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ADK. Allee der Kosmonauten. Die mehrspurige Straße, die einst Springfuhlstraße geheißen hatte und in deren Mitte die Straßenbahn fuhr, verband die Berliner Bezirke Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf und trug ihren Namen zur Erinnerung an den Flug des russischen Raumschiffs Sojus 31 zur Raumstation Saljut 6 im Jahre 1978. Im Volksmund nannte man sie seitdem kurz ADK. Wer am Flughafen Tegel in ein Taxi stieg und sagte, er wolle zur ADK, damit aber die Akademie der Künste meinte, konnte sich schnell an dieser zugigen, von Plattenbauten gesäumten Straße wiederfinden, wenn er einen Fahrer aus dem Osten der Stadt erwischte.
Vor dem Haus Nummer 33 stiegen Clara und MacDeath aus dem Wagen.
Als Erstes hörten sie das Bellen eines Hundes.
»Ruhig, Wotan«, sagte eine heisere Stimme. Sofort erstarb das Bellen. Dann wurde die Tür, die innen mit einer Kette gesichert war, einen Spalt weit geöffnet.
»Ja?«, fragte die Stimme. Clara sah ein Auge, davor eine gelbliche Brille, die wahrscheinlich noch aus den Sechzigerjahren stammte.
»Clara Vidalis, LKA Berlin«, sagte sie, zeigte ihren Ausweis und schaute hinter sich. »Das ist mein Kollege Professor Friedrich. Wir haben einen Termin mit Joseph Kremmer.«
»Der bin ich.« Kremmer öffnete die Tür. Wasserblaue Augen schauten müde aus einem Gesicht, das so ausgeblichen wirkte wie ein Buchrücken, der auf dem Regal immer nur in der prallen Sonne gestanden hatte. Die grauen Haare waren sorgfältig gescheitelt. Clara nahm den Geruch von Wodka und Zigaretten wahr. »Mein Hauspage hat heute frei, aber Wotan leistet Ihnen auch gerne Gesellschaft.«
Kremmer rang sich ein Lächeln ab und zeigte auf den schwarzen Labrador, der zu seinen Füßen saß und die beiden Ankömmlinge neugierig, aber ruhig betrachtete. »Früher hatte ich einen deutschen Schäferhund«, fuhr Kremmer fort, »aber die Viecher sind überzüchtet. Irgendwann sind die Hüften verschlissen, Hüftdysplasie oder wie das heißt, und dann müssen sie eingeschläfert werden wie damals mein Erich. Ich will nicht, dass Wotan auch wieder vor mir stirbt.«
»Ein braver Hund«, sagte Clara. Sie hätte ihn gerne gestreichelt, verbiss es sich aber, Kremmer um Erlaubnis zu fragen.
»Erziehung ist alles«, sagte Kremmer. Er trug Hausschuhe aus Filz, ein blaues, schlecht gebügeltes Hemd und eine speckige Strickjacke. Seine gelbliche Brille war mit einer dünnen Kette versehen, die er um den Hals trug. »Mit Hunden ist es wie mit Menschen. Man muss ihnen zeigen, wo es langgeht. Wenn jeder tut, was er will, bricht auch das beste Staatsgebilde auseinander.«
»Ein Labrador, nicht wahr?«, fragte Clara.
Kremmer nickte. »Labrador heißt Bauer auf Spanisch. Wir zwei sind die letzte Bastion des Arbeiter- und Bauernstaates. Wotan ist der Bauer, ich der Arbeiter.« Er hustete. »Streicheln Sie ihn ruhig.«
»Freut mich, dass Sie sich Zeit für uns nehmen«, sagte Clara, wobei sie Wotan den Kopf kraulte, der es fröhlich geschehen ließ.
»Wenn ich auf meine alten Tagen irgendwas habe, dann ist es Zeit«, erwiderte Kremmer. »Kannten Sie mich eigentlich von irgendwoher? Ich meine, bevor Freese Ihnen was gesagt hat, dieses Waschweib, das alles weitererzählt?«
Clara schüttelte den Kopf. »Nur über Freese. Ich hatte vorher nie von Ihnen gehört.«
»Ich von Ihnen auch nicht. Nur ist es bei mir Absicht, bei Ihnen nicht.« Er lachte ein kurzes, raues Lachen, das es nicht bis zu seinen Augen schaffte. »Kommen Sie rein.« Er führte seine Besucher ins Wohnzimmer. Angesichts der Möbel konnte man den Eindruck gewinnen, die Zeit wäre irgendwann in den Fünfzigerjahren stehen geblieben. So ähnlich, dachte Clara, muss es in der Wohnung von Schabowsky aussehen, der 1989 mit seiner Presseerklärung zur Maueröffnung der Wiedervereinigung gewaltig auf die Sprünge geholfen hat.
