunist nicht an Gott und das Paradies‹, hat Azzacov gesagt, ›aber seitdem ich die Schreie gehört habe, glaube ich an die Hölle.‹ Dem französischen Meeresforscher Jacques Cousteau ist im Bermudadreieck 1993 etwas Ähnliches passiert.« Er schaute seine beiden Besucher an. »Es gibt diese Aufnahmen tatsächlich. Und was man darauf hört, ist äußerst befremdlich. Es sind tatsächlich Schreie. Nicht von Hunderten, nicht von Tausenden, sondern von Millionen.«
Er schwieg einen Moment, ehe er nachdenklich fortfuhr: »Befindet die Hölle sich wirklich im Weltinneren? Das wohl nicht. Ist sie jenseits unserer Realität? Das schon eher. Es ist noch kein Lebender dort gewesen, bis auf Jesus Christus, der am zweiten Tag nach seinem Tod am Kreuz, am Karsamstag, zu den Toten herabstieg, wie wir es im Glaubensbekenntnis beten. Descendit ad inferos. Herabgestiegen in das Reich des Todes. Er ist der Einzige, der zurückkam. Alle anderen müssen für immer dort bleiben. Und es dringen auch keine Gebete aus der Hölle. Für alle, die dort sind, gibt es keine Hoffnung mehr.« Alvaro faltete die Hände und wandte sich an Clara. »Aber Sie haben nach den Strafen gefragt.«
Clara nickte.
»Nun, es gibt zwei Strafen. Die erste ist das Fern-Sein von Gott. Diejenigen, die sich im Leben bewusst von Gott ferngehalten haben, erfahren diese Ferne auch im Leben nach dem Tod. Die zweite Strafe ist die ewige Höllenqual – das Höllenfeuer, das die Kinder von Fatima in ihrer Vision gesehen haben und in dem die Verdammten schwimmen ohne Schwere und Gleichgewicht, nur unterbrochen von Schmerzens- und Verzweiflungsschreien, von denen es niemals Erlösung gibt.«
»Bei Dante sind die Tiefen der Hölle aus Eis«, warf MacDeath ein. »Und Satan sitzt dort mit seinen drei Köpfen und kaut auf den Erzsündern der Menschheit herum, zum Beispiel auf Judas Ischariot.«
»Sehr richtig. Sie kennen Ihren Dante sehr gut.« Alvaro nickte anerkennend. »Dante war Italiener. Für einen Italiener ist die Vorstellung von Eis schlimmer als die von Feuer. Jedenfalls, solange es kein Speiseeis ist.« Ein Lächeln legte sich auf seine Lippen. »Anders war es bei den Eskimos. Als denen katholische Missionare von der Hölle erzählten, fragten sie: ›Wie kommen wir dorthin?‹«
Clara und MacDeath lächelten.
»Jedenfalls, Luzifer hat sich gegen Gott erhoben und wurde in den Abgrund gestürzt. Auch Adam hat sich für die Verheißungen des Teufels entschieden, vom Baum der Erkenntnis gegessen und den Menschen dadurch den Tod gebracht. Der zweite Adam, Jesus Christus, hat den Gehorsam gegenüber Gott gewählt, auch wenn die Treue zu diesem Gehorsam ihn zum Verzicht auf die irdischen Königreiche und zum Tod am Kreuz führte.«
Clara blickte angestrengt aus dem Fenster. »Dennoch«, sagte sie. »Die Vorstellung einer Hölle, ein Ort der Verzweiflung, ohne Hoffnung und Trost … Wo ist da die ständig besungene Gnade Gottes?«
»Die Gnade des Herrn wird denen zuteil, die sie sich verdient haben«, erwiderte Alvaro streng. »Und was die Hölle angeht – die kann man sich in der Tat nicht vorstellen, ebenso wenig wie den Himmel. Aber da Sie von Barmherzigkeit sprechen: Stellen Sie sich vor, es gibt die Hölle nicht, und alle gehen ins Paradies ein. Dann wären Sie bis in alle Ewigkeit mit den Verbrechern zusammen, von denen Sie in diesem Leben gequält wurden und die Sie jagen. Keine schöne Vorstellung, nicht wahr?«
Clara antwortete nicht.
