30.
Clara und Hermann saßen wieder vor Jasmin Peters’ silbernem Laptop. Ein zweiter Rechner der IT stand daneben, auf dem Hermann sich durch diverse Benutzeroberflächen klickte. Er öffnete eine lilafarbene Seite, auf der Fotos von attraktiven Frauen und Männern zu sehen waren.
»Das ist Dategate«, sagte Hermann. »Ein Kontaktnetzwerk für Beziehungen und Sexkontakte. Wir haben vorhin schon bei denen angerufen. Sie schicken uns alle relevanten IP-Adressen der letzten acht Monate.«
»So lange speichern die?« Clara hob die Augenbrauen.
»Sechs Monate sind Pflicht. Die speichern aber noch länger, weil sie die Daten weiterverkaufen«, sagte Hermann. »Erst haben sie es abgestritten, aber als wir gesagt haben, dass wir auch gerne mit Blaulicht vorbeikommen können, ging’s auf einmal.« Er griff in die Gummibärchentüte, die inmitten des Chaos aus Schrauben, Platinen, CDs und Kabeln auf dem Tisch lag. »Willst du jetzt welche?«, fragte er.
»Kann eh nicht mehr schlimmer werden«, sagte Clara und griff sich drei Gummibärchen aus der Tüte.
Hermann öffnete ein Fenster auf der Kontaktplattform. Es zeigte das Foto einer hübschen jungen Frau. Als Name war Lady J. angegeben, doch das Foto zeigte eindeutig Jasmin Peters mit offenen blonden Haaren und einem knappen Top an irgendeinem Strand.
»Das ist sie«, sagte Hermann, während Clara die Hobbys, persönlichen Interessen und sexuellen Vorlieben überflog, die bei solchen Kontaktseiten immer den Profilen zugeordnet waren.
Hobbys: Lesen, Sport, Ballett, Reisen, Yoga, Reiten (nicht nur auf Pferden ;–)
Das typische Smiley, dachte Clara, das sich aus dem Internet nicht nur in der Tastatursprache, sondern sogar schon in der Handschrift einiger Leute eingenistet hat. Ihre Blicke huschten weiter über den Text.
Ich suche einen Mann, der nicht nur an das Eine denkt, sondern es vor allem sehr gut beherrscht.
»Oh«, sagte Clara, »an der ist eine Diplomatin verloren gegangen. Denn die meisten Männer auf solchen Plattformen suchen ja genau das.«
»Also weniger Museumsbesuche und Tanzschule?«, fragte Hermann, während er andächtig auf den Gummibärchen kaute.
»Wohl eher nicht«, sagte Clara. »Hat sie viel Post bekommen?«
»Jede Menge.« Hermann öffnete ein neues Fenster. Es zeigte mehr als hundert Mails von interessierten Männern an. »Die haben wir aus den Dateien recovered, die sie schon gelöscht hat.«
Recovered, dachte Clara. Das war ein Lieblingswort bei der IT. Und es war unheimlich. Denn richtig löschen konnte man in der digitalen Welt fast nichts mehr. Alles war irgendwie wieder herzustellen. Nichts konnte vergessen, nichts ungeschehen gemacht werden. Ohnehin fragte ein Computer immer reichlich aufsässig, ob man sicher sei, dass man etwas löschen wolle – und selbst dann war das, was man gelöscht zu haben glaubte, nicht wirklich gelöscht. Denn selbst die Daten, die niemand mehr brauchte, tauchten durch das Recovern wie Gespenster wieder auf; die Datenmengen wuchsen und wuchsen, und das gesamte System blähte sich auf in einer diabolischen Schwangerschaft der Information.
Hermann klickte auf Jasmins Profil. »Lady J. schien einer der Stars bei Dategate zu sein.« Er scrollte durch die Mails. Neben dem Rechner surrte ein Laserdrucker. Hermann beugte sich vor und zog ein paar Blatt Papier heraus. »Hier«, sagte er. »Eine kleine Kostprobe.«
Clara überflog die Zeilen. Eine ganze Heerschar von Interessenten hatte Jasmin mit den unterschiedlichsten E-Mails zur Kontaktaufnahme bombardiert.