Ihr fiel das Wappen der Stasi auf, das wie selbstverständlich an der Wand hing. Darunter die Worte »Schild und Schwert der Partei« und das Gründungsdatum: 8. Februar 1950. Ein Stück rechts davon hing ein Schwarz-Weiß-Foto, das eine ungefähr dreißigjährige Frau zeigte. Darunter stand das lateinische Zitat Tempus fugit, amor manet – Die Zeit vergeht, die Liebe bleibt. Wann diese Liebe aus Kremmers Leben geschieden war? Sie würde es wohl nie erfahren.
»Es gab harte und weiche Formen in der Stasi«, sagte Kremmer, als sie das Wohnzimmer betraten. »Die harten Formen waren Folter und Auftragsmord, die weichen waren Devisenbeschaffung, Häftlingsfreikauf und die Abschiebung von unerwünschten Bürgern in den Westen. Ich war für die weichen Formen zuständig, die aber irgendwann hart werden konnten.«
»Waren Sie gerne bei der Stasi?« Clara fand die Frage etwas unpassend, aber Kremmer schien zynisch genug zu sein, um sie ehrlich zu beantworten.
»Die Zugehörigkeit zur Stasi hatte viele Vorteile.« Kremmer setzte sich in einen der Cocktailsessel im Stil der Sechzigerjahre, die in einigen In-Kneipen Berlins in Prenzlauer Berg wahrscheinlich schon wieder als cool gelten würden, während Wotan sich zu seinen Füßen niederließ. Clara und MacDeath wies Kremmer zwei andere Sessel zu. »Man bekam ein Auto ohne Wartezeit, eine eigene Mehrzimmerwohnung, bevorzugten Eintritt zu Konzerten und Theateraufführungen.« Er schaute sich um. »Jetzt habe ich gar nichts mehr, nicht mal mehr ein Auto, obwohl man Autos heute angeblich viel schneller und einfacher kriegt. Wenn ich fahren muss, nehme ich die M8, wenn ich überhaupt mal fahre.« Er hielt kurz inne. »Als Schabowsky sich damals verhaspelt hat, da wusste ich, es ist aus. Mielke kam in Haft, 1989, nach Hohenschönhausen, wo er selbst so viele reingesteckt hat. Schon komisch.« Er zündete sich eine filterlose Zigarette an, die offenbar aus Russland kam, und paffte ein paar Züge.
»Wie kommt es, dass man Sie in Ruhe gelassen hat?«
Kremmer lächelte gequält. »Manchmal muss man wissen, wann man die Seiten wechselt. Die Hauptverwaltung HV A, Aufklärung, Markus Wolf … Sie wissen schon, der Stellvertreter Mielkes. Er kannte und schätzte mich. Dadurch hatte ich Zugriff auf einige Mobilmachungs-Karteien, an denen die CIA großes Interesse hatte. Ohne mich hätten sie die nie bekommen. Also habe ich ein bisschen nachgeholfen.« Er drückte die Zigarette aus. Wotan blinzelte müde. »Dafür hat die CIA bei der Gauck-Behörde Immunität für mich erwirkt und im Gegenzug einen Teil der Akten der Bundesregierung überlassen.« Er machte ein Gesicht, als müsse er sich entschuldigen. »Keine Sorge, ich möchte Ihnen nicht meine ganze Biografie erzählen. Freese sagte, sie wären an dieser Drogengeschichte für die NVA interessiert?«
Beide nickten.
»Nun, die Geschichte hängt mit den Dokumenten zusammen, die ich der CIA zugeschustert habe. Die Scharfmacherdrogen, die die Stasi weiterentwickelt, aber nicht erfunden hat.«
»Wo kamen diese Drogen denn ursprünglich her?«, fragte MacDeath.
»Von denen, ohne die es die DDR nicht gegeben hätte.« Kremmer kniff die Lippen zusammen. »Von der deutschen Wehrmacht im Dritten Reich.«