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Die Legende von Paula und Ben.
Clara legte den Kopf schief und blickte auf das Schild über dem Eingang der Bar, wo sie mit Winterfeld und MacDeath an einem der kleinen Tische nahe der Straße saß.
»Lasst uns noch was trinken gehen«, hatte Winterfeld am Abend vorgeschlagen. »Und den Rest des schönen Tages nutzen. Mir fällt in diesem Bau die Decke auf den Kopf.«
Den Ort hatte MacDeath ausgesucht. Das Lokal mit dem seltsamen Namen »Die Legende von Paula und Ben« lag an der Gneisenaustraße zwischen Südstern und Mehringdamm in Kreuzberg und war besonders Wein-, Whisky- und Zigarrenfans in Berlin ein Begriff.
MacDeath schien hier öfter einzukehren, eher des Whiskys und weniger der Zigarren wegen, denn der Barkeeper begrüßte ihn mit Namen und erkundigte sich, was denn die »bösen Buben« machten. Winterfeld bestellte sich unterdessen eine Zigarre, trotz des ärztlichen Verbots, und paffte dann munter in die sommerliche Abendluft.
»Im Moment machen die Bösen hoffentlich nicht allzu viel, jedenfalls nicht, solange wir hier sitzen«, entgegnete MacDeath auf die Frage des Barkeepers.
»Mir hat mal jemand gesagt«, sagte der Keeper, der zugleich Besitzer des Lokals war, »dass jeder ein Mörder sein könnte.«
MacDeath nickte. »Ist auch so. Ich hatte gerade vor ein paar Tagen eine Vorlesung über Psychopathen. Man begegnet ihnen häufiger, als man denkt. Und nur die, die Menschen umbringen, fallen am Ende als Psychopathen auf.«
»Das heißt, ich bin auch einer?«, fragte der Barkeeper.
»Nein«, sagte MacDeath und grinste. »Wer so guten Whisky serviert, kann kein Psychopath sein.«
»Fühle mich sehr geehrt«, sagte der Barmann und vollführte einen halbe Verbeugung. »Was darf es sein?«
»Prinzipiell Scotch Single Malt, oder?« MacDeath blickte sich um. Clara und Winterfeld nickten. »Beim Rest lassen wir uns überraschen.«
***
Die Getränke kamen. Clara und Winterfeld waren MacDeaths Empfehlung gefolgt und hatten sich einen Single Malt Whisky bestellt. Sie stießen an und tranken. Die Abendluft trug eine Spur von Kühle mit sich, doch die Straßen waren noch so bevölkert, als wäre es helllichter Tag.
Winterfeld hatte eine Mappe mit den Kopien zum Tatverlauf dabei.
»Damit wir das auch als Arbeitsessen absetzen können«, sagte er und kniff ein Auge zu. »Bringt mich doch mal auf den neuesten Stand.« Er öffnete die Mappe und blies Rauch zum Berliner Himmel.
»Ihr sagt, der Killer sieht sich als Charon, der die Seelen über den Styx führt und ihre letzte Reise, den Tod, überwacht? Ein Todeswächter? Er bereitet die Toten auf ihre letzte Fahrt vor und will, dass wir die Leichen und damit den Tod sehen?«
»Wir sehen möglicherweise das, was er auch gesehen hat«, erwiderte MacDeath. »Er ist der, der zwischen den Welten steht. Der die Menschen vom Diesseits ins Jenseits begleitet.«
»Das klingt so, als ob man mal eben so ins Jenseits latschen könnte und wieder zurück«, sagte Winterfeld.
MacDeath zog ein zusammengefaltetes Blatt Papier hervor. »Für die Helden der Antike gehörte es zum guten Ton, wenigstens einmal auch als Lebende in der Unterwelt zu sein.« Er setzte ein Lächeln auf. »Wie sagte Hoffmann: So wie man in den Neunzigern unbedingt in den USA und heute unbedingt in China gewesen sein muss.« Er breitete die Karte auseinander. »Hoffmann hat sie mir mitgegeben. Er meinte, sie hilft uns vielleicht.«
Clara blickte auf die Karte, während sich das Aroma des Single Malt in ihrem Mund ausbreitete, eine angenehme Mischung aus Schärfe und warmer Wohligkeit.
