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Hermann sortierte ein paar Fotos, die die Ermittlungsbeamten in der Wohnung von Thomas Krüger alias Tom aufgenommen hatten. Ein Becher schwarzen Kaffees mit dem Vereinswappen von Hertha BSC stand auf dem Tisch.
»Die Abteilung für Wirtschaftsdelikte stellt gerade seine Wohnung auf den Kopf«, sagte Hermann. »Möglicherweise gibt es Verbindungen zum Inhalt des USB-Sticks.«
»Was ist denn darauf gespeichert?«
»Nichts Gutes, aber kommen wir erst mal zu Tom.«
Clara schaute auf das Foto, das die Ermittler am Tatort aufgenommen hatten. Sie sah eine Gestalt, die auf dem Boden lag. Das, was der Kopf gewesen war, war nur noch ein zerfleischtes, blutiges Etwas, aus dem mehrere Zimmermannsnägel ragten.
»Das wird Bellmann gar nicht gefallen«, sagte Clara. »Aber wer konnte denn auch wissen, dass der Mörder sofort auch bei Krüger zuschlägt? Wir hätten ihn am Abend unter Polizeischutz gestellt. Oder ist das alles Zufall?«
Hermann seufzte. »Glaub ich nicht. Ähnlicher Modus Operandi wie bei Susanne Wolters, der Sekretärin. Jemand hat die Tür eingetreten und Krüger noch auf dem Flur erschossen – mit einer Nagelpistole. Auch hier war die Tür nur angelehnt.« Er trank von seinem Kaffee. »Ein Nachbar hatte sich gewundert, dass die Tür offen steht, und ist in den Flur gegangen. Da hat er dann den Schock seines Lebens gekriegt. Krüger lag auf dem Rücken, mitten auf dem Flur, mehrere Zimmermannsnägel zwischen den Augen.«
»Fingerabdrücke?«, fragte Clara.
Hermann nickte. »Wie es aussieht, sind es dieselben wie an den Tatorten von Wolters und Gayo.«
Wieder diese unorganisierte Vorgehensweise, wie schon bei der Sekretärin, dachte Clara. Vollkommen anders als bei Gayo.
Es fiel ihr schwer zu glauben, dass dies derselbe Mörder sein sollte, der auch Gayo umgebracht hatte. Andererseits hatte sie gerade mit MacDeath über Allmachtsfantasien gesprochen. Vielleicht beging der Killer diese unvorsichtigen, ungeplanten Morde, um sich zu vergewissern, dass er noch unter göttlichem oder welchem Schutz auch immer stand. So wie Menschen, die absichtlich die Gefahr suchen, weil sie denken, dass es immer die erwischt, die es erwischen soll. Und die, die es nicht erwischen soll, erwischt es auch nicht.
»Gibt es sonst noch was?«, fragte sie.
»Ja«, sagte Hermann. »Lukas ist hier.«
*
Clara betrachtete den ungefähr achtjährigen Jungen mit den dunklen Augen und den seltsam abgehackten Bewegungen. Was musste er gesehen haben? Schwester Viktoria hatte ausgesagt, Lukas habe geweint, als er mit dem Umschlag gekommen sei, in dem sich der USB-Stick befand, und mit seiner kleinen Hand nach draußen gezeigt.
War es wirklich der Umschlag gewesen, der dem kleinen Jungen die Tränen in die Augen getrieben hatte? Oder war es derjenige, der ihm den Umschlag gegeben hatte? Oder holte seine schreckliche Vergangenheit als Opfer eines gewalttätigen Pädophilen ihn immer wieder ein und brachte ihn dazu, nachts auf den Gängen des Heims herumzuirren, weshalb man ihn dort »Das Irrlicht« nannte?
Warum hatte ihm überhaupt jemand den Umschlag mit dem Stick gegeben? Und wer konnte das gewesen sein?
Der Junge litt an Katatonie, wie der Krankenakte zu entnehmen war, einer Störung der Psychomotorik, was sich in Erstarrungszuständen äußerte, dem sogenannten Mutismus: Die Menschen verharrten plötzlich in einer bestimmten Körperhaltung und konnten oft nicht mehr sprechen. Lukas hatte des Öfteren Albträume von ungewöhnlicher Lebhaftigkeit, die sich besonders auf die zweite Nachthälfte konzentrierten. Es war das einzige Mal, dass man seine Stimme hörte. Weil er schrie. Und schrie. Und dann, ganz plötzlich, wieder still wurde, als hätte jemand einen Stecker gezogen.
Im Heim hatten sie seinen IQ nicht feststellen können, da er sich geweigert hatte, die Fragebögen auszufüllen, aber das musste nicht bedeuten, dass sein IQ nicht deutlich über 80 lag. Auch sonst gab es keine Anzeichen geistiger Behinderung, und nichts deutete auf irgendein Syndrom hin, was eine geistige Retardierung erklären würde.
