7
Der Mann schaute in die Augen, die er so viele Male gesehen hatte.
Wahrscheinlich hatte er in seinem Leben als Erstes diese Augen gesehen. Damals, vor vielen Jahren, als er das Licht der Welt erblickt hatte.
Umso größer war nun der Schmerz.
Er saß auf dem kalten Betonboden des Raumes, den die Hitze des Sommers noch nicht erobert hatte, und betrachtete ihr Gesicht. Die Augen waren geschlossen, sie schien friedlich zu schlafen. Doch er wusste, dass sie nicht schlief. Er wusste auch, dass sie nicht tot war. Sie war irgendwo dazwischen. Und er hatte die Macht zu bestimmen, ob sie lebte oder starb.
Er sah die Flasche mit dem Mittel, das er in den Tee gemischt hatte – den Nachmittagstee, den er ihr gebracht hatte.
Sie hatte vorher noch mit ihm geredet, erst zusammenhängend, dann immer langsamer und lallender, bis ihre Stimme erstarb, bis sie nur noch den Mund bewegte und schließlich einschlief.
Von diesem Moment an sah er sie anders.
Ganz anders, als er sie sonst gesehen hatte.
Sie hing vor ihm.
Sie hing von der Decke, den Kopf in der Schlinge.
Sie zuckte nicht, strampelte nicht. Und quälte sich hoffentlich auch nicht.
Er schaute weiter in ihr Gesicht, das wie im tiefsten Schlaf aussah, der bald zum ewigen Schlaf werden würde.
Sie hing da, sanft hin und her schwingend wie das Pendel der großen Standuhr, die früher in ihrem Wohnzimmer gestanden hatte. Und so wie bei der Standuhr mit jedem Pendelschlag eine Sekunde verging, verrann mit jeder Sekunde ihre Lebenszeit. Nur war es hier viel endgültiger und gnadenloser.
Er schaute in ihr Gesicht, auf ihren Mund, der sich öffnete, auf die dünnen Speichelfäden, die ihr übers Kinn liefen, die geschlossenen Augen, die noch immer den Eindruck vermittelten, als würde sie friedlich schlafen.
Dann zuckte sie. Einmal, dann noch einmal. Dann liefen Krämpfe durch ihren ganzen Körper. Es war ein grässlicher Anblick; er musste die Augen schließen.
Genau so plötzlich, wie die Krämpfe gekommen waren, endeten sie wieder.
Sie pendelte hin und her, ein letztes Mal.
Da wusste er, sie war tot.
Tränen schossen ihm in die Augen, und er erbrach sich würgend auf den Boden.