Epilog
Je länger ein Mensch tot ist, desto besser versteht man ihn.
Und Clara schien es, als habe sie ihre Schwester noch einmal gesehen, wie sie unbeschwert über die grünen Wiesen lief und die Kühe zum Narren hielt – dank des Fotos im Flammeninferno.
Clara trug den Arm in einer Schlinge. Mindestens zwei Wochen würde sie ihn ruhig halten müssen. Das wird ein eher geruhsamer Urlaub, dachte sie. Vielleicht würde sie gar nicht weit wegfahren, vielleicht nur an die Ostsee oder nach Dänemark. Würde alte Freundinnen anrufen, die sie seit Ewigkeiten nicht gesehen hatte. Und sie würde sich schon einmal Gedanken machen, was sie Freunden und Verwandten zu Weihnachten schenken konnte. Bald war November, und zu früh war besser als zu spät.
Bellmann war noch im Büro, gratulierte Clara und schüttelte ihr lange die Hand, ebenso Winterfeld, Hermann und die Jungs vom Mobilen Einsatzkommando.
Als Letzter kam MacDeath. Da seine alte Brille zerbrochen war, trug er ersatzweise ein äußerst hässliches Kassengestell.
»Jetzt, wo alles erledigt ist«, sagte er und kniff ein Auge zu, »können wir an unseren Whisky denken, was meinen Sie?«
Clara musste lachen. Herzhaft und befreiend.
»Mit der Brille?« Sie lachte noch lauter und wusste nicht, warum. »Ich weiß nicht recht …«
MacDeath hatte mit einigen Antworten gerechnet, aber nicht mit dieser. »Montag habe ich eine neue.«
»Ich rufe Sie gleich an«, sagte Clara und lachte noch immer.
Sie ging in ihr Büro und setzte sich an ihren Schreibtisch, ein letztes Mal vor ihrem Urlaub, klappte ein letztes Mal ihren Laptop auf, prüfte ein letztes Mal ihre Mails – und erstarrte.
Ein Mailabsender stach ihr ins Auge.
Vladimir Schwarz
War das die Mail, die er abgeschickt hatte, kurz bevor sie in das unterirdische Mausoleum eingedrungen waren? Die Mail eines Mannes, der nicht mehr existierte, der aber noch einmal die Hand aus dem Grab ausstreckte?
Sie öffnete die Mail. Wieder eine Mediendatei. Liesmichzuerst. Daneben ein PDF. Liesmichdanach.
Mit zitternden Fingern machte sie einen Doppelklick auf die Mediendatei.
Der Bildschirm war schwarz.
Dann sah sie das Gewölbe.
Das gleiche Gewölbe, das sie vorhin in dem verfluchten Haus gesehen hatte, kurz bevor alles explodiert war.
Und dann sah sie Vladimir.
Den Namenlosen.
Er trug ein schwarzes T-Shirt, genau so, wie sie ihn vorhin gesehen hatte, und blickte starr in die Kamera.
»Clara Vidalis«, sagte er, und sein Schlangenblick bannte ihre Augen. »Viele von uns hoffen, Schauspieler zu werden oder Rockstar oder irgendeine andere Berühmtheit.« Er schüttelte mit einem sadistischen Grinsen den Kopf. »Werden wir aber nicht. Wir werden einsam, krank und verzweifelt alt. Und wenn wir Glück haben, werden wir irgendwann sterben.« Er fletschte die Zähne. »Und wenn wir dann noch einmal Glück haben, ist alles zu Ende. Wenn wir Glück haben, erwartet uns keine Hölle, die genauso eintönig, trostlos und voller falscher Hoffnungen ist wie das Leben, das wir jetzt führen – dann allerdings nicht nur für achtzig Jahre, sondern für immer und ewig.«
Er starrte Clara ein paar Sekunden lang unverwandt an.
»Aber kommen wir zur Sache. Wenn Sie diese Mail öffnen können, haben Sie überlebt. Ich gratuliere. Doch bevor Sie jetzt anstoßen und sich auf die Schulter klopfen, möchte ich Ihnen gerne die Nüchternheit zurückgeben, die Sie in Ihrem Beruf so dringend brauchen.
