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Die Zeit nach dem Tod war wichtiger als der Mord selbst.
Clara beschloss, jetzt einmal auf die Todesursachen einzugehen. Denn die könnten vielleicht einen Zusammenhang zu den Münzen herstellen, auf den sie und MacDeath bisher noch nicht gekommen waren.
Es war Zeit, Professor Hoffmann die restlichen Fotos zu zeigen.
»Die ersten beiden Opfer waren Frauen. Die eine wurde erstickt«, sagte Clara und zeigte auf die jeweiligen Bilder. »Die zweite wurde erhängt. Dem dritten Opfer, einem jungen Mann, wurden beide Halsschlagadern durchgeschnitten, sodass er verblutet ist. Man könnte es fast schon als Schächten bezeichnen.«
»Allmächtiger«, sagte Hoffmann, als er die blutbespritzte Kachelwand auf dem Foto sah. Damit hatte er erkennbar nicht gerechnet. »Jede dieser Todesursachen«, fuhr er fort, »wird in der biblischen Mythologie mit Höllenqualen und Jenseitserfahrungen in Verbindung gebracht, die zum Teil aus der Antike stammen.« Er zeigte auf das erste Foto. »Der Verlust des Atems durch Ersticken. Es gibt den göttlichen Odem nicht mehr, den Gott dem Menschen in die Nase geblasen hat, wie im Alten Testament zu lesen ist.«
Er zeigte auf das zweite Foto. »Erhängen. Das war durch die Jahrhunderte hinweg, besonders bei Dante, ein Zeichen für Habgier, eine der sieben Todsünden. Judas Ischariot, der Christus verraten hatte, erhängte sich, nachdem er vorher bereit gewesen war, seinen Herrn für dreißig Silberstücke zu verkaufen und dem Kreuz auszuliefern. Pier delle Vigne, ein florentinischer Beamter, starb im Kerker von San Miniato bei Florenz, doch Dante und Vergil begegnen ihm in der Hölle, und er spricht in abgehackten Würgelauten, als würde er in der Hölle, aufgrund seiner Habgier, zur Strafe noch immer hängen. Interessanterweise hängt er nicht wirklich, sondern wurde in der Hölle in einen Baum verwandelt. Also in das, an dem man normalerweise Menschen erhängt. Im dreizehnten Gesang des Infernos heißt es: Io fei giubbetto a me delle mie case.«
»Und was bedeutet das?«, fragte Clara.
»Ich baue mir aus meinem eigenen Haus einen Galgen.3 Erhängen ist somit ein Mord- oder Suizidmotiv, das nicht nur den Todesprozess im Diesseits, sondern auch das Jenseits beleuchtet. Denn in der Geistesgeschichte werden diese Menschen auch im Jenseits gezeigt. Pier delle Vigne verwandelt sich in einen Baum, spricht aber noch so, als würde er immer noch hängen. Judas erhängt sich und findet sich bei Dante im letzten Höllenkreis wieder, wo der Teufel selbst auf ihm herumkaut.«
»Chefarztbehandlung, könnte man sagen.« Das war MacDeath.
»Chefarztbehandlung muss nicht immer gut sein«, sagte Clara. »Viele Chefärzte haben zu wenig Routine und überschätzen sich.« Sie deutete auf das dritte Foto, das Tobias Steffen zeigte, dem die Halsschlagadern aufgeschnitten worden waren. Hoffmann fasste das Foto mit spitzen Fingern an und betrachtete die offenen Halswunden und die großflächigen Spritzer an der weißen Wand genau.
»Schauen Sie hier«, sagte Clara. »Er ist verblutet. Nicht nur die Halsschlagadern sind geöffnet, ihm wurde post mortem ein tiefer Stich in die rechte Seite versetzt. Unterhalb der unteren Rippen.«
»Verbluten«, murmelte Hoffmann. »Und ein Flankenstich. Auch Mumien ließ man ausbluten, um sie für die Ewigkeit zu konservieren. Dieser Vorgang, der noch in der materiellen Welt stattfindet, hat Auswirkungen auf das Leben in der künftigen Welt. Oder auf die Existenz dort, wenn man im Hinblick auf das Jenseits überhaupt von Leben sprechen kann. Im Alten Testament steht: Das Blut ist das Leben.«
»Und bei Dracula von Bram Stoker«, ergänzte MacDeath.
»Genau da hat Stoker es her«, sagte Hoffmann und hob den Zeigefinger. »Aber was den Stich in die Flanke angeht …«, er zeigte auf das Foto und die Einstichstelle in der rechten Körperseite des jungen Mannes. »Jesus Christus beispielweise wurde nach der Kreuzigung an der rechten Seite von der Lanze des Longinus durchbohrt. Wie Sie wissen, traten dem Neuen Testament zufolge an dieser Stelle Blut und Wasser aus Jesu Körper, und Longinus oder jemand anders fing es in einem Kelch auf. Damit wurde nicht nur der Abendmahlsritus vollendet, der mit dem letzten Abendmahl am Vorabend der Kreuzigung begann, der Kelch mit dem Blut Christi wurde zum Heiligen Gral.«
»Blut und Wasser«, sagte Clara.
»Ich zeige es Ihnen.« Hoffmann stand auf und holte ein Buch aus dem Regal. Ein Renaissancegemälde zeigte die Kreuzigung Christi. Daneben ein römischer Legionär, der einen Speer in Christus’ Seite bohrte.
»Ein Fresko von Fra Angelico«, sagte Hoffmann. »Ein Maler der Frührenaissance aus dem fünfzehnten Jahrhundert. Es gibt Hunderte ähnlicher Gemälde. Es gibt auch Bilder, die zeigen, wie zwei Strahlen aus der Wunde Christi spritzen. Einer besteht aus Blut, der andere aus Wasser.«
Clara rückte näher an das Gemälde heran. Jetzt wurde es interessant. Der Stich in der rechten Seite des jungen Mannes. Der Stich in die rechte Seite Christi. Das Blut, das herausspritzt. Das Blut ist das Leben.
