31
»Mann und Frau«, sagte MacDeath. »Ein Thema unendlicher Verwirrung. Das sagte schon Freud.«
»Unendliche Verwirrung? Eher noch heilloses Chaos«, sagte Don Alvaro. »Das Gelübde der Keuschheit und der Ehelosigkeit der Priester mag hart sein, aber es erspart einem einen Gutteil an Komplexität.« Er lehnte sich zurück. »Jedenfalls, Satan war eifersüchtig. Das ist er immer und wird es immer sein. Zuerst auf Gott, dann auf die Erzengel, dann auf Christus, weil er der Sohn Gottes war, und schließlich auf die Menschen, weil sie als Gottes Ebenbild geschaffen wurden. Er bekämpfte sie alle, führte sie alle in Versuchung. Beim Mann geschah dies durch die Frau.«
»Was geschieht mit den Besessenen?«, fragte Clara. Sie wusste nicht, ob sie das alles überhaupt glauben sollte, aber da sie einem hohen Kirchenmann und anerkannten Experten gegenübersaß, wollte sie die Gelegenheit nutzen, ihren Horizont zu erweitern, auch wenn manche Aussagen der beiden Priester ihr absurd erschienen – vorsichtig ausgedrückt. »Sind Sie ständig besessen oder nur zeitweise?«
»Man muss sich das mit dem Dämonen und den Besessenen vorstellen wie mit einem reichen Mann, der viele Autos besitzt. Der reiche Mann ist der Dämon.«
»Und seine Autos die Besessenen?«
Alvaro nickte. »Der Reiche kann nicht gleichzeitig mit allen Autos fahren. Er fährt heute mit diesem Wagen, morgen mit jenem. Sobald er fährt, zeigt der Betreffende die Symptome eines Besessenen. Die anderen sind aber auch besessen, da sie sozusagen zu seinem Fuhrpark gehören. Anders ist es bei den Dämonen des Triumvirats, Satan, Luzifer und Asmodeus. Sie sind in der Lage, mehrere Körper gleichzeitig zu besetzen.«
»Wie viele?«
»Tausende.«
»Und was sind die Symptome der Besessenheit?«, fragte Clara.
»Deutliche Symptome sind das Reden in fremden Sprachen, die der Besessene niemals gelernt hat.«
»Welche Sprachen sind das?«
»Viele. Und die Satanssprache, Latein rückwärts.«
»Manche sagen, die fremden Sprachen bei Besessenheit kämen nur dadurch zustande, dass eine andere Persönlichkeit der konditionierten Opfer sozusagen nach vorne kommt«, sagte MacDeath und setzte einen interessierten, dennoch kritischen Blick auf.
»Schön möglich«, erwiderte Don Alvaro. »Aber egal wie viele Persönlichkeiten man hat, man kann damit nicht erklären, warum ein Besessener plötzlich fliegen kann – das, was man Levitation nennt.«
»Was genau geschieht bei der Levitation?«, fragte Clara fasziniert. »Schweben die Menschen wirklich frei im Raum?«
»Ja. Bis zur zwanzig Meter hohen Decke einer Kirche. Ich habe es selbst gesehen. Ebenso einen Menschen, der in schlangenartigen Bewegungen durch den Raum schwebte. Es war das Bizarrste, was mir je unter die Augen gekommen ist.«
MacDeath verzog das Gesicht.
Don Alvaro schaute kurz aus dem Fenster. »Dann gibt es die Aversion gegen alles Heilige, gegen Kreuze, Gebete, Weihwasser, Kirchen. Aber das Unheimlichste sind die Dinge, die sie ausspucken.«
»Welche Dinge?«
»Nägel, kleine Figuren, Rasierklingen …«
»Woher kommen diese Gegenstände?«
»Sie materialisieren sich im Mund der Besessenen. Kurz bevor sie die Gegenstände ausspucken.«
»Wie bitte?«
»Würde man diese Menschen vorher röntgen, würde man die Gegenstände nicht sehen. Aber sie spucken sie aus. Sie kommen …« Er suchte nach Worten. »Wahrscheinlich kommen sie geradewegs aus der Hölle.«
Don Alvaro ging zum Schreibtisch und zog aus einem Stapel ein Foto hervor. Es zeigte einen rostigen Nagel, der eher wie ein Reißnagel von einer Pinnwand aussah. Nur dass er viel größer, dunkler und rostiger war.
