22
Es war 21 Uhr. Die Sonne ging unter an einem Tag, der Clara und ihrem Team zwei Leichen beschert hatte.
»Ich fahre Sie nach Hause, Señora«, sagte Winterfeld, der am Steuer des schwarzen Mercedes saß, die Hände in 10-vor-2-Position am Lenkrad. »Die Vermisstenmeldung läuft. Mehr finden wir heute sowieso nicht raus. Morgen ist dann auch die Obduktion durch.«
Clara war es recht – müde, wie sie nach dem Albtraum der letzten Nacht war. Schließlich war die Nacht um fünf Uhr morgens zu Ende gewesen, und tief und erholsam geschlafen hatte sie nun wirklich nicht.
MacDeath saß neben ihr auf der Rückbank und schaute sich auf seinem Tablet die Tatortfotos an.
»Der geschminkte Hals«, sagte er. »Auch ein typisches Zeichen von Undoing. Genau wie bei Barbara Färber.«
»Heißt das, wir haben in beiden Fällen die Schminke, weil es sich um Undoing handelt oder weil es der gleiche Killer ist?«, fragte Clara.
»Vielleicht beides. Wenn es der gleiche Killer ist, will er möglicherweise erreichen, dass die Toten zu hübsch aussehenden Puppen werden. So hübsch jedenfalls, wie es in Anbetracht ihres Zustands noch möglich ist.«
»Eine Art Depersonalisierung?«
MacDeath schüttelte den Kopf. »Nein, das wäre das genaue Gegenteil. Jeffrey Dahmer zum Beispiel, der Kannibale von Milwaukee, kochte die Leichen seiner Opfer aus und errichtete aus den Knochen Schreine und Altäre in seiner Wohnung. Dann malte er die Knochen an, damit sie alle gleich aussahen. Das ist Depersonalisierung. Oder wenn der Täter ein Opfer nach dem Mord entstellt. Hier ist es genau anders herum.«
»Aber die Schminke lässt doch alle ähnlich aussehen?« Das war Winterfeld.
»Richtig, aber auch der Tod lässt die Menschen ähnlich aussehen. Die Schminke, die ganze Inszenierung sollen den Tod aussperren und die Opfer wieder zu denen machen, die sie zu Lebzeiten waren. Barbara Färber wird geschminkt, damit man das Blau nicht sieht, bei der gehängten Leiche wird die Strangmarke überschminkt. So, als ob nichts gewesen wäre.«
»Also könnte es der gleiche Täter sein?«
MacDeath zuckte die Schultern. »Die Opfer sind Frauen. Sie wissen ja, die meisten Serienmörder sind Männer und töten gemäß ihrer sexuellen Präferenz. Und die meisten Männer sind heterosexuell, was Frauen zur klassischen Opfergruppe macht.«
»Dann hätten wir eine sexuelle Komponente bei einer fast achtzigjährigen Frau?« Das war wieder Winterfeld.
»Kommen Sie«, sagte MacDeath, »das haben wir doch alles schon erlebt. Das Alter ist oft nebensächlich. Auch wenn es in beiden Fällen nicht zu einer Vergewaltigung oder Sexualkontakt kam. Wir haben den gleichen Opfertypus und das gleiche Nachtatverhalten. Und alle Morde ereignen sich in kurzer Abfolge in Berlin. Wie bei einer Mordserie.«
Schon wieder ein Serienmörder?, dachte Clara. Das fehlte mir gerade noch.
