2.
Winterfeld fuhr sich durch die Haare und lehnte sich in dem Stuhl zurück, der an Claras Bett stand. Dann blickte er sich um und atmete schnaufend aus.
»Hier darf man nirgendwo rauchen«, sagte er. »Nun ja, betrachten wir’s als kurzfristige Entziehungskur.« Er schaute Clara an. »Geht es Ihnen besser?«
»Ganz ehrlich?«, erwiderte Clara. »Nein.«
Winterfeld hatte ihr vom gestrigen Abend berichtet. MacDeath hatte Clara gefunden, neben dem Schreibtischstuhl liegend, inmitten ihres eigenen Erbrochenen. Er hatte zuvor versucht, sie anzurufen, doch niemand war ans Telefon gegangen. Der Computer war eingeschaltet, der Medienplayer geöffnet. MacDeath hatte den Pulsschlag von Clara überprüft, hatte sie in eine stabile Seitenlage gebracht und dann den Arzt gerufen. Anschließend hatten er und Winterfeld sich das Video angeschaut. Deshalb wussten sie, was der Killer Clara gezeigt hatte. Sie wussten, dass Clara genau genommen auch ein Opfer des Killers war. Er hatte sie nicht entführt, hatte ihr physisch kein Leid zugefügt. Aber er hatte ihre Seele vergewaltigt.
»Sie wissen, was er über meine Schwester gesagt hat?«, fragte Clara. »Dass sie angeblich nicht mehr in ihrem Grab liegt?«
Winterfeld schwieg kurz; dann nickte er gequält. »Der Fall Ingo M. wird neu aufgerollt. Wenn dieser Mann tatsächlich den Namenlosen als Jugendlichen missbraucht hat, können wir auf diese Weise vielleicht an ihn herankommen.« Er knetete seine Finger. »Damals haben wir nichts gefunden. Der Raum im Untergeschoss des Bunkers war völlig ausgebrannt, und das Feuer hatte sämtliche Spuren vernichtet. Es hatte so lange gebrannt, bis der Sauerstoff aufgebraucht war.« Er rieb sich weiter unruhig seine Hände. »Reste von einem Rechner oder einer Festplatte, auf der irgendwelche Bilder gewesen sein könnten, haben wir nicht gefunden. Wahrscheinlich hat der Killer sie mitgenommen.«
Clara blickte aus dem Fenster auf die Äste des Baumes. Ingo M. Er hatte Kinder missbraucht, Jungen und Mädchen. Und schließlich Tote. Die klassische Gummiband-Theorie aus der Pathopsychologie, dachte sie. Spannt man ein Gummiband zu sehr, ist es irgendwann ausgeleiert und kann die ursprüngliche Gestalt nicht mehr annehmen. Eine schwache menschliche Seele konnte wie ein solches Gummiband werden. Es konnte harmlos beginnen. Mit Telefonsex und Bordellbesuchen. Irgendwann aber reichte das nicht mehr. Dann kamen SM, Kinder, Fäkalfetischismus, vielleicht irgendwann Mord, Torture Porn – und schließlich Nekrophilie, Geschlechtsverkehr mit Toten.
Winterfeld wollte das Thema offenbar schnell abbügeln, um Clara nicht noch mehr aufzuregen, doch Clara ließ nicht locker.
»Meine Schwester! Und ihr Grab! Ich verlange, dass eine Exhumierung durchgeführt wird.«
Winterfeld nickte. »Das wird wahrscheinlich ohnehin geschehen. Aber wollen Sie wirklich das Ergebnis wissen? Wollen Sie sich das antun?«
»Ich will es mir nicht antun, ich muss es mir antun.« Sie stand auf und versuchte, ein paar Meter zu gehen. Es klappte besser als zuvor, auch wenn sie sich noch immer irgendwo festhalten musste. »Die Unsicherheit, nicht zu wissen, ob sie in ihrem Grab liegt oder nicht, ist das Schlimmste.« Sie ging wieder ein paar Meter. »Ich muss hier raus«, sagte sie dann. »Ich muss diesen Kerl finden. Und vor allem muss ich wissen, wer dieser Ingo M. ist! Er ist der Grund, warum ich bei der Polizei gelandet bin, er ist der Grund, warum ich mich seit zwanzig Jahren schuldig fühle. Und gestern ist er auf einmal aufgetaucht. Als Toter. Offenbar getötet von dem Mann, den wir jagen.« Sie schaute Winterfeld an. »Ich muss mehr über ihn herausfinden, sonst werde ich wahnsinnig!«
Winterfeld nickte. »Wir haben da nur ein Problem, Señora.« Er reckte seine Adlernase in Richtung Fenster und betrachtete die große Eiche, deren Zweige wieder tastend ans Fenster schlugen. »Bellmann hat von der Sache erfahren. Und Sie wissen ja, dass er ein Paragraphenreiter ist.« Winterfeld streckte den Daumen aus und tippte mit dem Zeigefinger der anderen Hand dagegen. »Erstens sind Sie derzeit arbeitsunfähig. Zweitens«, jetzt kam der Zeigefinger an die Reihe, »müssen wir wegen der Presse wie auf rohen Eiern laufen. Und drittens«, jetzt kam der Mittelfinger, »kann das Video Ihr objektives Urteilsvermögen gestört haben. Der Killer hat Sie damit tief verletzt, so tief, dass Sie zusammengebrochen sind.« Er faltete seine großen Hände. »Das ist nicht gerade das, was man von einer rational handelnden LKA-Kommissarin erwarten würde. Schon gar nicht, wo uns die Presse mit dem Facebook-Ripper auf den Fersen ist und im Fünfminutentakt bei uns anruft.«
»Aber das ist doch nicht meine Schuld«, sagte Clara. »Ich habe diesen Kerl doch nicht gebeten, mir das Video zu schicken. Und dass ich auf so etwas nicht unbedingt beherrscht reagiere, dürfte doch wohl klar sein.« Tränen liefen ihr über die Wangen. Im selben Moment fiel ihr ein, dass es genauso wenig Winterfelds Schuld war. Und Bellmanns auch nicht.