»Das«, sagte Alvaro, »nennt man einen satanischen Nagel. Ein achtzehnjähriges Mädchen aus Mailand hat ihn ausgespuckt. Sie manifestieren sich während eines Exorzismus. Manchmal werden sie von den Besessenen ausgespuckt, manchmal liegen sie einfach auf dem Tisch, kommen aus dem Nirgendwo.«
»Was macht man mit diesen Nägeln?«
»Man darf sie nicht anfassen. Man muss sie wegwerfen oder ins Feuer legen. Die Nägel sind gefährlich. Sie werden von Satanisten gesammelt. Es gibt einen Schwarzmarkt für diese Nägel. Genauso wie für geweihte Hostien, die in den schwarzen Messen entweiht werden.«
»Ich habe einmal gehört«, sagte Clara. »dass die bösen Geister, wenn es sie denn gibt, in die Zukunft schauen können.«
Don Alvaro schüttelte den Kopf. »Nein, das können sie nicht, auch wenn sie es gerne behaupten. Sie wissen nichts über die absolute Zukunft. Dann nämlich müssten sie in der Ewigkeit existieren, der vollkommenen Abwesenheit von Zeit, wo die Zeit zum Raum wird. Doch in der Ewigkeit existiert allein Gott. Die Geister können aber etwas über die unmittelbare Zukunft sagen.« Er schaute Clara an. »Gesetzt der Fall, Sie, junge Frau, wollen in zwei Wochen in Urlaub fahren. Dann könnte ein Dämon in einer Séance offenbaren, wohin Sie in zwei Wochen reisen.«
»Und woher weiß er das?«
»Von anderen, die er belauscht hat. Dämonen können sich innerhalb von Sekundenbruchteilen von einem Ort der Welt zum anderen bewegen. Sie sprechen alle Sprachen, können als körperlose Geister jeden Ort aufsuchen und sämtliche Menschen belauschen. Und einer hat vielleicht belauscht, was sie mit einer Freundin über Ihren Urlaub besprochen hatten. Und schon sieht es so aus, als könne der Geist die Zukunft vorhersagen.«
»Mit wenig Wissen viel Eindruck machen«, sagte MacDeath. »Erinnert mich irgendwie an Politiker.«
»Es liegt in der Natur des Dämons, sich als größer darzustellen, als er ist.«
»Wenn das so ist«, sagte MacDeath, »und man kann diese Phänomene dokumentieren, beweist der Teufel die Existenz des Bösen.« MacDeath schien es zu gefallen, im Chaos all der Theorien von Krankheiten, Psychiatrie und Relativismus endlich einen Schuldigen festmachen zu können, und wenn es eine mittelalterlich anmutende Satansgestalt war. »Gleichzeitig treten Abertausende aus der Kirche aus, weil sie meinen, die kirchlichen Lehren seien irrelevant geworden. Aber wenn das Böse tatsächlich so präsent ist, muss es auch das Gute geben.«
Don Alvaro nickte. »Wie schon Papst Johannes Paul II. sagte: Wer nicht an den Teufel glaubt, glaubt nicht an das Evangelium.«
»Warum kann man dann nicht das Böse zeigen, um das Gute zu beweisen?«, bohrte MacDeath weiter. »Warum kann man nicht Besessene zeigen, die diese Nägel ausspucken, um die Existenz Gottes zu beweisen?«
Clara beobachtete MacDeath. Wie viele hochgebildete Menschen wäre er auch für jeden Hinweis dankbar, der die Existenz des Übersinnlichen zumindest in den Bereich des Möglichen rückte und seine rationale wissenschaftliche Welt infrage stellen könnte. Sie hatten noch nie darüber gesprochen, aber wahrscheinlich gehörte auch MacDeath zu den Menschen, die gerne an etwas glauben würden, es aber nicht konnten, und die für jeden Rettungsanker dankbar waren, selbst wenn es ein Wink des Bösen wäre.
