14

Clara saß in einem der Einsatzwagen, die mit Blaulicht und Sirene den Mehringdamm Richtung Friedrichstraße hinaufrasten. In aller Eile hatte sie Informationen über Franco Gayo aus dem Internet geladen. Nun huschte ihr Blick über den Ausdruck, den sie davon gemacht hatte, während die Einsatzwagen sich durch den Feierabendverkehr wühlten.

Franco Gayo war in einer renommierten Anwaltskanzlei ein hohes Tier gewesen, ehe er seinen wohltätigen Verein Do ut des ins Leben gerufen hatte, der ziemlich marktschreierisch an das schlechte Gewissen der Menschen appellierte, was manche Pressevertreter aber nicht daran hinderte, Gayo zum »guten Gewissen Deutschlands« hochzustilisieren.

Und nun war er einem Mord zum Opfer gefallen. Der Killer musste das ganze Wochenende bei ihm gewesen sein. Offenbar war es niemandem aufgefallen, und wie es aussah, hatte auch niemand etwas gehört. Das allein war schon eine Leistung.

Franco Gayo zählte zwar nicht zu den Menschen, die bei einem Gespräch unter vier Augen alle paar Minuten auf einen verborgenen Knopf am Schreibtisch drücken mussten, damit seine Bodyguards nebenan wussten, dass alles in Ordnung war und nicht den Raum stürmten. So bedeutend war er nicht. Doch er war bekannt genug, dass man ihn nicht einfach mal eben für zwei Tage völlig von der Bildfläche verschwinden lassen konnte.

Der Killer ist ein Profi, überlegte Clara. Oder ein Wahnsinniger. Oder beides.

Dann dachte sie wieder daran, was der Täter mit Gayo angestellt hatte, und ein Gefühl von Ekel und Machtlosigkeit umschloss sie, klebrig, schwarz und undurchdringlich.

Der Killer hatte Gayo aufs Parkett genagelt und ihm eine Klinge durch den ganzen Körper getrieben.

Warum hatte er ihm das angetan?, fragte sie sich. Hat Gayo irgendwelchen mächtigen Organisationen ans Bein gepinkelt? Hat er anderen die Show gestohlen? Aber selbst wenn es so sein sollte – ist das Grund genug für einen derart bestialischen Mord?

Clara wusste schon, was sie am Tatort erwartete, dem Ort der Schmerzen und des Grauens. Manchmal fragte ein Reporter sie, wie Mord riecht. Sie konnte es schlecht beschreiben, wusste es aber sofort, wenn sie es roch. Der Odem des Todes, der süßlich-penetrante Gestank von Leichen, vermischt mit dem kupfernen Geruch von vergossenem Blut und dem Schlachthausgestank zerfetzter Eingeweide. Vielleicht lag es am Ekel vor sich selbst, am Ekel vor dem Körperlichen und der bloßen Existenz, dass Menschen den Schlachthausgeruch von Fleisch besonders verabscheuten.

Warum hat der Täter das getan? Warum gerade so?, fragte sich Clara, während die Einsatzwagen am Willy-Brandt-Haus vorbeirasten, Richtung Kochstraße, um dann rechts in die Friedrichstraße abzubiegen. Sie würde nachher mit Martin Friedrich darüber sprechen, dem Leiter der operativen Fallanalyse beim LKA. Von Weinstein hatte ihm die Unterlagen und Fotos von seinem Laptop am Tatort aus bereits als pdf-Datei geschickt.

Warum diese bestialische Grausamkeit?

Es gab Standardbegründungen. Clara kannte sie alle, aber sie fürchtete, dass sie ihr in diesem Fall nicht weiterhalfen. Die meisten Täter wählen ihr Opfer aufgrund ihrer Furcht aus, sagten die Psychiater. Sie stechen Frauen Nadeln in die Brüste, weil ihre psychotische Mutter dem kleinen Jungen, der später ein Serienkiller werden würde, Nadeln in den Penis gestochen hatte. Warum? Weil der Junge und alles, was mit ihm zu tun hatte, unerwünscht war. Weil Mami lieber ein kleines Mädchen haben wollte. Und weshalb? Weil Papa sie in der Badewanne immer so komisch angefasst und sie gezwungen hatte, ihn ebenfalls irgendwo anzufassen.