»Wer beherrscht Ihrer Meinung nach die Hölle?«, fragte MacDeath. »Gibt es eine Art Organigramm, wie man es in Werken aus dem Mittelalter sieht?«
»Es gibt die drei Herrscher der Hölle«, antwortete Don Alvaro. »Satan, Luzifer und Asmodeus. Man nennt sie das Triumvirat. Sie sind die ältesten, stärksten und gefährlichsten von allen und werden bereits in den frühesten Schriften des Alten Testaments erwähnt. Sie waren bei der Rebellion dabei. Der Rebellion gegen Gott.«
»Ich dachte immer, Satan und Luzifer sind identisch«, sagte Clara.
Alvaro schüttelte den Kopf. »Luzifer war der strahlendste aller Engel. Doch er begehrte gegen Gott auf und wurde in die Hölle gestoßen.«
»Und was ist mit Satan? Ist Satan nicht Luzifer?«
»Nein, ist er nicht, auch wenn es nicht der regulären Lehre entspricht. Aber Padre Amorth und ich haben es in Tausenden von Gesprächen mit Besessenen und Dämonen herausgefunden.«
»Gabriele Amorth war Ihr Vorgänger?«, fragte MacDeath verwundert. »Der frühere Chefexorzist des Vatikans?«
»Ja. Und er hat oft mit den Dämonen gesprochen. Genau wie ich.«
»Und da haben Sie erfahren, dass Satan nicht mit Luzifer identisch ist?«
»Luzifer«, sagte Don Alvaro statt einer Antwort, »rebellierte als größter aller Engel gegen Gott. Satan war ebenfalls ein höherer Engel, aber er war anders als Luzifer. Berechnender, grausamer. Und Luzifer wurde doppelt erniedrigt.«
»Inwiefern?«
»Er wurde nach dem Sturz in die Hölle nicht zu deren Herrscher. John Milton, der Autor von Paradise Lost, schrieb dazu, dass es besser sei, in der Hölle zu herrschen, als im Himmel zu dienen. Doch hier hatte er unrecht. Denn das ist nicht geschehen. Der wahre Herrscher der Hölle war nicht Luzifer, sondern …«
Clara beendete den Satz. »Satan?«
»So ist es«, sagte Don Alvaro. »Gott machte die Erniedrigung Luzifers perfekt.«
»Und wer ist der Dritte in diesem Triumvirat?«
Don Alvaros Gesicht verfinsterte sich. »Manche nennen ihn Abaddon, den König des Abgrunds. Zum ersten Mal wird er im Buch Tobias erwähnt, eine apokryphe Schrift, die es nicht in alle Bibelversionen geschafft hat. Luther zum Beispiel hat sie aussortiert. Asmodeus hat angeblich die Städte Sodom und Gomorrha zu ihren Lastern und Sünden verleitet, was schließlich zu ihrer Zerstörung führte.« Er faltete die Hände. »Die Offenbarung des Johannes berichtet von einem Stern, der vom Himmel fiel, nachdem der Engel Gottes die fünfte Posaune geblasen hat. Der Stern enthielt den Schlüssel zur Unterwelt, aus der am Ende der Zeit die Wesen des Abgrunds hervorkriechen und über die Welt herfallen werden. Und der König dieser Wesen ist Asmodeus.«
Er machte eine Pause. »Auch Asmodeus ist überall«, fuhr er dann fort, halb zu sich selbst, halb zu Clara und MacDeath. »Wie oft ich ihm schon begegnet bin …« Er sprach es aus, als hätte er es mit einem alten Feind zu tun.
»Und dieses … Insiderwissen haben Sie von den Dämonen?« Clara konnte es nicht glauben. »Sprechen sie zu Ihnen?«
»Nein, aber die Menschen. Die besessenen Menschen.«
»Dann haben Sie es erfahren durch …?«
»Durch den Mund der Besessenen«, sagte Alvaro todernst.
»Und wie oft haben Sie diese Exorzismen schon durchgeführt?«
Don Alvaro wiegte den Kopf. »Ungefähr zwanzigtausend Mal.«
Claras Handy klingelte erneut.
Wieder Hermann.
Sie kam sich auch schon wie eine Besessene vor.