4
Clara saß im Einsatzwagen, einem VW-Transporter, der sogar einen kleinen Kaffeespender hatte.
»Möchten Sie einen?«, fragte der Beamte auf dem Beifahrersitz, der sich gerade einen Becher gefüllt hatte, von dem er behutsam nippte. Vier Beamte waren in Claras Wohnung und berichteten über das Funkgerät, das auf dem Armaturenbrett des Transporters lag.
Clara schüttelte den Kopf. »Nein, danke. Meinem Magen geht es nicht besonders. Und hellwach bin ich inzwischen auch so.«
»Das ist eine üble Sache«, sagte Winterfeld, der ihr gegenübersaß. Sie hatten sich den Toten angeschaut. Er hatte sich den halben Kopf weggeschossen, hatte aber außer der Pistole und dem Prepaidhandy nichts dabei. Die Waffe kam aus Osteuropa, das Handy war vor ein paar Tagen in Spandau gekauft worden.
»Könnte es sein, dass der Mann ebenfalls konditioniert war? MacDeath hat mir da so etwas erzählt.« Winterfeld schaute sie kurz an; dann richtete er den Blick nach draußen.
Clara nickte. »Gut möglich. Man nennt es Suizidprogramm.« Sie folgte Winterfelds Blick. »Ich hätte nur nicht gedacht, dass ich es so schnell live sehen würde.«
Winterfeld nickte und knetete seine großen Hände. Man sah ihm an, dass er sich am liebsten einen Zigarillo angesteckt hätte. »Wie auch immer, hier können Sie auf keinen Fall bleiben, solange wir diesen Satanistensumpf nicht trockengelegt haben.«
Clara nickte resigniert.
»Diese Verrückten haben die Tür aufgeschlossen«, sagte sie. »Nicht aufgebrochen, sondern aufgeschlossen. Also müssen sie von irgendwoher einen Schlüssel bekommen haben.«
»Wir tauschen sämtliche Schlösser aus«, versprach Winterfeld. »Sie brauchen sich um nichts zu kümmern. MacDeath und ich machen so lange mit dem Fall weiter.«
»Aber …«
»Kein Aber. Wir bringen Sie in Sicherheit«, unterbrach Winterfeld sie. »Ich werde mich persönlich darum kümmern.«
»Aber ich kann doch nicht einfach von der Bildfläche verschwinden.«
»Und ob Sie das können. Und genau das werden Sie auch. Manchmal muss man seinen Stolz hinter den Überlebenswillen zurückstellen.«
»Soll das heißen, ich bin aus dem Fall raus?«, fragte Clara.
»Señora«, sagte Winterfeld, »jetzt muss ich doch mal deutlich werden. Es geht hier nicht darum, dass man Ihnen einen Fall wegnehmen will, weil Sie eines der Opfer kannten. Oder weil Ihr Gesicht der Presse, Bellmann, dem Senat, der Polizei, dem BKA oder wem auch immer nicht passt, sodass wir jetzt jemand anders nehmen müssen.« Er schaute sie durchdringend an, ohne den Blick zu senken. »Hier geht es darum, dass Sie in Lebensgefahr sind.« Er nahm ihre Hand. »Diese Verrückten waren in Ihrer Wohnung., ohne dass es jemand gemerkt hat. Die hatten Ihren Schlüssel. Und sie haben Handlanger, die Nachrichten überbringen und sich danach erschießen, sodass man nichts aus ihnen herausbekommen kann.« Er schnaufte. »Würden Sie sagen, dass sind Leute, mit denen gut Kirschen essen ist?«
Die Antwort fiel Clara schwer, auch wenn sie ganz einfach war. »Nein«, sagte sie.
Winterfeld nickte. »Na also. Seien Sie vernünftig und ziehen Sie sich selbst eine Zeit lang aus dem Verkehr. Okay?«
Clara nickte resigniert und schaute aus dem Fenster. Sie sah den Transporter der Rechtsmedizin, aus dem zwei Männer stiegen, die die Leiche des schwarz gekleideten Mannes auf eine Bahre legten.
»Man darf das Grauen nicht ins Private lassen«, hatte sie zu Freese gesagt.
Aber genau das war geschehen.
Ihr fielen die Worte Mandys wieder ein: »Lassen Sie den Fall auf sich beruhen, sonst wird man sich um Sie kümmern.«
Ist das eine Drohung?, hatte Clara gefragt.
Das ist keine Drohung, hatte Mandy geantwortet. Das ist ein Versprechen.