14
Clara fuhr mit Vollgas über die Landsberger Allee in Richtung Biersdorf, Bezirk Marzahn-Hellersdorf. Ihr Ziel war das UKB, das Unfallkrankenhaus Berlin, das besonders auf Brandverletzungen spezialisiert war. Die Berliner Brand-Intensivstation, kurz »Brand Intensiv« genannt, war hier stationiert. Clara hatte schon einige der Wunder gesehen, die von den Ärzten dort auch bei großflächigen Verbrennungen vollbracht wurden.
Am Eingang zur Intensivstation kam Clara eine Stationsschwester entgegen.
»Kann ich Ihnen helfen?«
»Das werden wir herausfinden.« Clara zeigte ihren Ausweis. »Ich bin Clara Vidalis, LKA Berlin. Sie haben hier eine Patientin namens Sarah Steffen.«
»Oh, ja, Frau Vidalis. Guten Tag. Ich bin Schwester Lydia«, sagte die rotblonde Frau, die sofort höflicher wurde. »Sie wurden uns schon angekündigt. Herr Funke hat uns angerufen.«
Clara nickte. »Der hat sich auch bei mir gemeldet. Wer hat Frau Steffen identifiziert?«
»Einer seiner Polizeikollegen, soviel ich weiß.« Schwester Lydia schaute in eine Notiz. »Ein Herr Krause. Er hat sie auch an der Autobahn aufgesammelt und dann den Notarzt gerufen. Eine unsere Kolleginnen hat Frau Steffen aber auch erkannt, als sie ihr die Haare gewaschen hat.«
»Haben Sie noch eines der Kleidungsstücke, die sie getragen hat?«, fragte Clara. »Oder eine Haarbürste?« Als sie den verwunderten Gesichtsausdruck der Schwester sah, erklärte sie ihr den Sachverhalt. »Dann können wir die DNA abgleichen und haben hundertprozentige Gewissheit, dass es sich wirklich um Sarah Steffen handelt.«
»Können Sie das hier gebrauchen?« Sie reichte Clara einen Kamm.
Clara nickte. »Das müsste gehen!« Sie steckte den Kamm in eine Asservatentüte.
»Was hat sie denn getan?«, fragte die Schwester und zupfte an ihrem Kittel.
»Sarah Steffen? Gar nichts. Wir nehmen aber an, dass sie bei einem schweren Verbrechen eine Opferrolle spielt.« Clara blickte an der Schwester vorbei zur Intensivstation. »Wie geht es ihr?«
»Im Moment schläft sie, und das ist ein Glück.« Schwester Lydia drehte sich zu der Station um. »Sie war stark dehydriert. Wir rehydrieren sie gerade über einen ZVK mit Infusionen.«
ZVK. Ein zentraler Venenkatheder, dachte Clara.
»Konnten Sie schon mit der Frau reden? Die Polizisten haben offenbar noch nichts aus ihr herausbekommen.«
Die Schwester schüttelte den Kopf. »Wir auch nicht. Und es geht ja auch nicht darum, etwas aus ihr herauszubekommen.« Der Blick der Schwester wurde energisch. »Die Patientin braucht jetzt erst einmal viel Ruhe. Sie hatte einen Kreislaufzusammenbruch und ist stark dehydriert, wie ich bereits sagte. Möglicherweise leidet sie obendrein an einem Trauma, aber das werden wir erst später herausfinden können.«
»Das verstehe ich ja alles«, sagte Clara. »Mir ist klar, dass die Frau Ruhe braucht. Aber sie ist eine wichtige Zeugin in einem sehr brisanten Fall, in dem es um mehrere Morde geht.«
»Mehrere Morde?« Schwester Lydia blickte sie entgeistert an. »Davon stand nichts auf der LKA-Website. Da stand nur das Übliche … seit längerem vermisst … zweckdienliche Hinweise nimmt jede Polizeidienststelle entgegen …«
»Es geht um mehrere Morde, denen noch weitere folgen können«, fuhr Clara unbeirrt fort. »Es könnte sein, dass Sarah Steffen in der Gewalt des Mörders gewesen ist, sodass sie uns einiges über ihn sagen kann.« Sie machte eine Kunstpause und ließ die Worte auf Schwester Lydia wirken. »Je eher wir mit Frau Steffen reden können, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir Menschenleben retten. Unschuldige.«
Die Schwester wand sich einen Moment. Dann blickte sie nach hinten und öffnete die Tür zum Zimmer von Sarah Steffen.