Auf der Karte lag oben links die Insel der Seligen, davor der Fluss Kokytos. Dann weiter unten der Acheron, südlich davon die Landmasse von Tartaros und wieder ein Stück südlich der Fluss Phlegeton, wo die Titanen nach dem Kampf gegen Zeus hinabgestürzt wurden. Nördlich davon strömte der Styx. In der Mitte lagen die asphodelischen Gefilde, weit dahinter das Himmelreich, das Elysium.
»Das hier ist die griechische Unterwelt«, sagte MacDeath. »Von Dantes Inferno und dem Purgatorium gibt es ebensolche Karten. Eine vollständige Topographie des Nachlebens. Ich sehe noch keinen deutlichen Zusammenhang, aber Hoffmann meinte, es könnte uns helfen.«
Winterfeld zuckte die Schultern und zog an seiner Zigarre. »Mir hilft es nicht so recht. Und wir unterstellen auch, dass der Mörder all diese Mythen kennt, was ja nicht gesagt ist.«
»Muss er vielleicht gar nicht«, sagte MacDeath. »Das Ganze ist im kulturellen Bewusstsein verankert, in einer Art Ur-Bewusstsein. Man kennt es, ohne es tatsächlich gelesen oder studiert zu haben.« Er schwenkte das Glas unter der Nase, trank einen Schluck und bewegte den Whisky im Mund hin und her, bevor er weitersprach. »Das Leben nach dem Tod kann man als Institution bezeichnen, das genauso zur Realität gehörte wie das Leben. Beide, Tod und Leben, durchziehen die gesamte Kulturgeschichte. Der Hades bei Homer, Scheol im
Judentum, die Hölle bei Dante. Dann haben wir die symbolische Komponente.« Er trank noch einen Schluck Whisky. »Sigmund Freud griff in seinen Schriften häufig auf die Metaphorik der Unterwelt zurück, um die untersten Schichten des Bewusstseins als geografischen Raum greifbar zu machen. In seiner Traumdeutung vergleicht er die seelische Krise, die er nach dem Tod seines Vaters durchlitten hat, mit der Unterweltreise des Aeneas.«
»Aeneas«, sagte Clara. »Das war doch der sagenhafte Gründer Roms.«
»Ja«, sagte MacDeath. »Er musste in die Unterwelt, um dort sein Schicksal zu erfahren. Und das hieß, Rom zu gründen. Na ja, besser als Berlin. Jedenfalls sind diese Unterwelten externe Konstrukte von seelischen Prozessen. Das Böse, das Dunkle, das Unvermeidliche. Es sind Topografien unserer negativen Gefühle. Die Seele eines Serienkillers ist damit auch eine eigene Form der Höllenlandschaft. Und in Träumen steigen aus dem Unbewussten, dem Es, verdrängte Konflikte und Emotionen auf.«
»Ich und Es«, sagte Winterfeld. »Da hab ich auch mal von gehört.«
»Dann ist das Es die Unterwelt und das Ich die Wirklichkeit?«, fragte Clara. »Man steigt also in sein innerstes Selbst hinunter?«
»Diese Konstrukte«, sagte MacDeath, »sind Versuche, sein Innerstes greifbar zu machen, eine Art Hardcopy von Seelenzuständen, Ängsten und Unsicherheit. Und unser Killer«, er tippte auf die Ermittlungsakte, »inszeniert die Toten für ihre letzte Reise. Er schaut möglicherweise sogar zu, wie sie diese letzte Reise antreten. Er bringt sie zu Charon, dem Fährmann, und hofft, dass er mit ihnen weiter in die Unterwelt reisen kann. Darum platziert er die Münze. So, als würde er in der Welt jenseits des Todes nach jemandem suchen.«
»Jemand, der tot ist und den er vermisst?«
MacDeath nickte. »Vielleicht.«
***
Sie unterhielten sich noch ungefähr eine Stunde. Winterfeld erzählte von ein paar früheren, ähnlichen Fällen. Dann kam er auf Formalien zu sprechen, die er noch in Hamburg erledigen müsse, und auf Gespräche mit seinem Scheidungsanwalt. Winterfeld war seit fünf Jahren von seiner zweiten Frau getrennt. Seitdem kommunizierten die beiden nur noch über ihre Anwälte. Eine kostspielige Art der Gesprächsführung, wie Winterfeld es nannte.
