11
Rom. Santa Maria Immaculata. Das Anwesen von Don Alvaro de la Torrez.
Das Erste, was sie sahen, war dichter schwarzer Rauch. In der Ferne erklang das Heulen von Sirenen.
MacDeath hatte mit Don Tomasso telefoniert, und sie hatten für den Tag darauf einen Termin bei Alvaro bekommen, obwohl MacDeath gedrängt hatte, noch am selben Tag nach Rom zu fliegen unter dem Vorwand, es hätten sich wichtige neue Erkenntnisse ergeben. Um die Formalitäten hatte Winterfeld persönlich sich gekümmert.
Doch was war hier los? Was war in der Zwischenzeit geschehen?
Einsatzwagen der Carabinieri und Rettungsfahrzeuge standen vor dem Anwesen Don Alvaros. Notärzte und Rettungssanitäter eilten ins Haus, und überall waren Schutt und Löschschaum zu sehen. Ein Feuerwehrmann sprach in ein Funkgerät, und ein Kommissar der römischen Questura wechselte ein paar Worte mit Alvaros Haushälterin Michela, die mit tränenüberströmtem Gesicht vor ihm stand.
Dann kamen zwei Männer mit einer Bahre, auf der ein schwarzer Plastiksack lag, die Treppe herunter.
»Wer ist das?«, fragte MacDeath auf Italienisch.
»C’e Signor de la Torrez«, sagte einer der Sanitäter.
»Ist er tot?« Die Frage war im Grunde überflüssig, denn der schwarze Sack war mit einem Reißverschluss verschlossen.
»Penso che si«, sagte der Sanitäter und nickte. »Ich glaube ja.«
Dann war alles im Innern des Wagens verschwunden.
MacDeath schaute Clara mit großen Augen an.
»Don Alvaro ist …«
»Ja«, sagte eine Stimme, in der Schmerz und Verzweiflung mitschwangen. »Er ist tot.«
Don Tomasso kam die Treppe herunter, in Tränen aufgelöst, ein Taschentuch in der einen Hand, in der anderen ein paar Aktenmappen.
»Er ist …« Tomasso stockte, als suche er nach Worten, und rang sichtlich um Fassung. »Er ist verbrannt. Es war vor einer Stunde. Ich war in der Messe in St. Peter und wollte anschließend zu ihm, da sah ich den Rauch. Michela …«, er zeigte auf die Haushälterin, »sie war gerade beim Einkaufen, als es geschehen sein muss. Wir haben sofort die Feuerwehr und den Rettungswagen gerufen. Aber es war zu spät … zu spät.« Er drückte sich das Taschentuch vors Gesicht und schluchzte haltlos.
»Wer hat das getan?«, fragte Clara und schaute MacDeath an. »Einer der Gefolgsleute des Drachen?«
Don Tomasso schüttelte den Kopf.
»Er selbst.«
»Er selbst?«
Tomasso nickte und schnäuzte sich ins Taschentuch. »Das hier habe ich im Briefkasten gefunden.« Er holte einen Brief in einem Umschlag aus Büttenpapier hervor. »Er hat ihn wahrscheinlich in den Briefkasten gelegt, weil der weit genug vom Haus weg ist. Ich habe ihn bereits gelesen. Offenbar hat Don Alvaro ihn auch an andere hohe Würdenträger in Rom und im Vatikan geschickt. Es ist … es ist unglaublich.«
Tomasso reichte Clara den Brief. Er war mit einem Computer geschrieben und trug, mit Füllfederhalter, die geschwungene Unterschrift von Alvaro de la Torrez.
Mit zitternden Fingern öffnete Clara den Brief und las:
Verehrter Heiliger Vater, Kardinäle und Eminenzen!
Ich war bereits auf Erden in der Hölle.
Vielleicht bin ich jetzt wahrhaftig dort.
Wenn Sie diese Zeilen lesen, lebe ich nicht mehr. Dann habe ich versagt, und man hat herausgefunden, mit welchen Mitteln ich für meine heilige Mission kämpfe. Vermutlich haben meine Helfer, die Bewohner des Feuers, die meine Mission zwar nicht verstanden haben, aber stets meine willigen Handlanger gewesen sind, mich verraten oder wurden ausgelöscht.
Aber das bekümmert mich nicht. Denn Gnade ist nur für die, die sie verdient haben. Die Kettenhunde Satans waren meine willfährigen Diener. Ich habe jedes Mal frohlockt, wenn sie im Namen ihres gefallenen Engels jene Menschen getötet haben, die dem Bösen dienten und das getan haben, was der Teufel, ihr Herr und Meister, sich immer und überall wünscht, seit Anbeginn der Schöpfung. Am Ende aber waren sie nur Späne, die vom Tisch fallen und die man ins Feuer wirft. Im Dienst Gottes sollte man auch mit schlechten Werkzeugen arbeiten können.