DREAMBOY: Warum meldest du dich nicht mehr? Ich könnte dich heute zum Essen einladen. Wie wär’s?
STALLION: Du hast wirklich hübsche Augen.
GÜNTHER: Bin schon etwas älter, aber vielleicht können wir uns mal treffen?
TRIPLE X: Darf ich dein Lecksklave sein?
DREAMBOY: Na, was ist?
SPORTY: Hey, Lady J., ich habe ein Gedicht für dich verfasst. Schau mal, da unten …
STALLION: Du bist aber auch sonst sehr schön.
GÜNTHER: Das heißt, ich bin dir zu alt?
SPORTY: Habe dir gerade ein Foto geschickt. Und?
SPORTY: Sag mal was zu dem Schnappschuss! Hast du ein Oben-ohne-Foto?
PRINCESS: Magst du auch Frauen?
SPORTY: OK, mit BH geht auch. Sorry. Melde dich mal.
MR. BOND: Schönes Top. Wann sehen wir uns mal?
TRIPLE X: Was ist? Gefalle ich dir nicht? Ich will dein Sklave sein, Herrin.
MR. BOND: Ich koche für dich.
PRINCESS: OK, dann eben nicht.
SPORTY: Habe dir gerade Einladung für Chat geschickt. Würde mich freuen.
GÜNTHER: Wir müssen auch nicht gleich Sex haben.
SPORTY: Bin noch bis elf Uhr online. Melde dich mal.
GÜNTHER: Ich bin ein sensibler Bursche.
SPORTY: Wieso bist du online und meldest dich nicht?
TRIPLE X: Muss jetzt zur Arbeit. Melde dich.
STALLION: Du erinnerst mich an Cameron Diaz.
SPORTY: Blöde Schlampe!
»Meine Güte«, sagte Clara. »Das nimmt ja kein Ende.«
»Fühlen Frauen sich von solchen Mails angesprochen?«, fragte Hermann. »Kommt mir alles ziemlich plump vor.«
»Plump ist Trumpf«, sagte Clara und lächelte ein wenig gequält. »Aber in einem Zeitalter, in dem auf jedem Internetkanal für jeden Zuschauer jeden Alters Pornographie zu sehen ist, so weit das Auge reicht, ändern sich halt auch die Umgangsformen.« Clara zuckte die Schultern. »Die wollen schnell zur Sache kommen.«
Sie dachte kurz an ihren letzten Freund, den sie vor einem Jahr vor die Tür gesetzt hatte. Er hatte sie betrogen. Auch mit einer Frau, die er im Internet kennengelernt hatte. Sie schob den Gedanken beiseite.
»Jasmin Peters schien von den Mails aber nicht so begeistert gewesen zu sein«, sagte Hermann.
»Wer ist von so was schon begeistert? Ganz so schnell geht der Verfall dann doch nicht.« Clara griff unbewusst noch einmal in die Gummibärchentüte. »Abgesehen davon ist das die Berühmtheit, von der ich vorhin gesprochen habe. Du erinnerst dich?«
Hermann nickte. »Voll im Rampenlicht stehen und jeden abweisen dürfen?«
»Es ist wie ein Rausch. Eine Mail nach der anderen kommt rein, und jede sagt dir, dass du begehrt wirst, dass alle dich wollen.« Sie blätterte durch die Liste. »Aber du bist weit weg. Du musst nicht großartig reden, damit man dich in der Disco in Ruhe lässt, du musst nicht nach höflichen Floskeln suchen, um auf einem Empfang zu einem anderen Grüppchen zu wechseln, wo es weniger Nervensägen gibt, du musst gar nichts machen. Du schiebst die Mail in den Papierkorb, und das war’s.«
»Bis auf ein paar Ausnahmen«, sagte Hermann und öffnete ein neues Profil. »Zum Beispiel den hier. Jaques. Mit dem hat sie sich ziemlich lange unterhalten. Der Einzige.«
Ein dunkelhaariger Mann um die dreißig. Leicht gebräuntes Gesicht, wache Augen, etwas Verschmitztes im Blick.
»Hübscher Kerl«, sagte Clara.