Von der Scheidung hatte Clara schon öfter gehört. Es war eine dieser Trennungen gewesen, die einen Mann in eine tiefe Krise stürzen konnten. Und genau das war mit Winterfeld geschehen. Er war knapp daran vorbeigeschlittert, Alkoholiker zu werden, bis er – damals noch in Hamburg – den sogenannten »Tütenmörder« erwischt hatte, eine Story, die Clara schon kannte, die sie aber immer noch mit Grauen erfüllte. Jedenfalls brachte dieser Erfolg Winterfeld internationale Anerkennung ein, sodass er sogar Vorträge bei Scotland Yard und in Quantico hielt. Dort hatte er dann auch MacDeath kennengelernt.
»Dass MacDeath nach Deutschland kam, lag an Ihnen?«, fragte Clara.
»Nicht nur«, antwortete Winterfeld und paffte munter. »Aber ich war vielleicht ein Zünglein an der Waage.«
Über MacDeaths Züge huschte eine Andeutung von Trauer, die sofort wieder verschwand. Clara fragte sich, was es damit auf sich hatte.
»Schon erstaunlich, wie manchmal eins zum anderen kommt«, sagte sie. »Ich wünschte, das wäre bei unserem Fall genauso.« Sie wandte sich an MacDeath. »Die Story müssen Sie mir mal erzählen.«
»Warum nicht?«, sagte er. »Aber es ist eine lange Geschichte.«
Clara hätte gerne noch mehr von MacDeath gehört. Irgendwann würde sie ihn das alles fragen. Doch sie merkte, wie ihr das Denken und Reden zunehmend schwerfiel. Noch einen Whisky, dann wäre es genug.
Winterfeld erhob sich polternd.
»Ich mach mich vom Acker«, sagte er. »Heute geht’s mal mit dem Taxi nach Hause.« Er klemmte sich die Mappe unter den Arm und warf einen Schein auf den Tisch. »Betrachtet euch als eingeladen! Und falls es nicht reicht, betrachte ich selbst mich als eingeladen.« Er grinste, nahm noch einen Zug von der Zigarre und warf sie in den Aschenbecher. Dann stapfte er zur Straße, winkte ein Taxi heran und verschwand in der Dunkelheit.
Clara blickte ihm hinterher, auf den Bürgersteig, wo trotz der vorgerückten Stunde noch immer Passanten in luftiger Sommerkleidung unterwegs waren.
Ihr Blick fiel auf einen Tisch, an dem soeben ein Pärchen aufgestanden war. Jetzt standen die zwei Stühle verlassen auf dem Bürgersteig.
Die Stühle.
Ein Gedanke streifte Clara. Der Sessel am ersten Tatort. Jemand hatte dort gesessen. Und dann nicht mehr. Und die Inszenierung …
Hatte der Mörder sich vielleicht auf dem Sessel gar nicht die Toten angeschaut, sondern ihre Herrichtung für die Reise ins Jenseits? Das Schminken und alles andere? Die Art und Weise, wie sie auf die letzte Reise vorbereitet wurden? Hatte er vielleicht sogar jemand anders gezwungen, die Opfer zu töten, und sich die Ermordung nur angeschaut?
Aber dann konnte er nicht alleine sein. Dann musste es jemanden gegeben haben, der die Toten hergerichtet hatte – freiwillig oder unfreiwillig.
Oder hatte der Täter andere Menschen, vielleicht sogar Angehörige oder Freunde der Opfer, gezwungen, sich den Mord anzuschauen? Und dann die Toten für die Überfahrt herzurichten?
Aber was machte er dann mit den Angehörigen und Freunden?
Waren sie deshalb verschwunden – Joachim Färber, Andreas Gerling und Sarah Steffen.
Aber wo waren sie?
»Und?« MacDeaths Frage riss Clara aus ihren Gedanken. »Trinken wir noch einen? Ich habe Zeit. Wie ist es mit Ihnen?«
Clara lächelte. Die Gedanken an Stühle und Sessel verschwanden. Whisky mit MacDeath – das hatte sie schon seit ihrem ersten Fall vorgehabt, aber jedes Mal war etwas dazwischengekommen.
»Einer geht noch«, sagte sie.