Sie, Clara, glauben vielleicht, dass Sie gesiegt haben, dass Sie etwas erreicht haben, was Ihre Schuld ein wenig mindert. Doch am Ende haben Sie nur einen einzigen Menschen gerettet. Und wie viele sind in den Tod gegangen? Bei wie vielen ist genau das geschehen, was ich Ihnen jetzt zeige?«
Er hielt inne. Clara fragte sich voller Entsetzen, was geschehen würde. Was wollte er ihr zeigen?
Plötzlich hielt er zwei Skalpelle in den Händen. Er setzte sie jeweils am Ellbogen des anderen Armes an und schlitzte sich mit zwei schnellen, ruckartigen Bewegungen die Unterarme auf. Dann hielt er beide Arme in die Höhe. Helles Blut spritzte auf sein Gesicht, auf sein T-Shirt und die Tastatur. Ein einzelner Tropfen traf die Webcam, die nun alles durch einen bizarren Rotfilter zeigte wie vorhin die sterbende Sonne auf dem Feld. Seine Augen wurden glasig, doch er sprach weiter, als würde das alles gar nicht geschehen, als würde es ihn nichts mehr angehen, als würde ein anderer sprechen.
Doch er war es. Vladimir Schwarz.
Der Namenlose.
»Im Anhang finden Sie ein PDF«, sagte er. Clara konnte hören, wie seine Stimme immer schwächer wurde. »Es enthält die Namen und Adressen all meiner Opfer. Gehen Sie hin, und schauen Sie sie an. Die restlichen zwölf Frauen und sechs Männer, die Sie alle noch nicht gesehen haben.« Er hustete und sprach weiter.
»Genauer gesagt, sieben Männer. Denn ich habe mich nicht nur selbst getötet, um das heilige Opfer der Fünfzehn zu erfüllen, ich nehme Ihnen auch die Möglichkeit, mich in irgendeiner Anstalt wie eine Trophäe ausstellen zu lassen und in die Hände sogenannter Analytiker zu geben.«
Er hob die Hände an die Stirn, einem Denker gleich, während das Blut aus den klaffenden Wunden auf sein Gesicht spritzte. Clara wusste nicht, was schrecklicher war: Das Blut, das groteske Muster auf Vladimirs Antlitz malte, oder die Tatsache, wie gleichgültig ihm dieses Blut, sein Blut, zu sein schien.
»Sie haben ein Opfer gerettet, Clara. Ein gerettetes Opfer auf Ihrer Seite, vierzehn tote Frauen und sieben tote Männer auf meiner Seite.« Er grinste diabolisch aus einem Gesicht, das bereits so eingefallen und aschfahl aussah wie das eines Toten und aus dem die Farbe des Lebens entwich, so wie vorhin das Sonnenlicht vor dem zerstörten Haus aus der Welt geflüchtet war. »Macht einundzwanzig zu eins für mich.«
Noch ein verzerrtes Lächeln, die Zähne um die blutleeren Lippen gebleckt, was ihm das Aussehen eines Totenschädels verlieh.
»Es werden andere nach mir kommen, die die Zahl erhöhen werden, die weit über die Einundzwanzig hinausgehen werden. Und Sie? Werden Sie über Ihre Eins hinausgehen, oder werden Sie nur untätig vor sich hin brüten, so wie Sie jahrelang vor dem leeren Grab Ihrer Schwester gestanden haben?«
Clara bekam kaum noch Luft, konnte nicht sprechen, konnte nichts tun, konnte nur gebannt zuhören.
»Denn ich bin nicht der Erste«, sagte der Namenlose. »Und ich bin nicht der Letzte.«
Die gleichen Worte, die auch Jasmin und Julia gesprochen hatten.
Er hob ein letztes Mal die weißgrauen Hände. Clara schaute in Augen, die sie mit einer Mischung aus Gleichgültigkeit und Kälte anstarrten und in denen das Leben beinahe schon erloschen war, während die Blutfontänen allmählich versiegten.
»Clara«, sagte er ein letztes Mal. »Ich bin Vladimir. Ich bin bereits tot. Doch das Chaos geht weiter.«
Der Bildschirm wurde schwarz.
ENDE