»Findest du?« Hermann klang beinahe ein bisschen neidisch. »Ich finde, der sieht schwul aus.«
»Metrosexuell«, verbesserte Clara. »Jede Frau will einen Mann, der sich männlich verhält und sie trotzdem versteht. Weil Letzteres bei Ersterem meist nicht vorherrscht, umgeben Frauen sich gerne mit Schwulen, weil die meist einfühlsamer sind. Ideal ist daher ein Mann, der sich wie ein Schwuler benimmt, aber nicht schwul ist.«
»Und das ist ein Metrosexueller?« Hermann kaute wieder auf einem Gummibärchen.
»Genau. Just gay enough to get the girl.« Clara faltete die Blätter zusammen. »Aber was schreibt er?«
»Er macht das geschickter.« Hermann reichte ihr einen weiteren Ausdruck.
Liebe Lady J., verzeihe mir, dass ich dich einfach so anschreibe, aber der Strand, an dem du stehst, ist das nicht auf Fuerteventura, Puerto del Rosario? Ich schreibe deswegen, da ich selbst auch oft dort war und ein Freund von mir dort jetzt eine Werbeagentur aufgebaut hat. Vielleicht interessiert dich das ja.
Liebe Grüße, Jaques.
Clara hob anerkennend die Augenbrauen. »Der ist ein Verkäufer. Der nimmt den indirekten Weg. Nicht gleich à la boah, du hast ja tolle Titten, willste mit mir ins Bett? Stattdessen schafft er eine Gemeinsamkeit, die sie beide verbindet.« Sie sah Hermann an. »Und? Sie antwortet?« Er nickte. »Sogar ziemlich schnell. Hier, lies.«
He, Jaques, das ist ja ein Ding. Du bist der Erste, der den Strand bei Fuerteventura erkannt hat. Das ist wirklich Puerto del Rosario, ganz toller Sand.
Sag mal, das mit der Agentur klingt ja interessant.
Grüße, Lady J.
Hermann klickte weiter, und der Drucker summte. Claras Blick schweifte ein wenig abwesend über die Zeilen und richtete sich dann auf das Foto von Jasmin auf der Website. Ein weißer Sandstrand, im Hintergrund ein kleines Hafendorf, zwei Schiffe, die auf dem Strand lagen, zum Dorf hin einige Palmen.
»Gesetzt den Fall«, sagte Clara und blickte Hermann an, »das ist nicht irgendein netter Typ namens Jaques, sondern der Killer – woher weiß er, dass das Fuerteventura ist? Es könnte jeder andere Strand irgendwo im Süden sein.«
Hermann zuckte die Schultern. »Eine Möglichkeit ist, dass er wirklich mal dort war.«
Clara blickte skeptisch drein. Die Möglichkeit bestand, aber die Wahrscheinlichkeit war verschwindend gering.
»Okay, und wenn er noch nie dort gewesen ist? Und wenn er sich noch dazu in den Kopf gesetzt hat, genau diese Frau umzubringen? Und wenn er auf Teufel komm raus das Vertrauen dieser Frau gewinnen muss? Woher weiß er dann, dass das Fuerteventura ist, wenn er noch nicht dort gewesen ist?«
Hermann wackelte mit dem Kopf.
»Vielleicht ist er wirklich ein netter Kerl, und wir beißen uns am Killer fest.«
»Ich muss erst mal nur in eine Richtung denken, und in dieser Richtung ist dieser Bursche der Killer.« Clara merkte, dass ihre Stimme ein wenig schroff klang, aber das änderte nichts: Sie musste sich in das Denkmuster des Täters hineinversetzen.
Was war beim Vorgehen des Killers wichtig? Der erste Kontakt mit Jasmin musste sitzen. Der erste Schuss. Wie bei Bewerbungsgesprächen. Daher der geschickte Eröffnungszug, die Gemeinsamkeiten über das Hintergrundbild. Nicht der Frau genau das sagen, was ihr all die anderen notgeilen Typen schon gesagt haben. Und auch nicht blöd fragen: Wo ist das, wo du da stehst? Nein – wissen, wo sie steht. Gemeinsamkeiten schaffen. Und wenn man es nicht weiß, muss man es eben herausfinden. Und dann die nächste Frage: Warum gerade diese Frau? Weil er ihr Foto gesehen hat. Warum ist er dort hängen geblieben? Weil sie ihn an jemanden erinnert? Weil es diese Frau sein muss und keine andere? Aber warum?