»Aber was ist dann das Motiv?«, fragte Winterfeld vom Fahrersitz aus, während der Wagen am Kurt-Schumacher-Platz vorbeifuhr, den man in Berlin »Kutschi« nannte. »Bei Jochen Färber ist es klar. Er ist traumatisiert von seinem beschissenen Kinderpornojob, kriegt keinen mehr hoch und ist frustriert. Dann muss er auch noch feststellen, dass seine Frau fremdgeht. Daraufhin bringt er sie um und verschwindet.« Er drehte sich um. »Wenn das hier ebenfalls Färber war, was ich nicht glaube, heißt das doch, dass er auch noch irgendwo in Berlin ist. Dann ist er nicht über alle Berge.«
MacDeath blätterte weiter durch seine Fotos auf dem Tablet. »Vielleicht ist er ja auf den Geschmack gekommen.«
»Aber dann muss er das Opfer doch ebenfalls kennen«, sagte Clara. »Undoing ist typisch für eine Beziehungstat.«
»Vielleicht ist er auf den Geschmack gekommen bei Leuten, die er kennt?« MacDeath war offenbar nicht gewillt, locker zu lassen. »Oder er will, dass wir einer falschen Spur folgen.«
»Ich weiß nicht«, sagte Winterfeld. »Vielleicht ist es einfach nur Zufall. Hier leben dreieinhalb Millionen Menschen, und einige davon haben ziemlich einen an der Klatsche. Es ist Sommer, es ist heiß. Da kann es doch mal passieren, dass zwei Leichen auftauchen, die postmortal geschminkt wurden. Beim ersten Fall ist die Undoing-Komponente ganz klar. Der Mann ist sauer auf seine Frau und bringt sie um, und dann tut es ihm leid. In dem Fall der alten Dame ist es schon nicht mehr so klar. Es kann auch, wie wir ja schon sagten, ein Nachtatverhalten sein, um das Opfer aus einer kompromittierenden Situation zu befreien. Es könnte aber auch ein völlig anderes Motiv und ein ganz anderer Täter sein.« Er blickte kurz nach hinten. »Was meinen Sie, Señora?«
Clara unterdrückte ein Gähnen. »Solange wir nicht wissen, wer die Frau ist und ob es nicht doch Suizid war, bringen die ganzen Spekulationen nichts.« Sie schaute aus dem Fenster auf die klassizistischen Häuser von Pankow und Prenzlauer Berg, die im warmen Licht der Abendsonne strahlten. »Ich weiß nur, dass ich hundemüde bin. Ich hatte einen verdammten Albtraum letzte Nacht, und dann klingelte in aller Herrgottsfrühe das Telefon. Aber ich werde noch ein bisschen über alles nachdenken, ich habe die Akte ja hier.« Sie klopfte auf die Tasche.
»Schlafen Sie sich lieber aus, Señora«, sagte Winterfeld und stoppte den Wagen vor Claras Wohnung an der Schönfelder Allee. »Wir sehen uns dann morgen!«
»Ja«, sagte Clara. »Bis morgen.«
Sie trat auf die Straße und schlug die Autotür hinter sich zu.
Eine Tür, dachte sie, eine Tür bringt dich von einer Seite auf die andere. Allerdings konnte die Welt hinter der Tür vollkommen anders sein als die, in der man eben noch gewesen ist. Gerade noch, im Auto, war Clara in der Welt der Morde, des Blutes, der Angst und des Todes gewesen. Jetzt war sie wieder in der Welt des Lichts. Die Cafés waren voll besetzt, die Vögel zwitscherten in den Bäumen, und Musik klang aus den zahlreichen Kneipen und vorbeifahrenden Autos. Spatzen hüpften über die Bürgersteige und pickten an Croissants und Pizzaresten. Pärchen spazierten Hand in Hand die Straße entlang, während die untergehende Sonne die Stadt und den Himmel in leuchtende Rot- und Orangetöne tauchte. All die Schrecken, die Clara gesehen hatte, schienen zu einer anderen Welt zu gehören.
Ein Serienkiller, dachte sie. Es sprach vieles dagegen. Aber wenn es so wäre, hätte es immerhin einen Vorteil: Es gäbe nur einen Mörder, den sie jagen müssten.
Clara schloss die Eingangstür auf. Ihre Finger zitterten. Hier, in dieser Wohnung, hatte sie letzte Nacht einen der schlimmsten Albträume ihres Lebens gehabt.
