22.
Die Wucht der Explosion war verheerend. Clara und die anderen stürmten durch die Haustür und warfen sich hinter die Einsatzwagen, die mit Blaulicht vor dem Haus standen, zu Boden.
Die Druckwelle fegte über sie hinweg wie der Atem eines zornigen Gottes. Bretter, Steinbrocken, Möbel, Fensterrahmen und Glas wurden wie in einer Vulkaneruption in die Höhe geschleudert. Glaswolle aus dem Dach verfing sich in den Ästen der kahlen Bäume. Balken und Möbelteile landeten krachend in fünfzig Metern Entfernung vom Haus auf der vom Regen aufgeweichten Erde. Krähen und andere Vögel erhoben sich mit panischem Krächzen aus dem umliegenden Wald, und ein Regen aus Asche und Staubpartikeln fiel vom Himmel, als sich die Wolken lichteten und die letzten Strahlen der blutroten Abendsonne zögernd durch den Nebel stachen.
Der Namenlose hatte sich selbst getötet. Und er hatte alle anderen mitnehmen wollen. Deshalb hatte er Andira in dem Kellerraum zurückgelassen. Warum nur einen Menschen töten, wenn man auch zehn töten kann? Robert Ressler hatte auf den Unterschied zwischen Serienkiller und Massenmörder hingewiesen. Der Namenlose war Serienkiller und Massenmörder gewesen.
Claras Ohren pfiffen wie nach einem Heavy-Metal-Konzert. Die letzten Sonnenstrahlen des Tages beleuchteten das zerstörte Haus, das wie ein rauchender, aufgesprengter Krater aus der brennenden Erde ragte, gleich einem zerplatzten Schädel, den ein Selbstmörder sich mit einem Schuss in den Mund zerschmettert hatte und dessen Innenleben in den Bäumen hing wie Gehirnspritzer an der Zimmerpalme. Sie sah Winterfeld, der sich mit unsicheren Schritten auf seinen Wagen zubewegte, sah MacDeath, dessen Brille zerbrochen war, sah Marc und Philipp, die beide ihre Helme verloren hatten, ihre Heckler & Koch-Gewehre aber weiterhin umklammert hielten.
Und sie sah die zwei Polizisten, die Andira in die Obhut der Notärzte und des Polizeipsychologen gaben, nachdem sie die junge Frau, die hysterisch schrie und um sich schlug, aus dem todgeweihten Haus gezerrt hatten. »Es ist vorbei!«, rief einer der Polizisten ihr zu und schüttelte sie, während sie mit leeren, glasigen Augen vor sich hin starrte. »Es ist vorbei. Er kann dir nichts mehr tun. Er ist tot. To t!«
Clara verbiss sich die Schmerzen im linken Arm, der schlaff von ihrer Schulter hing, und erhob sich. Mit vorsichtigen Schritten ging sie auf das Haus zu, schaute zur Seite, zu Andira und dem Notarztwagen, blickte in die untergehende Sonne und sah schließlich auf den Boden. Und dort fand sie das, was sie eben aus den Augenwinkeln gesehen hatte, etwas, das beinahe unbeschadet dieser Flammenhölle entkommen und inmitten des Chaos träge zur Erde geschwebt war.
Sie hob es auf.
Es war ein Schwarzweißfoto.
Es zeigte ein junges Mädchen, ungefähr zehn Jahre alt. Die blonden Haare zu Zöpfen geflochten, die Augen wach und voller Leben und Neugier. Auf der Rückseite stand, ein wenig verwischt und mit altmodischem Füller geschrieben: Elisabeth, 1978.
Clara schaute durch das Schwarzweiß des Fotos hindurch, das sich mit dem roten Licht der sterbenden Sonne mischte, und blickte auf die graue, rauchende Ruine des Hauses. Tränen schimmerten in ihren Augen.
Elisabeth.
Ein wenig sieht sie aus wie Claudia.
Clara ging mit langsamen Schritten weiter, das Foto in der zitternden Hand, in Richtung der untergehenden Sonne, die zwischen den grauschwarzen Regenwolken das Feld mehr und mehr der Nacht überließ. Sie wollte jetzt mit niemandem sprechen.
Noch einmal blickte sie auf das Foto, auf die strahlenden Augen des Mädchens, in denen so viel Neugier und kindliche Freude lag.
Und endlich kamen die Tränen.
Elisabeth und Claudia.
Beide waren viel zu früh aus dem Leben gerissen worden, beide durch einen schrecklichen Akt der Gewalt. Beide hatten die Welt der Erwachsenen nur dadurch kennengelernt, indem sie durch ebendiese Welt gestorben waren. Doch was blieb, waren die Ehrlichkeit, die aufrichtige Freude und die Neugier, mit der sie als Kinder das Leben entdeckt und erkundet hatten, und die Erinnerung bei jenen, die zurückgeblieben waren. In der wirklichen Welt. Der Welt aus Angst und Schmerz und Blut und Tod.
Und so wie ein Foto immer das Schöne und das Unzerstörbare zeigte, egal, was sich in der Wirklichkeit seitdem tatsächlich ereignet hatte, so würden auch Claudia und Elisabeth nun ewig Kinder sein und für immer die Welt eines Kindes in ihren Seelen tragen, egal, wohin die Schwingen des Todes sie gebracht hatten. Und genauso würden sie auch denen in Erinnerung bleiben, die in der Welt der Lebenden zurückgeblieben waren.
Wunderschön, unschuldig und unzerstörbar.
In den Herzen aller, die sie liebten.
Für immer.