3
Der Todeswächter nahm dem Mann auf dem Stuhl die Kappe ab. Sein Kopf wurde von einem Stativ, das zu dem Stuhl gehörte, auf dem er saß, auf skurrile Weise nach hinten gedreht.
»Ist das nicht eine wundervolle Ruhe hier?«, fragte der Todeswächter. »Keine Reporter, die vor der Tür campen und irgendwas sehen und hören wollen, sobald etwas Ungewöhnliches passiert. Und, bei Gott, hier wird gleich etwas Ungewöhnliches passieren.« Er schaute beide an, den Mann auf dem Stuhl und die Frau in der Zelle. »Sonst sind sie immer da, wie ein Rudel hungriger Wölfe, die sich an den Schmerzen laben wie Mücken am Blut. Und die Löcher in ihren Storys füllen mit eigenen Fantastereien.« Er grinste die Frau an. »Aber heute nicht.«
Er legte dem gefesselten Mann eine Hand auf die Schulter. »Darf ich vorstellen? Das ist Sarah.« Er trat vor, wobei er auf sie zeigte. Sie konnte nicht glauben, was sie sah. Auch dieser Mann, der sich Todeswächter nannte, trug eine schwarze Stoffmaske.
Er blickte sie an. »Und das hier, liebe Sarah, ist Tom.« Er zeigte auf den Mann auf dem Stuhl. »Mit ihm werden wir arbeiten. Er hatte mal einen guten Freund namens Gerd. Aber Gerd hat sich von ihm abgewendet und ist geflüchtet. Vielleicht, weil er Angst bekommen hat. Na, egal. Gerd werde ich auch noch finden. Oder ich habe ihn schon gefunden. Wer will das wissen?« Er blickte Tom an. »In jedem Fall werde ich jetzt mit dir arbeiten. Und sie», er zeigte auf Sarah, »will uns dabei zuschauen und etwas lernen.«
Der Mann, der Tom hieß, starrte beide aus panikerfüllten Augen an. Speichel tropfte an seinem Kinn herunter. Sein Mund war weit aufgerissen. Unfreiwillig, denn irgendwie hatte der Kerkermeister ihm die Kiefer auseinandergebogen, was offenbar mit dem Stativ zu tun hatte. Doch genau konnte Sarah das in der Dunkelheit des Kellers nicht erkennen und wollte es auch gar nicht. Vor dem Körper des Mannes hing eine lange Kette, die an einem Flaschenzug befestigt war.
»Du fragst dich sicher, liebe Sarah«, fuhr der Todeswächter fort, »warum ich dir das zeige.« Er blickte sie durch die Maske an. »Nun, damit du weißt, was mit Leuten passiert, die ich nicht mag. Erinnerst du dich an den Hund?«
Oh ja, Sarah erinnerte sich. Der Bastard hatte den unschuldigen Hund einfach abgeknallt.
»Ich hatte nichts gegen den Kläffer«, sprach der Todeswächter weiter. »Es ist nur so, dass ich als Kind keine guten Erfahrungen mit Hunden hatte. Aber diesen Straßenköter hier«, er zeigte auf Tom, als wäre er nur ein Gegenstand, »hasse ich.« Sarah sah, wie Toms Kopf zurückzuckte, doch das Eisenstativ hielt ihn so fest fixiert, als wäre sein Körper mit Beton ausgegossen. »Weißt du warum? Er hat dafür gesorgt, dass eine Frau gestorben ist. Sie ist elendig verreckt. Eine Frau, die mir sehr viel bedeutet hat. Er hat diese Frau angesprochen, obwohl er es nicht sollte. Und dann hat er sie vergewaltigt. Hat seinen dreckigen Schwanz in sie reingesteckt.« Er spuckte die Worte fast aus. »Und dann hat er auch noch behauptet, die Frau hätte gelogen. Die Frau, die vergewaltigt wurde! Deshalb hat diese junge Frau, diese unschuldige hübsche Frau sich umgebracht.« Er schaute Sarah direkt in die Augen. »Und wenn diese unschuldige Frau gestorben ist, sollte dann nicht auch so ein Straßenköter sterben wie unser Freund Tom?«
Der Todeswächter schaute den Gang hinunter, während er auf eine Antwort wartete, als würde dort irgendetwas vorbereitet. Dann wandte er sich schon wieder Sarah zu.
»Weißt du, Sarah, warum ich dir das zeige?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Denk scharf nach.«
Ihr fiel beim besten Willen nichts ein. Vielleicht hatte sie das Gesicht von diesem Tom schon einmal gesehen. Doch bei dem grotesk geöffneten Mund und dem seltsamen Stativ, das seinen Körper so grotesk verdrehte, hätte sie wohl auch ihre eigene Mutter nicht wiedererkannt.