Das Leben ist schrecklich, das Böse herrscht, das Gute ist eine kleine Flamme im Sturm. Wenn wir wissen, was wir wissen sollten, können wir uns erheben und das Böse vernichten. Können wir das nicht, haben wir nur noch die Möglichkeit, das zu tun, was ich nun tun werde. Ich werde mich den reinigenden Flammen übergeben, indem ich meine Kleidung mit Heizöl übergieße und mich anzünde.
Es gibt nur eine Teufelsdarstellung in St. Peter, einen Engel mit Fledermausflügeln, versteckt auf einem kleinen Altar hinter dem großen Baldachin, unter dem der Papstaltar steht. Dieser Engel aber sieht viel zu harmlos aus, als dass er als Sinnbild für den Leibhaftigen gelten könnte. Denn ist es nicht der größte Sieg des Satans, für nicht existent gehalten zu werden? Ist es nicht immer das Ziel des Bösen, kleiner und ungefährlicher zu scheinen, als es in Wahrheit ist, damit es umso wirkungsvoller sein Vernichtungswerk fortführen kann?
Es ist ein Fehler, die andere Wange hinzuhalten und sich den Mächten der Finsternis kampflos zu ergeben. Es ist ein Fehler, von einer besseren Welt im Jenseits zu fabulieren, ohne das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen.
Darum musste ich tun, was Jesus gepredigt hat. Ich musste dafür sorgen, dass manche Sünder nun am Grund des Meeres liegen, mit einem Mühlstein um den Hals.
Ich war Exorzist. Ich habe Tausende böser Geister ausgetrieben. Doch es reicht nicht, den Dämon nur bei einzelnen Menschen auszutreiben. Man musste den Exorzismus ganzheitlich sehen. Den Exorzismus am Körper des gesamten Menschengeschlechts. Den Exorzismus am Körper der Welt. Man muss das Böse mit brennender Klinge aus dem Fleisch der Erde schneiden, immer wieder, bis es ausgerottet ist.
»Weichet von mir, ihr Verfluchten«, hat Jesus gesprochen, »in das ewige Feuer, das für den Satan und seine Vasallen bestimmt ist.« Denn wer ohne Beichte im Stand der Todsünde stirbt, ist für immer verloren – und nichts anderes hat er verdient.
Das gilt nun auch für mich. Deshalb werde ich in den Flammen der Hölle brennen, nachdem meine irdische Hülle verbrannt ist.
Ich habe sie alle töten lassen. Gayo und Venturas waren nur die Letzten in einer langen Reihe. Ohne die Möglichkeit der Erlösung, der Beichte und der Lossprechung, im Stand der Todsünde.
Denn es reicht nicht, dass sie nur auf dieser Welt Schmerz erleiden für das, was sie getan haben. Es reicht nicht, dass sie sterben. Ihre Schuld wiegt so schwer, dass die Strafe für immer andauern muss. Für immer und ewig.
Sie mussten sterben. Den ersten und den zweiten Tod.
Sie mussten büßen, sie mussten leiden, sie mussten brennen. Für immer. Und immer.
Nun wurde meine Mission entdeckt. Einer der tüchtigsten Vasallen, die mir gedient haben, ohne es zu wissen, der Drache, ist tot. Es wird nicht mehr lange dauern, bis die Polizei an meine Tür klopft. Deshalb werde ich gehen, bevor ich mir die Schmach und Schande antue, mit den weltlichen Gesetzen und irdischen Ordnungshütern über meine heilige Mission zu streiten, mit ihnen, die nur den Schutz der Täter und des Bösen im Sinn haben.
Ich habe versagt. Meine Mission ist beendet. Und ich habe es verdient, in der Hölle zu brennen, nachdem meine leibliche Hülle hier auf Erden vom Feuer verzehrt wurde. Doch vertraue ich der Gnade Gottes, dass er mich den reinigenden Flammen des Purgatoriums übergibt, damit meine Seele, nach Jahrhunderten, geläutert die himmlische Herrlichkeit schauen kann.
Mein Herr und Hirte, der Heilige Vater und Bischof von Rom, meine Herren Kollegen, Eminenzen, Priester und Diakone. Ich stelle euch allen frei, in Zweifel zu ziehen, was ich getan habe. Es sogar zu verurteilen. Ich bitte euch nur um das bisschen Aufmerksamkeit für meine hehren Ziele und meine reinen Gedanken, ohne die kein Verstehen möglich ist.
Jetzt, bevor ich die Flammen entzünde, sind meine Gedanken und Gebete bei euch. Und ich hoffe, dass wir uns wiedersehen.
Dort, im anderen Leben.
Gott segne euch.
Don Alvaro de la
Torrez
Priester und oberster Exorzist der Diözese
Rom
Clara blinzelte mit halb zusammengekniffenen Augen in die Sonne. Der Inhalt des Briefes hatte sie getroffen wie ein Hammerschlag. Sie dachte an den Augenblick, an dem sie genau hier mit Don Alvaro gestanden hatte, bevor sie in den Helikopter gestiegen war, der sie zu dem höllischen Tatort gebracht hatte, an dem Isabel Venturas auf so grausame Weise gestorben war.