Doch so einfach war es hier mit Sicherheit nicht. Die Dimension war eine ganz andere. Aber was hatte der Killer hier getan? War es ein Ritualmord? Eine Pfählung? Hatte es irgendeine Bedeutung? Und wenn ja – warum?

Und so grauenvoll die Tat war, so groß waren der Aufwand, die Vorbereitungen und die Notwendigkeit, dabei nicht gestört zu werden.

Das alles war ziemlich rätselhaft.

Clara fuhr sich mit der Hand über den Hinterkopf. Die Wunde, die dort gewesen war, war längst verheilt. Es war im Oktober gewesen, als sie in letzter Sekunde aus dem verfluchten Haus des Namenlosen geflohen war, bevor alles explodierte. Ein Stück Metall hatte sie am Hinterkopf erwischt. Sie hatte es erst Stunden später im Revier gemerkt, als sie spürte, dass irgendetwas Warmes, Feuchtes ihren Hinterkopf und Nacken hinunterlief und ihre Bluse rot färbte. Adrenalin kann wie ein Schmerzmittel wirken, und so war es auch damals gewesen. Doch die Narbe war noch da. Clara konnte sie fühlen. Narben konnten eine gute Sache sein. Sie erzogen einen zur Demut und zeigten einem, dass die Vergangenheit einst Realität war. Zugleich gaben sie Hoffnung, denn auch wenn Narben ein Zeichen früherer Verletzungen waren, so waren sie zugleich ein Zeichen der Heilung.

»Welche Narben hast du, dass du so etwas fertigbringst?«, murmelte Clara, als sie wieder an den Killer dachte.

»Haben Sie was gesagt?«

Clara zuckte zusammen. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie laut gesprochen hatte. Sie sah die Augen des Fahrers im Innenspiegel. Er war einer der Einsatzbeamten, mit denen sie zum Tatort fuhr.

»Nichts weiter. Hab nur laut gedacht.«

Der Fahrer nickte, zuckte die Schultern. Clara schaute aus dem Fenster, als der Wagen in die Friedrichstraße einbog und das Quartier 101 sich in der Ferne zwischen den regenschweren Wolken erhob.

Laut gedacht. Manchmal redete Clara leise mit sich selbst, wie manche ihrer Kollegen auch. Es tat gut, wenn man außer den Stimmen der Toten und Ermordeten auch mal die eigene Stimme im Kopf hörte. Es war kein Zeichen von Verrücktheit, mit sich selbst zu reden, im Gegenteil: Es konnte einen davor bewahren, verrückt zu werden.

Der Wagen hielt.

»Wir sind da«, sagte der Fahrer.

Als Clara die Tür öffnete und die regennasse Fassade hinaufblickte, überkam sie noch einmal das seltsame Gefühl schwarzer, klebriger Verzweiflung, die man nicht abwaschen konnte. Sie wusste, dass hinter diesen Wänden das Grauen auf sie wartete. Nur drei oder vier Türen entfernt – drei oder vier Türen, die sie durchschreiten musste, um von der normalen Welt der Großstadt in eine Welt aus Angst, Schmerz und Tod zu gelangen.

*

Vor dem Haupteingang des Quartier 101 hatten sich etwa ein Dutzend Reporter versammelt, mit Kameras und Scheinwerfern bewaffnet, die Clara Mikrofone unter die Nase hielten, während sie sich gemeinsam mit den vier Polizisten an der Presse vorbei ins Innere des Gebäudes vorarbeitete. Vier weitere Einsatzleute hatten am Eingang Stellung bezogen und hielten jeden fern, der nichts mit den Ermittlungen zu tun hatte. Zwei Pressevertreter beschwerten sich lauthals, dass hier die Arbeit der Medien behindert werde, was die vier Beamten aber nicht davon abhielt, genau das weiterhin zu tun.

»Aasgeier«, schimpfte einer der Polizisten, »haben mal wieder den Polizeifunk abgehört.«

Der Fahrstuhl bewegte sich mit quälender Langsamkeit nach oben.