Doch Don Alvaro schüttelte den Kopf. »Der laute und aggressive Weg ist der des Teufels, nicht aber der Weg des Herrn. Es wäre schön, wenn Wunder jederzeit die Existenz Gottes beweisen könnten, aber wäre das dann noch Glaube? Denn was sagt Paulus? ›Es ist aber der Glaube eine gewisse Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nicht-Zweifel an dem, was man nicht sieht.‹ Hoffen und Nicht-Sehen.« Er schaute seine beiden Besucher an. »Wissen ist nicht glauben.« Er nahm eine Olive vom Teller. »Es ist ja nicht so, dass diese Idee nicht auch schon anderen gekommen wäre. Zum Beispiel dem Satan selbst. Jesus verbringt vierzig Tage fastend in der Wüste. Satan fordert ihn auf, die Steine in Brot zu verwandeln, doch Jesus widersteht und hungert lieber. Satan fordert ihn auf, von der Klippe zu springen. Als Gottes Sohn würde der Herr ihn retten, und das Wunder wäre vollbracht. Aber so handelt Gott nun mal nicht.«
»Gott bevorzugt den leisen Weg?«, fragte Clara.
»Ja. Gott ist wie die Organe des Körpers, die alle unbemerkt ihren Dienst tun, bis eines versagt und damit auffällt. Satan jedoch ist keines dieser Organe, die stets einwandfrei und lautlos funktionieren. Satan ist der Zahn, der vereitert ist, grauenvolle Schmerzen verursacht und alle Aufmerksamkeit auf sich zieht, auch wenn alles andere perfekt funktioniert.«
»Nur Stille ist göttlich?«, fragte Clara, die sich oft nach Stille sehnte und der es schwerfiel, Menschen zu ertragen, die ständig in den höchsten Tönen von sich redeten und prahlten.
»Ein Baum, der fällt«, sagte Don Alvaro, »macht mehr Lärm als ein ganzer Wald, der wächst.«
»Und der Dämon besetzt den Körper eines Menschen, um ihn zu seinem Werkzeug zu machen?«
»Richtig.« Don Alvaro nickte.
»Ähnlich wie bei uns«, sagte MacDeath. »Wir haben einen Mörder, der junge Frauen für seine Taten als Killer instrumentalisiert. Der sich der Drache nennt und sich mit den Worten ›Mein Name ist Legion‹ vorstellt.« Er blätterte durch die Akten. »Wir vermuten, dass er sich als gottgleich betrachtet.«
»Er wird denken, dass es der Wille einer höheren Macht ist, was er tut.« Don Alvaro schaute beide an. »Kennen Sie die Geschichte mit Abraham und Isaak?« Er sprach nach einer kurzen Pause weiter. »Gott befiehlt Abraham, seinen einzigen Sohn Isaak auf dem Berg Moriah zu opfern. Als Abraham seinen Sohn auf den Opferstein gefesselt und schon das Messer erhoben hatte, griff der Engel Gottes ein und hält den Arm Abrahams fest. Abraham hatte den Treuetest Gottes bestanden. Er wäre bereit gewesen, seinen eigenen Sohn zu opfern. Nur das Eingreifen Gottes hielt ihn davon ab.«
Clara musste an das Beispiel von MacDeath denken, an Albert Fish, der glaubte, die Morde, die er beging, seien im Sinne Gottes, da Gott ihn anderenfalls aufgehalten hätte. Fish, der sich in Gewitternächten nackt auf einen Hügel gestellt und gerufen hatte: »Ich bin Christus.«
»Dann wartet unser Killer auch …?«
»Er wartet vielleicht ebenfalls auf den Moment, in dem Gott eingreift, um sein Messer festzuhalten. Oder er wartet auf Satan, damit der ihn in sein Reich holt. Solange das nicht geschieht, glaubt er, alles was er tut, wäre im Sinne Gottes. Oder des Satans. Solange ihn niemand aufhält, ist sein Wille Gesetz. Und sein Tun ist legitimiert. Von ganz oben, sozusagen.« Ein flüchtiges Lächeln huschte über seine Lippen. »Oder von ganz unten.«
»Und vorher wird er nicht aufhören?«, fragte Clara.