Don Alvaro de la Torrez, Priester und oberster Exorzist der Diözese Rom, war der wahre Drache gewesen. Als Clara und MacDeath sich erneut bei ihm angekündigt hatten, hatte er gewusst, dass er aufgeflogen war. Möglicherweise hatte er zuvor auch schon vom Tod des Drachen erfahren. In diesem Moment war ihm klar geworden, dass seine Mission gescheitert war. Und welche bitteren, in seinem fanatischen Hass auf das Böse jedoch folgerichtigen Konsequenzen er daraus gezogen hatte, ging nur allzu deutlich aus seinem Abschiedsbrief hervor.
In einer kurzen Vision sah Clara den alten Priester vor sich, der so freundlich und gütig, aber auch herrisch und unerbittlich hatte sein können. Sie sah sein Gesicht vor dem Bild des vom Schwert durchbohrten Körpers von Franco Gayo, vor dem Bild seiner Sekretärin, die mit der Axt erschlagen worden war; sie sah Tom, Gayos Manager, den man mit einer Nagelpistole hingerichtet hatte; sie sah Mandy, die sich die Zunge abgebissen hatte und daran verblutet war; sie sah Hendrik, der vom Zug zermalmt worden war, und sie sah den seltsamen, schwarz gekleideten Mann, der sie angerufen und sich vor ihrer Wohnung in den Mund geschossen hatte. Sie sah ihn noch immer im Schein der Straßenlaterne auf dem Rücken liegen, die Waffe umklammert, den Lauf am Mund, hinter seinem Kopf ein Kranz aus Blut und Knochensplittern.
Und schließlich sah sie den Drachen selbst, dem sie das Messer bis zum Anschlag in die Halsschlagader gebohrt hatte. Sie sah noch einmal seinen Mund, in Schock und Erstaunen und Schock aufgerissen, nach Luft schnappend wie ein Fisch, den man bei lebendigem Leibe durchschneidet.
Zuletzt sah sie noch einmal Don Alvaro, tot in einem schwarzen Plastiksack. Er hatte den Drachen für seine Zwecke eingespannt, hatte es irgendwie geschafft, ihn für seine Mission zu gewinnen. All die Informationen, die sich auf den Sticks befanden, all das verbotene Wissen über schreckliche Dinge, die bestimmte Menschen getan hatten und noch taten. Dinge, von denen niemand wissen durfte.
Aber wie wahrscheinlich war es, dass ein satanischer Kult all diese Informationen besaß?
Nein, das war völlig ausgeschlossen.
Der Vatikan hatte diplomatische Beziehungen zu mehr Staaten als Deutschland.
Es war viel wahrscheinlicher, dass ein Mann wie Alvaro, hoher Würdenträger des Heiligen Stuhls, an diese Details herankommen konnte.
Clara dachte an den schwarzen Plastiksack, den sie eben noch gesehen hatte. Wieder sah sie das alte, gutmütige Gesicht Don Alvaros vor sich, hinter dessen Fassade sich eine teuflische Intelligenz und ein grandios böser Plan verborgen hatten.
Clara dachte daran, dass Alvaros Spruch ihr das Leben gerettet hatte. Gottes Kraft ist in der Schwachheit stark. Damit hatte sie den Drachen besiegt. Doch der Drache war von Don Alvaro geschickt worden. So hatte er sie vor einer Gefahr bewahrt, die er selbst geschaffen hatte. Doch genau durch diese Gefahr war er aufgeflogen. Und jetzt war er tot. Verbrannt.
»Signora Vidalis …« Es war Don Tomasso, der noch immer neben ihnen stand, während MacDeath nachdenklich zum Nachmittagshimmel und auf die Rauchwolken blickte. »Wenn ich Ihnen in irgendeiner Weise zu Diensten sein kann, lassen Sie es mich bitte wissen.« Er reichte ihr eine Karte. »Aber mein Schmerz und meine Trauer«, wieder liefen ihm Tränen über die Wangen, »sind unermesslich. Was er getan hat … Ich kann es nicht glauben. Don Alvaro war mehr als mein Lehrmeister, müssen Sie wissen. Er war der Vater, den ich nie gehabt habe. Ich kann nicht fassen, was geschehen ist …« Er schniefte wieder in sein Taschentuch. »Ich werde im Gespräch mit Gott Trost suchen. Wenn Sie mich brauchen, wissen Sie ja, wo Sie mich erreichen.«
Clara nickte und nahm die Karte entgegen. Sie schüttelten sich die Hand. »Ich danke Ihnen«, sagte Clara. »Und ich wünsche Ihnen Kraft. Ich weiß, wie es ist, einen lieben Menschen zu verlieren.« Wobei sie nicht sicher war, ob lieb hier das richtige Wort war.
Hier war Italien. Und damit nicht ihr Zuständigkeitsbereich. Die Kollegen von der Questura würden die Verhöre führen. Wenn sie Glück hatte, bekam sie die Protokolle. Aber was würde das ändern? Der Fall war gelöst, doch glücklicher machte sie das nicht.
Sie sah Don Tomasso nach, wie er mit unsicheren Schritten über die große Brücke in Richtung Petersdom davonging – eine einsame, verlorene Gestalt.