Einer der Polizisten, ein noch ziemlich junger Bursche, fragte Clara: »Stimmt die Geschichte?«

»Welche Geschichte?«

»Was er mit dem Mann gemacht hat.«

»Ich habe es noch nicht gesehen, aber wenn Dr. von Weinstein es sagt, wird es wohl so sein.« Carla blickte dem jungen Beamten in die Augen. »Wenn es nicht unbedingt sein muss, schauen Sie nicht hin. Es sei denn, Sie wollen die nächsten Nächte nicht schlafen.«

Der Polizist wurde blass und nickte. Im selben Moment öffnete sich die Aufzugstür. Absperrband, Scheinwerfer der Spurensicherung und ein Assistenzarzt der Rechtsmedizin in einem der weißen Papieranzüge aus Endlosfaser erwarteten Clara.

»Frau Vidalis?«, fragte der Mann.

Sie nickte.

Er wies durch das Vorzimmer nach hinten in das große Büro Gayos, aus dem Stimmengewirr drang und wo sich von Weinstein über irgendetwas beugte, was dort am Boden lag. Die Leiche lag unter einer weißen Folie.

Clara atmete tief ein und durchquerte das Vorzimmer, vorbei an dem grellen, heißen Licht der Scheinwerfer.

Der Geruch traf sie wie ein Hammerschlag.

Sie sah die Leiche nicht, doch an den Ecken der Folie sah sie Hände und Füße, die noch immer mit dicken Nägeln fixiert waren, die jemand in den Parkettboden getrieben hatte. Sie sah das Blut, das an den Füßen der Leiche unter der Plastikfolie das Holz getränkt hatte.

Kamerablitze zuckten und ließen bunte Schatten vor Claras Augen tanzen. Einer der Techniker hatte schon etliche Fotos auf einen Laptop der Rechtsmedizin gezogen, der auf dem Schreibtisch des Ermordeten stand. Zwei Kriminaltechniker waren damit beschäftigt, Boden und Wände mit Grafitpinseln abzutupfen, um mögliche Fingerabdrücke zu entdecken, während ein anderer nach Hautschuppen, Haaren oder anderem organischen Material des Täters suchte, das eine DNA-Probe ermöglichte. Ein Asservatenkoffer stand offen neben ihm. »Keine Haare, nichts bisher«, rief er einem der Kollegen zu. Clara erstaunte das nicht. Sie wusste, wie viele Vergewaltiger und Serienmörder sich die Körperhaare rasierten, damit nichts, aber auch gar nichts am Tatort zurückblieb.

Sie blickte zum Fenster, wo eine große Leinwand aufgestellt worden war, wie man sie für Präsentationen verwendete. Ungefähr fünf Meter entfernt, auf der anderen Seite des Büros, stand ein Beamer. Er war ausgeschaltet.

Dem Kriminaltechniker, der Clara begleitet hatte, war ihr Blick nicht entgangen. Er war ein noch ziemlich junger Mann, den die Schrecken in diesem Büro nicht allzu sehr zu beeindrucken schienen. »Wir wissen noch nicht, was die Leinwand und der Beamer hier sollen«, sagte er. »Möglicherweise stammt beides vom Täter.«

Clara nickte. »Erzählen Sie weiter.«

»Das Opfer ist seit ungefähr zwei Tagen tot. Ein Mann vom Reinigungsdienst hat die Leiche entdeckt, als das Büro heute Mittag um dreizehn Uhr immer noch geschlossen war.« Er atmete hörbar aus. »Der Mann hatte einen schweren Nervenzusammenbruch. Er ist jetzt beim Notarzt und kommt anschließend in psychologische Behandlung.«

Clara kannte solche Fälle. Die wenigsten Menschen konnten mit so etwas fertig werden – im Unterschied zu erfahrenen Ermittlern wie sie. »Horror-Teflon« hatte Winterfeld es einmal genannt. Damit meinte er, dass mit zunehmender Erfahrung das Grauen und der Schrecken an einem abglitten wie Fett an einer Teflon-Beschichtung.