In solchen Augenblicken konnte Clara in das Innere des Killers schauen. Sie konnte seine Wünsche sehen, seine logischen Schlüsse nachvollziehen, seine Begierden spüren. Es waren solche Augenblicke, in denen die U-Bahn kurzzeitig auf der Erdoberfläche fuhr, sichtbar wurde wie der schreckliche Wurm in den Eishöhlen der Antarktis bei H. P. Lovecraft, bevor sie wieder in der Finsternis des Untergrunds verschwand und unsichtbar zu einem neuen Schrecken raste.
Hermann verschränkte die Hände und ließ die Fingerknochen knacken. »Du willst es ganz genau wissen?«
»Ich will seine Methodik verstehen.«
»Wie er es gemacht hat?« Hermann atmete aus. »Je nachdem, wie gut er sich im Internet auskennt, kann es sein, dass er das Foto von Jasmin runtergeladen und den Hintergrund mit dem Strand durch eine Bilddatenbank gejagt hat, um einen Abgleich zu bekommen. Das ist möglich, aber die Anzahl der Bilder ist dort sehr begrenzt.«
Er öffnete ein neues Fenster im Webbrowser.
»Die andere Möglichkeit ist Google.«
»Google? Inwiefern?«
»Er kann alle Bilder, die Google von irgendwelchen Stränden irgendwo findet, mit diesem Bild vergleichen. Bei Millionen von Bildern von Millionen Urlaubern auf Millionen von Servern ist die Chance sogar recht hoch, dass eines dieser Bilder dem hier mehr oder weniger ähnlich sieht und zufällig den Titel ›Fuerteventura, Puerto del Rosario‹ trägt. Wenn er Glück hat, bekommt er sogar drei Bilder mit diesem Titel und kann ganz sicher sein.«
»Können wir das mal gegenchecken?«
Hermann schüttelte den Kopf. »Nicht auf die Schnelle.«
»Lass mich raten.« Clara bohrte weiter. »Weil man dafür einen sehr leistungsfähigen Computer braucht und selbst der einiges an Zeit benötigt?«
»Exacto!« Hermann nickte. »Dauert mit Sicherheit einen Tag, wenn nicht mehr.«
»Und der Killer hat vielleicht einen solchen Computer und die Geduld und die Zeit, das durchzuziehen?«
Hermanns Blick verdüsterte sich, und er nickte wieder. »Könnte sein.«
»Eins gefällt mir gar nicht«, sagte Clara. »Dass dieser Bursche extrem geduldig, methodisch und clever zu sein scheint.«
»Ja. Wie ein Kerl, der mit ’ner Schrotflinte eine Tankstelle überfällt, sieht er mir auch nicht aus.«
»Jetzt mal im Ernst.« Clara nahm die Füße vom Stuhl und stand auf. »Wir brauchen einen Anhaltspunkt. Wenn die DNA von dem Kerl nirgends gespeichert ist, haben wir gar nichts. Wie geht denn die Unterhaltung weiter?« Sie griff nach den Ausdrucken und las den Mailverkehr zwischen Lady J. und Jaques halblaut vor:
»Was macht denn dein Freund in der Agentur … Models, auch Werbekampagnen … was machst du denn sonst so? Na klar, das hab ich mir gedacht.« Sie sah Hermann an. »Der Typ behauptet natürlich, in einem Ableger der Agentur zu arbeiten, der darauf spezialisiert ist, neue Stars zu pushen.«
»Sie war wohl dumm genug, das zu glauben.«
Clara zuckte die Schultern. »Mann und Frau sind immer dumm genug, das zu glauben, was sie hören wollen.« Sie las halblaut weiter.
