21
Es klingelte dreimal, dann hörte Clara Winterfelds Stimme.
»Was machen Sie?«, fragte er. »Wo sind Sie überhaupt?«
»Möglicherweise nahe an der Lösung.« Der Wagen, in dem sie Karl vermutete, war etwa fünfzig Meter vor ihr auf der linken Spur. Sie stellte das Navi leiser und gab Gas. »Was gibt’s Neues?«
Winterfeld erzählte ihr kurz und knapp die Geschichte von Michael Wauer und der Adoption, die er eben von MacDeath und Hermann erfahren hatte.
»Könnte Michael Wauer der Killer sein?«, fragte Clara. »Ist der Junge vielleicht der Meinung, die Strafe für den Mörder seiner Mutter sei viel zu mild ausgefallen? Werden deshalb alle Beteiligten in eine Situation gebracht, die der seinen ähnelt, als damals seine Mutter starb? Wo sie erleben müssen, wie ein geliebter Mensch stirbt? Und anschließend müssen sie die Totenwache halten?«
»Ich weiß es nicht«, antwortete Winterfeld. »Sicher, er hätte wegen der Vorkommnisse damals einen Grund, alle Beteiligten zu bestrafen, vielleicht sogar aus Rache zu töten …« Clara hörte, wie Winterfeld in Papieren blätterte. Ein großes Schild zeigte ihr, dass sie soeben Berlin verlassen hatte.
»Aber nach so langer Zeit?«, fragte sie. »Wann ist seine Mutter ermordet worden? Ende der Achtziger? Und jetzt fällt ihm ein, dass er dafür Rache nehmen will? Warum hat er sich dann so lange ruhig verhalten?«
»Vielleicht waren die Wunden verheilt und sind aus irgendeinem Grund erst vor Kurzem wieder aufgerissen.« Was Winterfeld sagte, klang logisch. Aber es waren nur Vermutungen. »Wo sind Sie?«
»A 10, Höhe Schönerlinde, Richtung Mühlenbeck. Nördlich von Berlin. Ich hoffe, ich habe ihn bald. Schicken Sie am besten einen Wagen hinterher, falls wir etwas finden. Was meinen Sie?«
Sie wartete ein paar Sekunden auf eine Antwort, aber es kam keine. War Winterfeld beleidigt?
»Herr Winterfeld? Hallo?«
Keine Antwort.
Clara schaute auf ihr Handy.
Kein einziger Strich mehr beim Akku.
Leer.
»Verdammt!« Sie warf das Handy auf den Beifahrersitz, nahm das Auto, das sie verfolgte, wieder ins Visier und gab Gas.
Sie war von ihren Leuten abgeschnitten. Aber sie war auch frei. Das konnte gut oder schlecht sein.
Oder beides.