»Ich kenne den Mörder nicht«, sagte Don Alvaro. »Aber was meine Erfahrung angeht … nein.«
Don Tomasso nickte beipflichtend.
»Der Mörder«, sagte MacDeath, »scheint Opfer zu bevorzugen, die nach außen hin eine weiße Weste haben, aber ein dunkles Geheimnis in sich tragen.«
»Dann tötet er die, die noch böser als böse sind«, sagte Don Alvaro. Don Tomasso hörte aufmerksam zu. »Die, die nach außen gut erscheinen. Und das ist genau der Weg, wie auch der Satan in der Welt handelt. Er ist das Böse, das sich als Gutes verkleidet.«
»Ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft«, sagte MacDeath.
»Sehr gut«, sagte Don Alvaro, »Ihren Faust kennen Sie also auch. Sollten Sie auch. Aber der Satan will nicht nur das Böse, er schafft es auch. Und er stellt es so dar, dass es gut aussieht. Dass es dem Mainstream entspricht, wie man es heutzutage so gerne ausdrückt. Politisch korrekt.«
»Der Killer tötet böse Menschen«, sagte Clara. »Aber was ist sein Motiv?«
Don Alvaro strich sich über seinen Bart. »Vielleicht ist es der Tod selbst.«
»Der Tod?«
»Ja. Denn der Tod«, sagte Don Alvaro, »und hier spreche ich einmal wie ein Wissenschaftler, stellt den Sinn aller menschlichen Anstrengungen am radikalsten infrage. Alles, was man sich auf Erden aufgebaut hat, ist am Tag des Todes unwiederbringlich vorbei und verloren. Was dazu führt, dass gerade Religionen als sinnstiftende Deutungssysteme den Tod thematisieren. Es muss doch irgendetwas nach dem Tod kommen. Es kann doch nicht alles vorbei sein.«
»Für die, die in den Himmel kommen, geht es doch auch erfreulich weiter«, sagte Clara und lehnte sich zurück, während MacDeath andächtig auf einer Olive kaute und mit einem Schluck Rotwein nachspülte.
»Richtig«, sagte Don Alvaro. »Sie sterben nicht wirklich, weil Christus stellvertretend für sie gestorben ist und die sündige Menschheit erlöst hat. Doch es gibt noch die anderen. Die Verdammten. Für die gibt es in der Offenbarung zwei Tode. Den ersten und den zweiten Tod.«
Clara sah wieder all die Toten vor ihren Augen, die nachts in ihren Träumen auftauchten. Es reichte ihr eigentlich, dass sie einmal gestorben waren.
»Der zweite Tod«, sagte Don Alvaro. »Zum ersten Mal erscheint dieser Begriff im Totenbuch der Ägypter. Die Menschen, die ein schlechtes Leben geführt haben und von Osiris verdammt wurden, werden nach dem Tod von einer riesigen Schlange gefressen. Diesen Tod nach dem Tod nennt das Ägyptische Totenbuch ›Den Zweiten Tod‹. Auch die Offenbarung spricht davon. Am Ende werden der Satan und seine Vasallen, zusammen mit den Verdammten, in das ewige Feuer geworfen.« Er glitt mit dem Finger über die Seiten der Bibel, aus der er vorhin schon zitiert hatte. »Und die Verdammten wurden geworfen in den feurigen Pfuhl, der von Schwefel brannte. Dies ist der Zweite Tod.«
»Der Killer«, sagte Clara. »Was hat er davon? Will er, dass seine Opfer in die Hölle kommen?«
»Es gibt Lehren, die besagen, dass es in der Hölle zwar keine Gesetze gibt, dass aber die bösesten und schrecklichsten Menschen in der Hierarchie der Hölle aufsteigen können. In der Hölle quält jeder den anderen, jeder wird getötet, stirbt und lebt am nächsten Tag wieder, um erneut gequält und getötet zu werden. Ein immerwährender Kreislauf des Grauens. Je mehr Menschen man im Leben getötet hat, desto höher steigt man auf. Früher ging man davon aus, dass auch Selbstmörder als Mörder in die Hölle kommen. Mittlerweile ist die Kirche nicht mehr dieser Meinung, aber wenn es so wäre, dann wären die, die sich selbst das Leben nahmen, in der Hierarchie ganz unten angesiedelt. Sie waren schließlich ›nur‹ in der Lage, sich selbst zu töten und nicht einmal stark genug, das Leben eines anderen zu nehmen. Diejenigen aber, die viele Menschen ermordet haben, stehen weit oben in der Rangfolge.« Tomasso blickte Alvaro an und runzelte die Stirn.