»Vielleicht sollten wir uns mal sehen … okay.« Sie blätterte weiter durch die Seiten. »Dann will sie Fotos von ihm sehen. Schickt er die?«
Hermann klickte durch das E-Mail-Konto von Jasmin. »Ja. Einige im Anzug, andere an einem Strand. Dann hat er auch ein paar Halbnacktfotos beigelegt.«
»Musste ja irgendwann kommen«, sagte Clara. »Hat sie ihm auch etwas geschickt?«
»So ungefähr dasselbe, aber so freizügig wie er ist sie dann doch nicht geworden.« Er klickte weiter durch die Seiten. »Irgendwann hat er ihr seine Handynummer geschickt.«
Claras Kopf zuckte vor wie ein Katapult. »Wir haben seine Handynummer?«
Hermann lächelte gequält. »Leider nur Prepaid, und die Karte ist alle. Wurde im Februar diesen Jahres am Alexanderplatz gekauft, den Shop kennen wir. Dummerweise hat der Kunde bar bezahlt. Kameraaufnahmen von dem Laden gibt es aus der Zeit nicht mehr.«
»Mist!« Clara kniff die Lippen zusammen. »Wobei es mich bei diesem Killer auch gewundert hätte, wenn er dermaßen plump vorgehen würde.« Sie dachte kurz nach. »Gibt es eine Möglichkeit, über das Internet oder auf andere Weise herauszufinden, ob wir diese Nummer zuordnen können? Über andere Chats oder Blogs oder was auch immer?«
»Haben wir bei ihm schon versucht«, sagte Hermann. »Aber da ist nichts.« Er schaute auf das Profil von Jasmin. »Bei ihr ist es leider anders.«
»Bei ihr kann man das herausfinden?«, fragte Clara.
»Hier geht’s los.«
Hermann blätterte durch die Seiten und zeigte mit dem großen Finger auf einen Satz. Clara las laut vor:
»Ok, dann lass uns doch die Tage mal telefonieren. Ich bin bis Montagmittag in Berlin. Das ist jetzt der Killer. Dann sie: Vielleicht schaffen wir’s am Sonntagabend auf einen Drink? Sollte ab neunzehn Uhr wieder da sein. Aber schick mir vorher eine SMS.«
Clara schaute Hermann an. Das war die Verabredung! Der Typ war ein perfekter Verkäufer. Er war nebulös geblieben, hatte nicht auf ein Treffen gedrängt, sondern hatte es ihr überlassen, ein Treffen vorzuschlagen. Und sie war darauf eingegangen.
Am Sonntagabend, dem 10. März. Irgendwo auf einen Drink.
Doch es gab keinen Weißwein, keinen Tee, keinen Cocktail.
Es gab Blut.
Viel Blut.
Clara las weiter. »Hier ist meine Handynummer.«
Hatte Jasmin damit ihre eigene Hinrichtung besiegelt? Sie wandte sich an Hermann. »Kann er damit etwas anfangen?«
»Es ist tatsächlich eine der Nummern von Jasmin Peters. Wir haben zwei: Zunächst mal iPhone T-Mobile mit Vertrag.« Hermann zog ein Blatt hervor, das die IT-Techniker vorher ausgedruckt hatten. »Zu jedem Vertrag gehören Name, Geburtsdatum, Bankverbindung, Schufa-Auskunft und Anschrift der Person. Anhand dessen kann man alles rausfinden.«
»Aber die iPhone-Nummer ist eine andere als die, die Jasmin rausgegeben hat.«
Hermann nickte. »So funktioniert das oft. Viele Leute, die in diesen Chats unterwegs sind, haben zwei Nummern. Eine für das wirkliche, seriöse Leben und eine für …«, er zuckte mit den Schultern, »für so etwas.«
»Ist die auch mit Vertrag?«
»Nein. Auch Prepaid. Die letzte Karte wurde im Februar gekauft, beim Media Markt Neukölln Arcaden.«
»Konnte der Killer anhand dieser Prepaidnummer herausfinden, wer Lady J. ist und wo sie wohnt?«
»Leider ja.« Hermann klickte auf eine andere Website auf Jasmins Computer. Der Name war copyscape.com. Eine Eingabemaske von Webseiten.