Nein, was Lukas zu dem gemacht hatte, was er jetzt war, musste traumatischer Natur gewesen sein – schlimmer, als man es sich vorstellen konnte und wollte.
Der Verein, der das Heim betrieb, in dem Lukas untergebracht war, gehörte zu einer der neueren Initiativen der Stadt. Clara wusste, dass der Senat bei allem, was mit Kindesmissbrauch und Kindesmisshandlung zu tun hat, nicht untätig erscheinen wollte; deshalb hatte das LKA die Aussagen der Schwester sofort zu Protokoll genommen.
Gleichzeitig hatte die IT den Stick flüchtig durchgeschaut und Hunderte von Megabytes mit Grafiken, Fotos, pdf- und Word-Dokumenten gefunden. Bereits im Heim hatten sie kurz in den Stick geschaut, mit dem Inhalt aber nicht allzu viel anfangen können. Sie sagten nur, es habe ihnen »Angst gemacht«.
Clara überflog das Protokoll und Lukas’ Akte aus dem Kinderheim. Vor ein paar Monaten hatte die Polizei den Mann gefasst, der den Jungen gefangen gehalten hatte. Es schien ihm völlig gleichgültig gewesen zu sein. »Ihr könnt ihn haben«, hatte er gesagt – in einem Ton, mit dem ein Rockstar seine Geliebte auf die Straße setzt oder eine Familie ein paar ungeliebte Katzenkinder weggibt.
»Eigentlich wollte ich einen Hund«, hatte der Mann gesagt, als er mit Handschellen im Streifenwagen saß. Die Schwester, der Lukas den USB-Stick gegeben hatte, war damals dabei gewesen. »Also habe ich ihn zu meinem Hund gemacht. Hunde verstehen Prügel. Menschen verstehen Prügel.« Der Mann hatte die Polizisten beinahe Verständnis suchend angeschaut, doch in deren Gesichtern hatten sich nur Wut und Abscheu gespiegelt.
»Ich habe ihn dressiert, dass er nur nachts draußen an den Baum pinkelt, mit erhobenem Bein«, hatte der Mann lachend weitererzählt. »Und Hundefutter habe ich ihm gegeben.« Er hatte genickt, während er sprach. »Irgendwann hat er das Zeug sogar gemocht. Er hat …« Der Mann hatte nach Worten gesucht. »Er hat gesabbert, wenn er das Rascheln der Futtertüte hörte, und kam auf allen vieren angelaufen. Und manchmal …«, das Lachen des Mannes wurde schriller, »manchmal ist er schon gekommen, wenn ich nur mit Zeitungspapier geraschelt habe.«
Aber das war längst nicht alles, was der Mann mit Lukas angestellt hatte. Da waren noch andere Dinge gewesen. Lukas hatte sie monatelang, jahrelang erleiden müssen. Der Mann war ins Gefängnis gekommen. Genauso wie Lukas. Nur dass Lukas’ Gefängnis noch dunkler, hoffnungsloser und besser bewacht war. Es war das Gefängnis seines Verstandes. Ein Gefängnis aus seinen Erinnerungen.
Clara schaute in die Augen des Kindes, diese dunklen und traurigen Augen, die so viel zeigten und noch mehr verbargen. Lukas erwiderte ihren Blick. Dann senkte er abrupt den Kopf und drehte sich ruckartig zum Fenster um.
Am härtesten trifft es immer die unschuldigen Kinder, dachte Clara. Ob sie wollte oder nicht, sie musste dabei an ihre ermordete Schwester Claudia denken.
Unweigerlich kam ihr ein Gedicht von John Donne in den Sinn, das vielleicht ein klein wenig dazu beigetragen hatte, dass sie Polizistin geworden war. Es besagte, dass jeder Tod eines Anderen in gewisser Weise auch der eigene Tod war.
Niemand ist eine Insel ganz für sich; jeder Mensch ist ein Stück des Kontinents, ein Teil des Festlands.
Jedes Menschen Tod ist mein Verlust, denn ich bin Teil der Menschheit.
Darum verlange nie zu wissen, wem die Stunde schlägt; sie schlägt dir selbst.
Einer der Phantomzeichner kam ins Zimmer und riss Clara aus ihren Gedanken.
»Wir sind so weit«, sagte er.
»Dann los. Schauen wir mal, ob ihr was rausbekommt.«
Der Phantomzeichner führte Lukas, gemeinsam mit einem Polizeipsychologen, in einen Nebenraum.
Claras Handy klingelte erneut. Es war Hermann.
»Ja?«
»Wir sind fertig mit dem Stick.«
»Gut«, sagte sie. »Unten im Keller?«
»Ja. Kommt am besten runter. MacDeath auch. Winterfeld ist schon da. Erich Weber ebenfalls.«
»Was ist denn auf dem Stick?«, fragte Clara.
Hermann schwieg ein paar Sekunden, ehe er antwortete: »Der schlimmste Albtraum, den man sich vorstellen kann.«