»Also gut«, sagte sie mit einer Stimme, die kaum mehr als ein Flüstern war. »Aber nicht länger als fünf Minuten. Wir nehmen an, dass die Patientin traumatisiert ist. Seien Sie also vorsichtig.«
Sarah Steffen lag regungslos da, inmitten von Schläuchen, Kabeln und Apparaten. Das Gesicht war hager und ausgezehrt, die Augen lagen tief in den Höhlen. Clara sah, dass die Frau wach war. Ihr Blick war hektisch und unruhig, als rechnete sie damit, dass jederzeit irgendetwas Schreckliches im Zimmer auftauchen könnte.
Hinter ihr blinkte ein Überwachungsmonitor. EKG-Elektroden waren an ihrem Oberkörper und den Armen befestigt. Die Herzfrequenz wiederholte sich mit einem regelmäßigen Piepton, und auf einem Monitor waren die Herzschläge in einem grünen Diagramm auf schwarzem Grund zu sehen. An ihrem Zeigefinger leuchtete rot eine Pulsoxymetrie, mit der per Lichtverfahren der Sauerstoffgehalt im Blut über die Blutfrequenz im Zeigefinger gemessen wurde. Verschiedene Infusionsnadeln hingen an ihrem zentralen Venenkatheder, durch sie mit Flüssigkeit und Elektrolyten versorgt wurde.
»Denken Sie bitte daran, vorsichtig zu sein. Wir möchten nicht, dass es zu einer Retraumatisierung kommt«, flüsterte Schwester Lydia.
»Natürlich«, sagte Clara und setzte sich auf einen Stuhl am Bett der Patientin, die sie ein wenig ängstlich beobachtete. »Ich heiße Vidalis, Clara Vidalis«, stellte sie sich vor. »Ich bin vom LKA Berlin, Kriminalpolizei. Ich bin gekommen, um Ihnen zu helfen.«
Sarah Steffen nickte unmerklich.
Als Schwester Lydia gegangen war, zog Clara das Foto von Bormann hervor.
»Ich weiß, das alles ist hart für Sie. Ich werde Sie auch nicht länger belästigen als notwendig.« Clara beugte sich vor. »Ich weiß, dass es nicht schön war, was Sie erlebt haben.« Clara vermied bewusst, Worte wie »traumatisch«, »schrecklich« oder »grauenvoll« zu verwenden. Was man hörte, konnte in der Vorstellung schnell wieder Realität werden, und der Patient wäre auf der Stelle retraumatisiert. Sagte sie hingegen »nicht schön«, blieb meist nur das Wort »schön« hängen.
»Der Mann, mit dem Sie zu tun hatten …«, sie zeigte Sarah das Foto von Kevin Bormann, »war es der hier?«
Sarah Steffen öffnete ein paar Mal den Mund. »N … nein«, stammelte sie schließlich. Es klang, als wäre ihre Kehle völlig ausgetrocknet. Clara reichte ihr eine Schnabeltasse mit Wasser, das sie dankbar trank. »Nein, der war es nicht. Völlig ausgeschlossen. Der bei mir … war jünger.«
»Jünger?«
»Viel jünger«, flüsterte sie. »Und der hier, der sieht doch aus wie ein Penner.«
Clara nickte. »Er war Hartz-IV-Empfänger und Alkoholiker, beides schon seit Langem.«
»Eben«, sagte Sarah mit brüchiger Stimme. »Die Statur ist auch ganz anders. Der war es nicht. Und der spricht bestimmt auch anders.«
»Wie hat denn …«, begann Clara. »Wie hat denn der Mann bei Ihnen gesprochen?« Sie wollte keine Worte wie »Entführer« oder Ähnliches verwenden, um die Frau nicht noch mehr aufzuregen.