Sie wandte sich an MacDeath. »Kann das Absicht sein?«
»Es wäre eine ungewöhnliche Häufung von Zufällen, wenn es nicht so wäre.« MacDeath trat ebenfalls näher an das Bild heran. »Dass ich nicht sofort darauf gekommen bin. Die älteste Vitalitätsprobe der Welt.«
»Die was?«
»Man stach dem Gekreuzigten in die Flanke, um festzustellen, ob er bereits tot ist. Kam kein flüssiges Blut aus der Wunde, sondern Blut und Wasser, konnte man den Gekreuzigten vom Kreuz nehmen, weil feststand, dass das Herz nicht mehr schlägt. Der Kreislauf war zum Stillstand gekommen, und das Blut hatte sich in das durchsichtige helle Plasma und die roten Zellen aufgeteilt.«
Jetzt war Hoffmann neugierig geworden. »Das mit dem Blut und Wasser ist also nicht nur Poesie?«
»Keineswegs, das ist harte Realität«, sagte MacDeath. »Im Tod trennen sich das dunkle Blutserum und das helle Blutplasma, und zwar so, dass die beiden Flüssigkeiten wie Blut und Wasser aussehen. Deshalb wird in der Eucharistie, dem katholischen Abendmahl, Wein mit Wasser vermischt, wobei die wenigsten wissen, dass sie mit diesem Brauch die Verklumpung des Blutes im Körper einer Leiche rückgängig machen, also im Grunde eine Verschiebung vom Tod zum Leben nachinszenieren.«
»Der Eucharistie-Ritus ist aber als Opferritus inszeniert«, entgegnete Hoffmann. »Wenn das Opfer ohnehin bei der Opferung stirbt, so wie Christus am Kreuz und später beim Opfer der Eucharistie, darf es sich ruhig um die Aggregatzustände des Blutes einer Leiche handeln.«
»Vollkommen richtig.« MacDeath nickte. »Genau genommen macht der Vorgang in der Eucharistie, wenn Blut und Wasser wieder zu Wein und Wasser rückvermischt werden, den Tod rückgängig. Alles wird wieder zusammengefügt. Der Tote steht von den Toten auf und kehrt ins Leben zurück.«
»Ziemlich scary«, sagte Clara.
»Ja«, sagte MacDeath. »Aber wenn die normalen Kirchengänger wüssten, was da eigentlich inszeniert wird, wären die Kirchen vielleicht noch leerer als ohnehin schon. Nur eine Sache stimmt nicht.«
»Und welche?«
»Wenn Blut und Wasser, also dunkles und helles Blutplasma, sich geteilt haben, kann kein Blut mehr aus dem Körper spritzen. Die Blutteilung tritt erst post mortem ein. Dann spritzt aber nichts mehr. Denn wer tot ist, hat keinen Herzschlag mehr, und wo kein Herzschlag mehr ist, da gibt es keinen Blutdruck mehr und damit auch kein herausspritzendes Blut und Wasser oder was auch immer.«
»Da habe ja sogar ich etwas gelernt«, sagte Hoffmann und klappte das Buch zu.
»Genau wie in unserem Fall«, sagte MacDeath, »wo der Stich post mortem erfolgte. Ebenso wie bei Jesus am Kreuz. Damit ist es klar. Der Stich in die Seite hat symbolische Bedeutung. Er verbindet das Leben mit dem Tod und nimmt, in seiner christologischen Bedeutung, die Auferstehung vorweg.«
Ein deutlicher Jenseitsbezug, dachte Clara, und daher kein Nachtat-Verhalten, bei dem ein sadistischer Killer wütend über den schnellen Tod des Opfers war und es nach Eintritt des Todes dafür bestrafen wollte, so wie ein U-Bahn-Schläger auf einen leblos am Boden Liegenden eintritt.
Hier war es anders. Keine Wut über das, was geschehen war, sondern ein Ausblick auf das, was kommt. Vielleicht sollte die Wunde, die nach dem Tod zugefügt wurde, eine Verbindung zwischen Leben und Tod herstellen und war somit ein Blick ins Jenseits.
Clara erhob sich. Die Zeit drängte, und das Wichtigste war gesagt. Außerdem musste sie diesen neuen Sachverhalt schnellstmöglich mit MacDeath diskutieren. »Danke, dass Sie uns Ihre Zeit geopfert haben, Professor Hoffmann«, sagte sie. »Wir würden Sie gerne anrufen, falls uns noch etwas einfällt.«
»Jederzeit«, sagte Hoffmann. »Sonst kommen immer nur Archäologen und andere Wissenschaftler zu mir, die wissen wollen, ob eine Grabinschrift echt ist. Da ist so etwas doch mal eine interessante Abwechslung. Ich gebe Ihnen meine Karte.«
Er händigte Clara und MacDeath jeweils eine Visitenkarte aus. »Warten Sie, Sie bekommen auch noch meine Handynummer.« Er zog einen Stift hervor.
Handy.
In diesem Moment fiel es Clara ein. Das Handy, das Barbara Färber in der Hand gehalten hatte. Konnte das auch etwas mit dem Nachleben zu tun haben?
Sie erzählte es dem Professor kurz und knapp.
»Ein Handy bei einer Toten? Und es scheint nur dafür angeschafft worden zu sein?«
Clara nickte.
»Davon habe ich noch nie gehört«, sagte Hoffmann und reichte beiden die Visitenkarten, »aber ich werde mich schlaumachen und Sie anrufen, wenn mir dazu etwas einfällt.«