»Das ist ja alles richtig«, sagte Winterfeld, nahm kurz ihre Hand und drückte sie fest, wieder ganz der gütige Lehrmeister. »Und ich bin der Letzte, der eine mögliche subjektive Fixierung auf den Killer als Nachteil empfindet. Denn Sie wollen ihn fassen, nicht wahr?« Er beugte sich nach vorn. »Unbedingt, stimmt’s?«
Claras Augen blickten ausdruckslos ins Leere, während der Film noch einmal in ihrem Kopf ablief. »Unbedingt.«
Eine Zeit lang herrschte Stille.
»Ist sonst noch was passiert?«, fragte Clara dann. »Ich meine, hat der Killer noch etwas gemacht?«
Winterfeld zupfte an seiner Krawatte. Dann schüttelte er den Kopf. »Derzeit ist alles ruhig. Aber ich fürchte, es ist keine wirkliche Ruhe. Es ist die Ruhe vor dem Sturm.«
»Und wenn der Sturm kommt«, sagte Clara, »liege ich hier im Bett, während weitere Menschen sterben.«
Winterfeld atmete aus.
»Das Krankenhaus wird uns die Hölle heiß machen, wenn Sie jetzt hier rauswollen«, sagte er. »Sie sind bis Montag krankgeschrieben. Und als Ihr Vorgesetzter habe ich mich daran zu halten, sonst riskiere ich eine Dienstaufsichtsbeschwerde. Außerdem will Bellmann Unruhe vermeiden. Er weiß, dass Sie die Richtige für den Job sind, aber er ist besorgt, dass die Presse Informationen über Ihren Zustand bekommt und dann darauf herumreitet.«
Claras Blick verfinsterte sich zu einem Ausdruck irgendwo zwischen Wut und Verzweiflung, während in ihren Augen wieder Tränen schimmerten. »Heißt das«, fragte sie mit gepresster Stimme, »es gilt als Nachteil, wenn ich diesen Killer schnappen will?«
»Also gut.« Winterfeld seufzte. »Ich spreche mit Bellmann und beantrage, dass er Ihnen die Erlaubnis erteilt, weiter an dem Fall zu arbeiten. Ich werde ihm sagen, dass ich keine Einwände habe. Und das mit dem Krankenhaus regeln wir schon. Die Medien wissen nicht, dass Sie an dem Fall dran sind, und so wird es auch bleiben, wenn wir Glück haben.« Sein Blick schweifte noch einmal zu den Zweigen der großen Eiche vor dem Fenster. »Aber Sie müssen mir auch helfen.«
»Und wie?«
»Sie müssen mit Bellmann sprechen. Er ist gestern Nacht aus Frankfurt zurückgekommen und hat die Story mit Ihnen live mitgekriegt. Sie müssen ihn überzeugen, dass Sie die Sache psychisch und physisch durchziehen können.«
Clara schüttelte den Kopf. »Ich bin Ihnen dankbar für die Hilfe, aber ich glaube, es kostet mich mehr Energie, Bellmann zu überzeugen, als den Killer zu fangen.«
Winterfeld stand auf. »So sind die Regeln. Und er ist der Boss.« Er deutete zur Tür. »Ich kläre das mit dem Krankenhaus, und Sie sprechen mit Bellmann. Sagen Sie mir, wann Sie bereit sind, dann holen wir Sie ab.«
Clara nickte und versuchte, entschlossen dreinzuschauen, doch sie wusste, dass es nicht funktionierte.