24
»Schlampe!«
So schallte es an diesem Morgen bestimmt zwanzig Mal durch die kleine, schmutzige Wohnung.
Sie hatten sich schon den ganzen Morgen gestritten. Wobei »gestritten« bedeuten würde, dass man sich gegenseitig anschreit. Hier aber hatte nur Kevin ununterbrochen die Mama angebrüllt. Dabei drängte er sie immer mehr aus der Wohnung heraus, mit jedem Schritt, als wollte er von dem Besitz nehmen, was ihm gar nicht gehörte. Und Mama wehrte sich nicht. Schließlich kauerte sie oben am Treppenabsatz wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt werden soll.
Kevin zog den Gürtel aus der Hose und bewegte sich langsam auf Mama zu. Sie zitterte vor Angst und blickte ihrem Peiniger entgegen, die Lider flatternd vor Furcht.
Er warf ihr abscheuliche Beleidigungen an den Kopf.
Und dann trat er zu.
Sie wurde nach hinten geschleudert, versuchte, sich mit der Hand am Geländer festzuhalten, griff aber ins Leere. Mit einem schrillen Schrei kippte sie hintenüber und stürzte kreischend die Treppe hinunter, bis sie wimmernd und zuckend am Fuß der Treppe liegenblieb.
Die Nachbarn hielten sich heraus.
Sollte eine der Türen geöffnet gewesen sein, schloss sie sich wieder wie von Geisterhand, sobald drinnen jemand das Gefühl hatte, es könnte ungemütlich werden. Oder er müsste helfen.
Das wusste der Junge schon seit Langem. Von den Nachbarn würde ihm niemand helfen. Und der Mama auch nicht. Die Nachbarn waren auf Kevins Seite. Mama und er waren allein.
Kevin kam die Treppe herunter.
Mamas Blick huschte ängstlich nach oben. Kurz schaute sie zu dem Jungen, dann auf Kevin, der vor ihr stehenblieb und sie hasserfüllt anstarrte.
»Glotz nicht so dämlich, Miststück!«, brüllte er.
Und trat noch einmal zu, diesmal von oben nach unten.
Das trockene Geräusch seines Trittes an Mamas Kopf vermischte sich mit dem Schrei, den der Junge am oberen Ende der Treppe ausstieß.
Mamas Kopf flog zur Seite und knickte nach unten.
Sie zuckte heftig.
Einmal. Zweimal.
Und bewegte sich nicht mehr.
Kevin hatte es plötzlich eilig. Die Eingangstür zum Treppenhaus fiel krachend hinter ihm ins Schloss.
Mama lag da wie tot.
Der Junge rannte zu ihr. »Mama!«, rief er. »Was ist? Mama? Mama!«
Sie gab ein ersticktes Stöhnen von sich, schlug die Augen auf und blickte ihren Sohn mit flatternden Lidern an.
»Du musst nach oben, Mama!«, drängte der Junge. »Oben können wir den Krankenwagen rufen!«
Kevin war verschwunden. Offenbar hatte er die Tragweite seines Tuns richtig eingeschätzt und es vorgezogen, das Weite zu suchen.
»Du musst nach oben, Mama!«, flehte der Junge noch einmal.
Mama nickte und verzog das Gesicht vor Schmerzen. Blutiger Speichel rann aus ihren Mundwinkeln, als ihr Sohn sie unter den Armen packte und die Treppe hinaufzerrte, eine Stufe nach der anderen. In der Wohnung würden sie sicher sein. Er würde abschließen und den Schlüssel abbrechen.
Aber Mama war so schwer, so furchtbar schwer!
»Oben holen wir den Arzt, Mama. Wir rufen den Arzt an. Aber du musst … nach oben … du musst.« Er schwitzte und keuchte, als er Mama eine Stufe nach der anderen hinaufzerrte. Dann hatte er die Wohnungstür erreicht, schob Mama in den Flur, bettete ihren Kopf auf seinem Bein und zog mit der anderen Hand die Tür zu.
Der Lärm der Straße und die Geräusche des Treppenhauses waren nur noch gedämpft zu hören.
Sie waren zurück in der Wohnung.
Eine Wohnung, deren Stille sie wie ein Grab empfing.