Erneut verließ sie die Welt des Lichts und des Lebens und trat ein in ein Reich der Stille und des Alleinseins. Sie ging hinauf ins erste Stockwerk, verschwand in ihrer Wohnung und warf ihre Tasche auf das Sofa im Wohnzimmer. Über den Fall nachdenken konnte sie immer noch, falls sie später nicht schlafen konnte. Ein paar Minuten wollte sie sich heute auch einmal entspannen.
Sie öffnete die Balkontür, ging in die Küche und holte eine Flasche Grüner Veltliner aus dem Kühlschrank. Sie schenkte sich ein Glas ein und wühlte in der Schublade im Flur nach den Zigaretten. Sie hatte ein paar Tage nicht geraucht und soeben beschlossen, jetzt wieder damit anzufangen.
»Willst du unbedingt fett werden?«, hatte eine gute Freundin sie gefragt, als Clara wieder einmal mit dem Rauchen aufgehört hatte. Nein, das wollte sie bestimmt nicht. Sie war stolz auf ihre Figur, und damit war sie nicht alleine. Den Mann fürs Leben hatte sie dadurch zwar noch nicht gefunden, aber dass Männer sie attraktiv fanden, das wusste sie.
Clara vermied es, ins Schlafzimmer zu blicken, wo sie den furchtbaren Albtraum gehabt hatte, und setzte sich mit dem Weißwein und der Zigarette auf den Balkon, der einen Blick auf die Schönhauser Allee bot. Sie zündete die Zigarette an und blies den Rauch in die Abendluft, wo er am orange-blauen Himmel zerfaserte. Er jetzt merkte sie, wie müde sie wirklich war.
Sie nippte am Wein, genoss den fruchtigen Geschmack auf der Zunge und am Gaumen. Es schmeckte nach Sommer und Sonne, nach guter Laune und Unbeschwertheit, was so gar nicht zu der Welt passte, mit der sie eben noch zu tun gehabt hatte. Eine Welt, die den Menschen draußen weitgehend fremd war, weil sie diese Welt nie zu Gesicht bekamen. Clara hingegen hatte ständig mit dieser Welt zu tun, wie auch mit den Toten, die ihr Produkt waren und zugleich Spiegel einer Gesellschaft, die gerne ihr helles, strahlendes Abbild feierte.
Doch es gab auch einen anderen Spiegel – den, der die dunkle Seite zeigte. Und es war nicht immer die dunkle Seite des Handelns, wie Mord, Totschlag, Missbrauch und Vergewaltigung, es war auch die ebenso dunkle Seite des Nichthandelns: Die Ignoranz gegenüber den Mitmenschen, die Teilnahmslosigkeit und Anonymität.
Menschen, die fünf Jahre tot in ihrer Wohnung lagen, ohne dass es jemandem auffiel, waren ein doppeltes Zeichen sozialer Verwahrlosung von Menschen, die sich bereits zu Lebzeiten aufgegeben hatten und in ihren von Müll und Fäkalien überquellenden Wohnungen einsam starben. Aber ganz sicher war es auch eine soziale Verwahrlosung der Mitmenschen, die zuließen, dass diese Leute in einen solchen Zustand gerieten und elend und einsam zugrunde gingen. Diese Toten waren für Clara der Seismograf, der ihr die Abgründe der Gesellschaft zeigte, die all jene, die sicher und behaglich lebten, ungern sahen, die aber nichtsdestotrotz existierten.
Und auch wenn Clara die Mörder hasste, den Tod als solchen konnte sie in seiner drastischen Ehrlichkeit nicht geringschätzen. Denn der Tod, mit dem sie es täglich zu tun hatte, war ähnlich wie sie – direkt und kompromisslos.
Er zeigte alles so, wie es war, und beschönigte nichts.
Klar und gnadenlos, wie der Schnitt eines Skalpells.
Tote lügen nicht.