»Sein Wortschatz war sehr ausgewählt … mit Metaphern und Beispielen und Fremdwörtern … ganz anders, als so einer«, sie zeigte mit zitternder Hand auf das Foto, »sich ausdrücken könnte.«
»Und das ist Ihnen aufgefallen?«
»Das lernt man als Psychiaterin.«
»Verstehe.«
Sarah erwiderte nichts. Beide Frauen schwiegen eine Zeit lang.
»Haben Sie seine richtige Stimme gehört?«, fragte Clara dann.
»Nein. Ich … ich glaube, er hatte einen Stimmenverzerrer. Ich bin nicht sicher, ob ich sie wiedererkennen würde.« Sie setzte sich aufrecht hin. »Haben Sie seine Stimme?«
Clara schüttelte den Kopf. »Leider nicht.« Sie überlegte einen Moment. Der DNA-Probe zufolge war Sarah Steffen dabei gewesen, als ihr Sohn ermordet worden war. Clara hatte ein ungutes Gefühl bei der Frage, aber sie musste das Thema ansprechen, solange die Erinnerung der Frau noch einigermaßen frisch war. Vielleicht konnte sie dadurch herausfinden, ob Sarah den Killer nicht doch irgendwie einordnen konnte.
»Als Sie Ihren Sohn zuletzt gesehen haben«, sagte Clara, »war da …«
Die Wirkung dieser Worte war durchschlagend. Clara sah, wie der Frau das Gesicht entglitt, als wären ihre Züge aus Wachs, das sich einer lodernden Flamme näherte. Sie riss die Augen auf und stieß einen langen, schrillen Schrei aus.
»Mein Sooohn! Wo ist er? Wo ist er?«
Sie setzte sich ruckartig auf, zerrte an den Kabeln.
»Er war dort. Er war dort! Nicht der auf dem Foto! Sondern der, der ihn mir genommen hat! Der meinen Sohn ermordet hat! Und ich musste es mit ansehen!«
Clara erkannte, dass sie bei Sarah Steffen soeben eine Erinnerung geweckt hatte, die sie besser unter der Decke des Vergessens gelassen hätte. Doch Sarah Steffen umklammerte bereits Claras Handgelenk wie ein Schraubstock. Clara konnte nicht glauben, wie viel Kraft in dem ausgemergelten Körper steckte. »Ich musste alles sehen! Alles! Wie er starb! Das Blut! Das viele Bluuut!«
Hinter ihr fingen die Geräte laut zu piepen an. Das EKG machte verrückte Sprünge, als wäre es kein Herzschlag, sondern der Aktienkurs irgendeiner dubiosen Internet-Firma.
Doch auch wenn sie die Erinnerung an Steffens toten Sohn besser nicht losgetreten hätte – hilfreich war die Information, die Clara gerade bekam, dennoch. Es stimmt also, dachte sie. Sie ist tatsächlich dort gewesen. Sarah Steffen hatte den Mord an ihrem Sohn miterlebt. Der Täter hat nicht nur die DNA der Frau am Tatort platziert, sie war dabei gewesen.
Aber das war nicht das Problem, das Clara im Moment zu schaffen machte. Wieder stieß Sarah Steffen einen schrillen Schrei aus. Wieder riss sie an den EKG-Sonden und an dem ZVK in ihrer Vene. »Ich muss ihn kriegen!«, kreischte sie. »Ich … muss … ihn … kriegen! Er hat meinen Sohn! Meinen Sooohn!«
Ihr Kinn zitterte, Speichel flog aus ihrem Mund, als sie schrie, während ihre Augen abwechselnd teilnahmslos blickten, dann wieder vor Schrecken geweitet waren.