»Dieser Tom«, fuhr der Todeswächter fort, »hat meine Freundin vergewaltigt. Das hat Toms Anwalt nicht gepasst. Er hat ein Glaubhaftigkeitsgutachten für die Aussage meiner Freundin Sabine angefordert. Du musst wissen, dass Tom«, er machte eine kurze Pause, »Sabine K.o.-Tropfen gegeben hat. Damit sie willig ist. Wegen der K.o.-Tropfen konnte sie sich vor Gericht nicht mehr an alles erinnern. Was dazu führte, dass Toms Anwalt«, er spuckte das Wort »Anwalt« verächtlich aus, »zwei Dinge glaubte, die dann zu einem wurden. Sabines Geschichte war wegen der K.o.-Tropfen lückenhaft. Aber da die Ärzte die Tropfen nicht mehr feststellen konnten, zog man es vor zu glauben, dass die Geschichte deshalb lückenhaft war, weil Sabine sie sich ausgedacht hat. Das Gericht«, sein Blick ruhte auf Sarah, »das hierzulande ohnehin immer für die Täter und gegen die Opfer ist, sah es ähnlich und ließ dieses beschissene Glaubwürdigkeitsgutachten anfertigen, das darlegen sollte, ob die Geschichte, die Sabine erzählt, überhaupt wahr ist.«
Sein Blick ruhte starr auf Sarah.
»Und weißt du, wer dieses Gutachten für Sabine, aber eigentlich gegen Sabine geschrieben hat? Wer das Gutachten geschrieben hat, das diesen kleinen Kläffer«, er schaute Tom an, »diesen miesen Vergewaltiger in die Freiheit entließ?«
Sarah sah die Augen hinter der Maske funkeln. Sie kamen ihr wie Dolche vor, die sich in ihre Seele bohrten.
»Diesem Vergewaltiger hat eine gewisse Psychiaterin geholfen. Das warst du, Sarah. Du hast ihm mit deinen vor Lügen triefenden Gutachten geholfen. Du warst es. Deshalb dürfte es nachvollziehbar für dich sein, weshalb du dir jetzt den Tod des Mannes anschaust, den du offenbar tief ins Herz geschlossen hast. Fast so tief wie deinen eigenen Sohn. So tief, dass du ihm sogar ein lügnerisches, falsches Gutachten geschenkt hast.«
Er machte eine Pause und schien es zu genießen, wie die Erinnerung an ihren Sohn ihr Herz erzittern ließ. Doch da sprach er schon weiter.
»Tom wird sterben. Denn wenn dieses Land schon keine Gerichte hat, die Strafen verhängen, muss man das Recht eben selbst in die Hand nehmen. Man muss Recht, Gericht und Vollstrecker sein. Legislative, Judikative, Exekutive. Dann werden Leute wie du zwar arbeitslos, aber deine Stelle muss ohnehin neu besetzt werden. Denn eine Psychiaterin, die in den nächsten fünfzig Jahren in einem Keller verfault, kann keine Gutachten schreiben. Aber zurück zu Tom.« Er zerrte an der Kette. »Wir werden dafür sorgen, dass er niemanden mehr anspricht. Weißt du wie, du kleiner Mistköter?«
Tom gab ein panisches Grunzen von sich, das wohl ein Nein bedeuten sollte. Auch wenn er bestimmt ahnte, dass dieser Wahnsinnige nichts Angenehmes mit ihm vorhatte.
»Gehen wir in der Geschichte ein bisschen zurück.« Der Todeswächter schaute erst Sarah, dann Tom an. »Ich will dir sagen, was dir droht, du kleiner stinkender Kläffer. Weil du die Finger nicht von meiner Freundin lassen konntest. Weil du den Hals nicht vollkriegen konntest. Also, Tom, was dich jetzt erwartet, musste im Jahre 1599 ein spanischer Gouverneur über sich ergehen lassen. Da er den Hals von Gold nicht voll bekam, das er den Ureinwohnern abpresste, nahmen die Jivaro-Indianer in Südamerika in Ecuador die Goldgier dieses Mannes wörtlich. Willst du wissen, was sie mit ihm gemacht haben?«
Der Mann, der Tom hieß, bewegte sich in seinen Fesseln, die aber kaum nachgaben. Seine Augen quollen aus den Höhlen, und er grunzte mit offenem Mund. Mehr brachte er nicht hervor.
»Willst du es wissen?« Der Peiniger wandte sich an Sarah Steffen, schien aber keine Antwort zu erwarten. Sie konnte auch keine geben, konnte den Todeswächter nur entgeistert anstarren.
»Diese Art der Bestrafung«, sagte der Todeswächter, »wurde auch von der Römischen und Spanischen Inquisition angewendet. Wie wir alle wissen, waren das keine Institutionen, die von Amnesty International mit dem Preis für Menschlichkeit ausgezeichnet worden wären.«
Er schaute Tom an, der sich auf seinem Stuhl ruckartig hin und her bewegte.
»Aber kommen wir zur Sache«, sagte der Todeswächter und blickte wieder den Gang hinunter, als würde dort hinten etwas Besonderes warten. Diesmal aber schaute er länger als vorhin. Von Zeit zu Zeit hörte Sarah das Knistern eines Feuers und ein Zischen, das mal lauter, mal leiser wurde. Doch was es war, vermochte sie nicht zu erraten. Und vielleicht war das gut so.