»Was ist das für eine Seite?«
»Copyscape prüft Inhalte des Internets, die an verschiedenen Stellen noch einmal auftauchen, zum Beispiel eine Handynummer.« Er kratzte sich am Kopf und griff wieder in die Gummibärchentüte. »Diese Handynummer kann an irgendeiner anderen Stelle einem Namen zugeordnet sein. Wenn es diese andere Stelle gibt, wird sie gefunden.«
»Und das kann Google nicht?«
»Kann Google prinzipiell auch, aber Copyscape ist auf solche Doppelungen spezialisiert. Die Seite wird eigentlich dafür eingesetzt, damit Webdesigner prüfen können, ob ihre Inhalte nicht von anderen Leuten nachgemacht werden und es dadurch Copyright-Verletzungen gibt.«
Clara bog die Arme nach hinten, um die Verspannung im Nacken zu lösen.
»Und hat der Killer etwas gefunden?«
»Wir haben jedenfalls etwas gefunden«, sagte Hermann. »Es gab da eine Wiki-Page.« Er schaute sie kurz an. »Diese webbasierten Dokumente, an denen verschiedene Leute gleichzeitig arbeiten können. Sie hatte von einer Uni-Studiengruppe eines dieser Wikis, wo sie im Team ein Referat schreiben mussten. Ist schon etwas her, im dritten Semester. Aber es ist noch online. Das Internet hat ein gutes Gedächtnis. Und was nicht gelöscht wird, bleibt.« Er klickte das Wiki an. Es ging um Marketingstrategien für eine Getränkefirma. Irgendetwas aus dem BWL-Seminar. Jasmin Peters’ Name stand dort, gemeinsam mit zwei weiblichen und zwei männlichen Kommilitonen.
»Der Bereich ist geschützt«, sagte Hermann, »aber nicht mit mehr als Hundert-Bit-Verschlüsselung, sodass man sich relativ einfach dahinterhacken kann. Und selbst wenn man’s nicht kann – Google kann es.«
»Google kommt einfach so in geschützte Bereiche?«
»Du musst dir das vorstellen wie die Reise nach Rom«, sagte Hermann. »Viele Wege führen dorthin. Normalerweise fliegt man mit dem Flugzeug oder fährt auf der Autobahn. Ist die verstopft, nimmt man eine Landstraße. Ist die auch verstopft, nimmt man einen Feldweg. Irgendwie kommt man nach Rom, auch wenn die größten Zugangswege blockiert sind. Genau so macht es Google. Der Google Robot durchforstet ganze Webseiten innerhalb von Mikrosekunden nach wichtigen Keywords. Irgendwann kennt er alle Wege. Und Google hat nur ein Ziel: Informationen zu sammeln. Wenn die Hauptwege verstopft sind, findet der Robot irgendwann auch die Feldwege.«
Clara zeichnete mit einem Kugelschreiber mehrere Wege auf die Ausdrucke. »Das heißt, die Autobahn verlangt Maut. Wer die nicht hat, kommt nicht durch. Auf den Feldwegen aber schon.«
Hermann nickte. »Genau. Die Autobahn ist der direkte Weg, wo nach einem Passwort gefragt wird. Auf dem Feldweg kann man dieses Passwort umgehen.«
»Musste unser Killer dazu Google manipulieren?«
»Er musste wissen, wie die Semantik von Google tickt, anhand welcher Kriterien der Google Robot Informationen findet, auswählt und für speicherungswürdig erachtet.«
»Und die Information ist öffentlich?«
»Die steht in fast jedem Marketingbuch über Suchmaschinenoptimierung«, sagte Hermann. »Die meisten Unternehmen, die mit ihren Seiten im Netz sind, wollen ja von Google gefunden werden und am besten ganz oben stehen.«
Schöne neue Web-Welt, dachte Clara. Die Geheimnisse des Internetmarketings sind auch für Serienkiller nützlich. Sie tippte mit dem Stift auf das Papier. »Jetzt zu dem Wiki. Was hat er da gemacht?«
Hermann klickte durch die Seiten. »Über Copyscape hat er die Seite herausgefunden, indem er den Nickname ›Lady J.‹ und die Handynummer eingegeben hat. Vielleicht noch ihre Hobbys wie Reiten und so weiter. Und dann hat er sich entweder reingehackt, wenn er schlau ist …«
»Was ich dem Typen durchaus zutraue«, warf Clara ein.