»Und indem unser Täter diejenigen tötet, die selbst schrecklich sind, macht er sich noch schrecklicher als sie?«, fragte Clara.
»Das wäre zwar kein alltägliches, aber durchaus bekanntes Phänomen, was die Allmachtsfantasien von Serienmördern angeht«, sagte MacDeath. »John Berkowitz behauptete, er wäre besessen vom Hund seines Nachbarn. Und er träumte davon, dass seine Opfer ihm nach seinem Tod in einer Art Nachwelt zu Willen sein würden.«
Don Alvaro wiegte den Kopf. »Vom Geist eines Tieres, sofern es überhaupt einen Geist besitzt, kann man nicht besessen sein. Aber den Traum, in der Hölle über Sklaven zu herrschen, haben bereits die abtrünnigen Erzengel geträumt.«
MacDeath nickte. »Auch Dennis Rader, der sich BTK-Killer nannte, träumte von einer bizarren S&M-Hölle, in der seine Opfer für immer seine perversen Fantasien befriedigen mussten.«
»BTK?«, fragte Don Alvaro.
»BTK steht für Bind, Torture, Kill. Rader war ein hochgradig perverser Sexualtäter, der seine Opfer gefesselt, gefoltert, missbraucht und getötet hat. Nebenbei war er ein ganz normaler Familienvater. Das FBI hat Jahrzehnte gebraucht, bis es ihn endlich hatte.«
Don Alvaro schüttelte den Kopf. »Ich sehe, mein Freund, wir sind beide in ähnlich unerfreulichen Welten unterwegs.«
»Und das hofft unser Killer auch?«, nahm Clara den Faden wieder auf. »Dass seine Opfer in die Hölle kommen und er nach seinem Tod über sie herrscht?« Sie schaute Don Alvaro an.
»Ja. Das könnte ein Motiv sein. Und damit sichert er sich einen Platz ganz oben in der Hierarchie der Hölle. Er hofft vielleicht, dass er auf diese Weise sogar zu einem Erzdämon aufsteigt.« Tomasso, der die ganze Zeit geschwiegen hatte, räusperte sich leise.
»Ist das möglich?«, fragte Clara. »Für einen Menschen?«
»Es ist noch keiner dort gewesen«, erwiderte Alvaro und wies mit dem Kopf in die Ferne. »Aber am Jüngsten Tag werden die Heiligen und die Seligen im Himmel die Plätze der Erzengel einnehmen, die nach der Rebellion Satans in den Abgrund geworfen wurden und deren Plätze nun frei sind. Gott hat den Menschen auch geschaffen, um ihn zum Nachfolger der Engel zu machen, die ihn enttäuscht haben.«
»Und das kann auch in der Hölle geschehen?«
»Es gibt Legenden, die besagen, dass Erzdämonen, die nicht mehr böse genug sind, von Menschen ersetzt werden können. Das könnte ein Motiv des Drachen sein.«
Tomasso räusperte sich erneut, dieses Mal lauter.
Clara schaute kurz nach draußen in die tiefschwarze Nacht und richtete den Blick dann auf Don Tomasso. Wahrscheinlich würde er seinen Lehrmeister niemals kritisieren, aber hier schien er anderer Meinung zu sein. Und auch sie musste zugeben, dass eine Planung jenseits des Todes ein äußerst exotisches Motiv war. Don Alvaro jedenfalls schien daran zu glauben, aber der alte Exorzist schien Clara in seinem Denken in manchen Belangen noch im Mittelalter verhaftet zu sein.
»Ein Motiv, das über den Tod hinausgeht?«, fragte sie.
MacDeath nickte. »Der Bursche sollte mal Seminare über das langfristige Denken halten.«
Clara schaute ihn strafend an. In diesem Augenblick klingelte wieder ihr Handy.