11
Es war dunkel geworden. Draußen trommelte der Regen gegen die Fenster des kleinen Ladens im Souterrain.
Alfred Voss, der Besitzer des alten Antiquariats in der Sophienstraße nahe dem Hackeschen Markt, freute sich auf das Glas Single Malt, das er sich gleich zum Feierabend genehmigen würde. Glas und Flasche standen schon auf dem kleinen Regal bereit, zwischen alten Landkarten und Kupferstichen aus dem 19. Jahrhundert. Der Geruch des Whiskys, vermischt mit dem alter Bücher und Leder, hing in der Luft.
Voss wollte gerade seinen Laden für diesen Tag zumachen, als ein letzter Kunde erschien. Voss’ Angebot an Büchern – Hermetik, Geheimwissen, Magie und Okkultismus – lockte auch so manchen seltsamen Vogel an. Einige dieser Leute schienen wirklich an das zu glauben, was in den alten, staubigen Folianten stand, von denen einige für mehr als 1000 Euro über den Ladentisch gingen. Einmal hatte sich ein Kunde ein Buch über Nekromantie gekauft, die Beschwörung der Toten, um anschließend auf dem nahen Friedhof der Sophienkirche nach Leichen zu graben, die er wieder zum Leben erwecken wollte – ein Unterfangen, das ihn geradewegs in die Psychiatrie befördert hatte.
Doch noch keiner seiner Kunden hatte eine solche Aura des Unheimlichen ausgestrahlt wie der Mann, der jetzt mit langsamen Schritten ins Antiquariat kam. Eine bedrohliche Erscheinung in einem schwarzen, abgewetzten Ledermantel mit einer seltsamen Kette um den Hals und einem grausamen Zug um den zusammengekniffenen Mund. Doch am erschreckendsten war die Sonnenbrille. Sie war so schwarz, dass man hinter den Gläsern nichts erkennen konnte, und an den Seiten abgedeckt, sodass Voss sich fragte, wie der Mann überhaupt etwas sehen konnte. Normalerweise trug man solche Brillen, wenn die Sonne hell vom Himmel brannte. Aber nicht in Berlin im Februar, an einem Tag, an dem die Wolken so dicht und tief hingen, als wäre die Erde ein Teil des trüben Himmels geworden.
Der Mann ging wortlos und mit dumpfen Schritten zu einem der Regale, auf dem Bücher über schwarze Magie aneinandergereiht standen, nahm einige Bände heraus, schlug sie an einer bestimmten Stelle auf, als wüsste er genau, wonach er suchte, blätterte ungeduldig hin und her und überflog durch seine schwarze Brille die vergilbten Seiten. Schließlich klappte er das Buch zu, atmete aus, als wäre er wenig erfreut über das, was er gefunden hatte – oder eben nicht –, und nahm ein anderes Buch zur Hand.
Schließlich zog er einen Taschenkalender aus seinem schwarzen, brüchigen Ledermantel und kritzelte mit einem silbernen Kugelschreiber hastig Notizen hinein, während er von Zeit zu Zeit in die Tasche griff, um eine Digitalkamera hervorzuziehen und damit Fotos von bestimmten Textstellen zu machen, wobei er die ganze Zeit vor sich hin murmelte.
Lucifuge Rofocale … Wo ist er? … Das dritte Geheimnis … Der rote Drache … normalerweise dem sechsten und siebten Buch Mose beigebunden, aber hier nicht …
Zwischendurch schürzte er die Lippen und gab seltsame, zischende Laute von sich, wobei Voss seine Zähne sah, die unregelmäßig in seinem Kiefer standen wie eine Reihe verwitterter Grabsteine.
Der rote Drache … Er wirft den dritten Teil der Sterne vom Himmel … Wo ist das Tor? … Die Formel, die das Bindeglied zerbricht … Die sechstausend Stufen …
Voss nahm all seinen Mut zusammen. Wie einen Schutzschild setzte er seine Brille auf, die an einer goldenen Kette um seinen Hals hing.
»Kann ich Ihnen helfen?«
Der Mann blickte sich um, wobei Kopf und Oberkörper sich in einer roboterhaften Bewegung zum Tresen drehten. Voss merkte, wie sein Magen sich zusammenzog, als er in die schwarzen Brillengläser blickte.
Der Mann kam mit langsamen Schritten auf ihn zu, in der Hand ein dickes Buch mit schwarzem Ledereinband. Es war das Grand Grimoire, wie Voss erkannte, eines der Hauptwerke der schwarzen Magie.
»Vielleicht«, sagte der Mann und legte das Buch auf den Ladentisch. »Was kostet dieses Exemplar?«
Voss dachte rasch nach. Je höher der Preis, desto eher wurde er diesen unheimlichen Typen vielleicht los. »Fünfhundert Euro«, sagte er. »Das ist ein Original aus dem neunzehnten Jahrhundert.«
Der Mann nickte, wobei er Voss aus seinen schwarzen Gläsern anstarrte. Dann zog er ein Bündel Banknoten aus der Innentasche seines Ledermantels, zählte fünf Hunderter ab und legte sie auf den Tresen.
»Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?«, fragte Voss und legte die Scheine unter einen Scanner. Sie waren echt.
»Ich brauche noch eine Information«, sagte der Mann. »Das hier«, er tippte auf das Buch, »ist die deutsche Ausgabe des Grand Grimoire. Haben Sie die französische Ausgabe? Den Urtext?«
»Die Ausgabe von 1522? Die gilt als verschollen.«
»Es gibt einen Hinweis in der französischen Ausgabe von 1775 aus Paris. Man muss einen Kreis bilden für die Beschwörung, einen Kreis aus der in Streifen geschnittenen Haut einer jungen Ziege, mit Nägeln am Boden befestigt, die aus dem Sarg eines Kindes stammen.« Der Mann sog die Luft ein. »Das Opfer an Lucifuge Rofocale, den Premierminister der Hölle. Durch das Ritual erhält man seine Zustimmung, die Toten zu befragen.«
Voss schaute den Fremden unbehaglich an. Hatte er es wieder mit einem dieser Irren zu tun, die sich so intensiv mit der Materie befassten, dass sie den größten Unsinn für bare Münze nahmen? Der Fremde klang so, als wollte er das verrückte Ritual wirklich und wahrhaftig vollziehen.
»In dem alten Ritual«, fuhr der Mann fort, »werden allerdings keine Ziegenhäute als Opfer verwendet, sondern Neugeborene.«
»Neugeborene?«, fragte Voss.
»Ja«, sagte der Fremde. »Sie eignen sich am besten zur Beschwörung der Toten, denn sie sind gerade erst aus der Welt jenseits des Tores gekommen. Das Tor, durch das wir alle wieder hinausgehen werden.«
Voss schluckte. Offenbar hatte er es hier mit einem besonders schweren Fall zu tun.
Der Mann schlug das Buch auf und drehte es zu Voss um. »Hier«, sagte er. Sein Finger bewegte sich über den Text. Voss las den Absatz mit.
Ich verspreche Dir, zu Dir zu kommen, wann immer ich gerufen werde. Wenn du die Rute in der Hand hältst, öffne das Buch und sprich das Wort »Rofocale«. Gebe mir dafür Dein Leben lang jeweils am ersten Tag des Monats eine Münze. Tust Du das nicht, so wirst Du mir gehören.
»Und?«, fragte Voss, wobei er unauffällig nach draußen schaute in der Hoffnung, dass ein weiterer Kunde kam. Aber es kam keiner.
»Es fehlt etwas«, sagte der Mann. »Es gibt einen Weg, nicht nur die Toten zu befragen, sondern ihre Seelen auf der Welt zu halten. Das Lebenslicht. Man kann das Bindeglied zerbrechen, sodass es eine Zeit lang weiterflackert, auch wenn der Körper bereits tot ist.« Der Mann trat näher an Voss heran, der zurückwich und beinahe sehnsuchtsvoll zur Tür schaute. »Im Original von 1522 wird das zweite Ritual beschrieben. Das Ritual, das hier fehlt.« Der Mann klopfte aggressiv mit den Fingern auf das Buch. »Dort ist zu lesen, wie man die sechstausend Stufen herabsteigt und das Bindeglied zerbricht.« Noch ein Schritt nach vorne. »Beschaffen Sie mir dieses Buch.«
Voss schüttelte den Kopf und lockerte seinen Hemdkragen. »Das kann ich nicht. Ich sagte doch, es ist verschollen. Seit dem ersten Weltkrieg.«
»Nichts ist verschollen«, sagte der Mann. Voss sah sein eigenes verzerrtes Gesicht, das sich im Schwarz der Brille spiegelte. »Auch die Toten sind nicht tot.«
Mit zitternden Fingern wickelte Voss das schwarze Buch ein und reichte es dem Mann, der es mit klauenhaft ausgestreckten Händen entgegennahm. Dann bewegte sich mit ruckartigen Schritten zum Ausgang. Mit einem Mal hob er die Nase, als würde er etwas riechen oder auf andere Weise wahrnehmen. Er drehte sich um und kam zu Voss zurück. »Sie haben es doch hier«, sagte er. »Ich kann es spüren.«
Voss wich zurück.
»Verkaufen Sie es mir. Ich zahle jeden Preis.«
Voss standen Schweißperlen auf der Stirn. Sollte er das Buch verkaufen? Wenn er einen ausreichend hohen Preis nannte, könnte es das Geschäft des Jahres für ihn werden.
»Also gut«, sagte er. »Zwanzigtausend.«
Zu Voss’ maßlosem Erstaunen blätterte der Mann die Summe bar auf den Tisch. Voss holte das kostbare Buch aus einem Safe, scannte die Geldscheine, wickelte das Buch sorgfältig ein und steckte es in eine Leinentasche, die er dem Mann über den Tresen reichte.
Als die Tür hinter dem Fremden zuschlug, ließ Voss sich schwer atmend auf seinen Lederstuhl hinter dem Tresen fallen.
Das Glas Whisky, das er an diesem Abend trank, war um einiges größer als sonst.