»Ich auch.« Hermann nickte. »Oder er hat die Frage bei Google so eingegeben, dass Google den Feldweg genommen hat. Ruckzuck war er in dem Wiki-Dokument drin, das eigentlich geschützt ist.«
Clara nickte bedächtig. »Verstehe. Und wie konnte er die Nummer zuordnen?«
Hermann ging mit der Maus auf eine andere Seite. »Zu dem Wiki gehörte eine Liste derjenigen, die an der Seminararbeit beteiligt waren«, sagte er. »Da standen die Namen, E-Mails und Handynummern drauf. Falls man sich mal schnell abstimmen will.«
Clara folgte dem Mauspfeil von Hermann.
Jasmin Peters, 3. Semester, BWL und Kulturwissenschaften, Mail: [email protected]
Es folgte die Handynummer. Clara schüttelte den Kopf. Verdammt. Jasmin hatte schon ihre Prepaidnummer angegeben und nicht die mit dem Vertrag. Doch selbst das hatte nichts genützt. Alles war so transparent wie in einem offenen Buch.
»Jetzt wusste er auch noch eine weitere Mailadresse, die Prepaidnummer und den richtigen Namen.«
Hermann lächelte. »Das Netz wurde immer enger.«
»Dann hat er so weitergemacht?«, fragte Clara. »Wieder Querverweise gezogen, den Namen und die Handynummer irgendwo eingegeben, sich irgendwo anders reingehackt? Auf der Suche nach ihrem Facebook-Alias und ihrer wirklichen Adresse?«
Hermann nickte.
»Und wenn unser Killer sich so gut mit Computern auskennt, wie wir glauben …«
»… findet er auch das heraus. Er weiß schließlich, wer sie ist«, Hermanns Stimme wurde tonloser, »und wo sie wohnt.«
»Scheiße!« Clara zog an ihren Fingern. »Dann hat sie damit ihr Todesurteil unterschrieben. Der Typ hatte die Nummer, dann hat er auf Facebook gecheckt, ob sie tatsächlich am Wochenende weg ist und bis wann, dann hatte er die Verabredung irgendwo ›auf einen Drink‹, und dann hat er vielleicht in ihrem Bahn-Konto gesehen, wann sie wiederkommt. Und so konnte er alles vorbereiten.«
»Falls es der Killer ist.« Hermann blickte auf das Foto auf dem Bildschirm. »Einen Typen, der Frauen ermordet, den Mord filmt und als CD verschickt, stelle ich mir anders vor.«
»Mit Hörnern und Klauen und feuerspuckend, nicht wahr?« Clara musste unfreiwillig lachen. »Es ist immer der Vorteil von Killern, dass niemand glaubt, dass sie Killer sind.«
Beide schauten wie hypnotisiert auf den Bildschirm, auf das freundliche, markante, braun gebrannte Gesicht mit den dunklen Augen und den schwarzen Haaren, schauten auf die Mails von Jasmin Peters, auf die Nachrichten bei Dategate und auf die IP-Protokolle. So viele Daten, dachte Clara, und keine einzige Lösung. Sie merkte, wie sich die Müdigkeit allmählich Bahn brach, wie ihre Lider schwer wurden und die Bilder auf dem Monitor und der Text in den Nachrichten verschwammen. Sie sah sich an einem Strand, sah einen freundlichen Jungen auf sie zugehen. »Hallo«, sagte der Junge, »ich arbeite in einer Strandagentur. Wir verkaufen Handys und wissen, wo du wohnst …«
Schwere Schritte erklangen auf dem Flur. Claras Traum vom Strand löste sich auf wie Rauchschwaden.
Die Tür flog auf, und das Gesicht von Kriminaldirektor Winterfeld erschien in der Tür.
»Laden und entsichern«, rief er und schlug mit der Faust in seine offene Hand. »Wir haben ihn!«
Clara war augenblicklich hellwach.
»Wenn alles gutgeht, nehmen wir diesen Käferfetischisten noch heute Abend hoch.« Winterfeld stand im Türrahmen, die Hände stolz in die Hüften gestemmt.
»Haben wir weitere Spuren?«, fragte Clara.
»Das will ich meinen.« Winterfeld grinste. »Wir konnten seine DNA zuordnen!«