Der Todeswächter schien ihre Gedanken zu erraten.
»Habt ihr euch schon mal ein Museum der Inquisition angeschaut? Du sicher nicht, kleiner Tommy, du bist ja immer nur da, wo junge Frauen sind, in die du deinen Schwanz stecken kannst. Aber du, Sarah, du scheinst gebildet zu sein. Du hast es bestimmt schon gesehen. Daumenschrauben … Nadeln, die unter die Fingernägel geschoben werden … Schneidewerkzeuge und andere Köstlichkeiten.«
Tom verdrehte die Augen so weit nach hinten, dass nur noch das Weiße zu sehen war. Sarah verfolgte fassungslos, was vor sich ging, während ihr schnell gehender Atem und ihr rasender Puls sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen lieferten.
»Aber das alles ist langweilig«, fuhr der Todeswächter fort. »Interessanter ist die Geschichte des spanischen Gouverneurs in Ecuador, der den Hals von Gold nicht vollkriegen konnte. Die Strafe, die auch in Frankreich für den Mörder Heinrichs IV., Ravaillac, und für Damiens, den Attentäter gegen Louis XV., angeordnet wurde, ist zweifellos orientalischen Ursprungs. Auch die Hebräer bestraften habgierige Verbrecher auf diese Weise.« Er schaute beide an. »Könnt ihr euch noch immer nicht denken, was es ist?«
Den Hals nicht vollkriegen … Gold … Folter … Tod …
Langsam kroch die furchtbare Erkenntnis in Sarahs Hirn und versetzte sie in eine seltsame Mischung aus höchster Anspannung, animalischer Angst und tiefster Resignation.
Der Todeswächter bewegte sich den Gang hinunter. Als er wiederkam, trug er dicke Handschuhe und eine Schürze, wie Schmiede sie verwenden. In den Händen hielt er eine Art eisernen Topf, den er an dem Haken an der Kette befestigte.
»Ich muss zweimal um Entschuldigung bitten, lieber Tom«, sagte er zu seinem Opfer, das kurz davor stand, vor Angst bewusstlos zu werden. »Erstens kann ich dir nicht sagen, woran du sterben wirst. Die thermische Verletzung der Lungen kann zum sofortigen Tod führen. Anderenfalls wirst du, da kann ich dich beruhigen, ersticken. Denn wie willst du atmen, wenn ein Block Metall zwischen Mund und Lunge ist? Und falls das nicht passiert, wird natürlich das kochende Metall sein Übriges tun, das deine Mundhöhle, deine Kehle, ja deinen ganzen Körper in einen brodelnden Hexenkessel verwandelt. Also, wie du siehst, lieber böser Tom – sterben wirst du, da kannst du ganz beruhigt sein.«
Er zog den Topf in die Höhe, wobei ein knirschendes Geräusch zu hören war.
»Oh ja, sterben wirst du. Aber in einer Sache muss ich dich enttäuschen. Du hast dich sicher auf Gold gefreut, so wie dieser spanische Gouverneur. Tja, Gold ist mir in Krisenzeiten wie diesen für Abschaum wie dich zu teuer. Wir nehmen etwas anderes. Günstigeres. Aber dennoch genauso Wirksames. Aber verreckten wirst du damit auf genau dieselbe Weise wie unser spanischer Freund vor ein paar hundert Jahren. Sei also ganz beruhigt.«
Doch Tom war alles andere als beruhigt. Er zuckte und zappelte grunzend und würgend auf seinem Stuhl, als der Todeswächter den glühend heißen Topf mit dem blubbernden Metall am Flaschenzug in die Höhe zog und an der Kette befestigte.
Sarahs Atem ging rasselnd. Sie hatte eine solch animalische Angst, dass ihre Muskeln zu Stein wurden, sodass sie sich nicht mehr bewegen konnte, selbst wenn sie es gewollt hätte.
Sie sah, wie Toms Augenlider flatterten.
Und auch sie fühlte sich mit einem Mal hellwach. Die Wirkung der Droge, oder was auch immer dieser Irre ihr eingeflößt hatte, schien nachzulassen. Dafür waren die Schmerzen da. Grauenhafte Kopfschmerzen, die mit jeder Sekunde schlimmer wurden und im Rhythmus ihres wild pochenden Herzens gegen ihre Schädelwand hämmerten.
»Hier haben wir geschmolzenes Blei«, sagte der Todeswächter, zog den brodelnden Topf bis über Toms Mund und hakte eine Stange in den Rand des Gefäßes, um den Topf nach vorne kippen zu können. »Aber wie gesagt, ich kann dich beruhigen. Ich halte mein Versprechen. Gold oder Blei, tödlich ist beides.«
Sarah schaute wie erstarrt zu. Und auch wenn sie selbst nicht das Opfer war, dem Mund und Kehle mit Blei ausgegossen wurden, umfing die Bewusstlosigkeit sie wie eine schwarze Decke, und sie hieß diese Schwärze willkommen.
Sie sah noch, wie das Blei in Zeitlupe nach unten floss.
Dann hörte sie den grässlichen Schrei.
Dann nichts mehr.