»Mein Sooohn!«, schrie sie. »Mein Sooohn!« Tränen strömten ihr über die Wangen. Sie lag da wie ein waidwundes Tier. Oder nur wie eine Mutter, die ihr Kind verloren hatte.
Clara spürte den Schmerz, als wäre er ihr eigener. Denn auch sie hatte etwas verloren. Damals. Ihre Schwester Claudia, die von einem perversen Scheusal entführt worden war. Sie spürte den Schmerz noch heute.
Doch nun musste sie etwas unternehmen. Wenn die Frau weiter so schrie, war gleich das gesamte Krankenhauspersonal hier. Und dann würde sie nie erfahren, wer der Mörder …
Sie spürte den harten Griff an der Hand. Von jemandem, der es gewohnt war, hart zuzupacken, im wahrsten Sinne des Wortes.
Die Krankenschwester.
»Jetzt reicht’s!«, zischte Schwester Lydia. »Ich hatte Ihnen doch gesagt, Sie sollen die Patientin schonen! Und was tun Sie?«
»Mein Sohn ist tot!«, schrie Sarah Steffen und krallte ihre Finger in ihre Haare.
»Ich muss einen Mord aufklären. Das ist eine laufende Ermittlung«, verteidigte sich Clara.
»Einen Dreck müssen Sie! Verlassen Sie sofort dieses Zimmer!«
Clara ließ es geschehen, dass Schwester Lydia sie langsam, aber bestimmt aus dem Zimmer schob, während ein Assistenzarzt zum Bett eilte und Sarah eine Spritze setzte. Sekunden später war sie ruhig.
Als die Tür geschlossen war, wandte Clara sich an die Schwester. »Hören Sie, wir ermitteln hier in einem Mord. Und es geht nicht nur um ein Opfer, sondern um mindestens drei. Wir können es uns nicht leisten, dass noch mehr Menschen sterben. Die Frau hat vielleicht den Mörder gesehen oder kann uns zu ihm führen.«
»Jetzt hören Sie mir mal zu«, fauchte Schwester Lydia. Alle Freundlichkeit war von ihr abgefallen. »Diese Frau ist unsere Patientin. Wir sind für ihre Heilung zuständig. Wenn Sie die Frau in einen Zustand versetzen wie eben, gefährden Sie ihr Leben. Dann werden wir Ihnen untersagen, überhaupt noch einmal mit ihr zu reden, das verspreche ich Ihnen. Es sei denn, es geht ihr wieder sehr viel besser. Ich sage es noch einmal: Wir sind für ihre Heilung zuständig!«
»Und ich für Recht und Gesetz. Wir suchen einen Mörder«, erwiderte Clara, gab sich aber innerlich bereits geschlagen.
»Das ist mir egal.« Schwester Lydia verschränkte die Arme. »Wir haben hier das Hausrecht. Die Patienten kommen zuerst. Wenn Sie uns weiterhin Ärger machen, lasse ich Sie aus dem Haus werfen.« Dann wurde ihre Stimme leiser. »Oder wollen Sie wirklich, dass die Patientin womöglich einen Herzinfarkt bekommt und stirbt?«
Clara ließ die Schultern sinken. Hier war nichts zu machen. Die Schwester hatte in der Tat das Hausrecht, genauso wie die Ärzte, und nicht sie, Clara Vidalis – LKA hin oder her. Und wenn Sarah Steffen an einem Herzinfarkt starb – und daran fehlte offenbar nicht viel –, würden sie gar nichts mehr von ihr erfahren, es sei denn, sie hätten einen Geisterbeschwörer.
Claras Handy klingelte. Eine SMS von MacDeath:
Sektion von Bormann ist im Gange. Kommst du auch?
Bormann? Was half der ihnen noch? Er war es ja offenbar nicht gewesen.
Bedrückt verließ Clara das UKB, stieg ins Auto und fuhr zur Rechtsmedizin nach Moabit. Die DNA-Probe von Sarah Steffen, die die Schwester ihr gegeben hatte, nahm sie mit.