Doch manchmal fragte Clara sich trotzdem, ob sie durch diese Abgestumpftheit im Angesicht des Grauens, die sich über die Jahre gebildet hatte, nicht selbst schon wie eines der Monster geworden war, die sie jagte. »Wer sich mit Ungeheuern befasst, muss achtgeben, dass er nicht selbst eins wird«, hatten die Profiler beim FBI gesagt. Und bei Nietzsche hieß es: »Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.« Beide hatten recht.

»Warum der Notarzt?«, fragte Clara. »Hat der Mann sich verletzt?«

Der Kriminaltechniker verzog gequält das Gesicht. »Als er das hier gesehen hat, ist er autoaggressiv geworden. Hat sich den Kopf an der Tischplatte aufgeschlagen, wahrscheinlich, um die Bilder loszuwerden, die ihm vor Augen standen. So was kommt öfters vor. Ich habe ihn kurz gesehen. Seine Stirn war nur noch blutiges Fleisch. Er hat den Kopf mit solcher Wucht auf die Platte geschlagen, dass sich im linken Auge Teile der Netzhaut abgelöst haben. Hoffen wir, dass die Ärzte und Psychologen ihn wieder hinkriegen.«

Clara nickte. Einer der Kollateralschäden des Schreckens. Es traf nicht nur die Opfer. Es traf noch viele andere – die »sekundären Opfer«, wie man sie in der Kriminologie nannte.

»Das hier«, sagte der Kriminaltechniker, »haben wir hier im Büro gefunden. Es war unter dem Tisch beim Empfang befestigt.« Er hielt einen kleinen Metallgegenstand in die Höhe. »Ein Mobile Jammer. Er unterbindet in einem Radius von zwanzig Metern jeglichen Mobilfunkverkehr. Hat normalerweise nur das BKA oder irgendwelche Drogenbosse.«

»Was war mit Festnetz?«

»Das Gleiche. Der Täter hat eine Mailbox eingerichtet, sodass eingehende Anrufe beantwortet wurden, aber keine Anrufe nach draußen möglich waren.«

Keine verdächtigen toten Leitungen, wenn jemand anruft. Schlau. Clara trat näher an die Leiche heran, an die weiße Folie und an den Mann, der vor dem Toten kniete und in sein Diktiergerät sprach. Als er die Schritte hinter sich hörte, erhob er sich und nickte Clara zu.

»Frau Vidalis, da sind Sie ja«, sagte er, rückte seine Brille zurecht und schaltete das Diktiergerät aus. Dr. von Weinstein, der stellvertretende Direktor des Instituts für Rechtsmedizin, sah mit seinen grauschwarzen Haaren, die er nach hinten gegelt hatte, seiner silbernen Designerbrille und seinem gebräunten Teint eher wie ein Sunnyboy aus dem Robinson Club aus, der dem kahlköpfigen, graugesichtigen Klischee des Rechtsmediziners so gar nicht entsprach. Doch an diesem Tatort war sogar er blass geworden.

»Franco Gayo«, sagte er. »45 Jahre alt, männlich, weiß – und tot.«

»Das sehe ich«, sagte Clara.

»Wollen Sie?«, fragte von Weinstein und zog an der weißen Plastikfolie, die auch das Gesicht der Leiche bedeckte.

»Muss ich ja wohl.«

Er zog die Folie zurück.

Nicht nur der Anblick, auch der faulig-süßliche Geruch, der von der Leiche ausging, ließ Clara zurückweichen. Ihr war, als würde ein brutaler Schlag ihr die Luft aus der Lunge treiben. Du musst es ertragen, beschwor sie sich. Du musst stärker sein als das Grauen. Es war wie mit dem Geruch. Manche rieben sich die Nase mit Menthol ein, wenn sie einen Sektionssaal betraten, doch Clara wusste, dass es den Ekel nur umso schlimmer machte. Am besten gleich tief einatmen, den Tod umarmen, wenn er einen angrinst, und zurückgrinsen. Alles andere war Augenwischerei.

Die Leiche war nackt. Der Killer musste Gayo ausgezogen haben. Es war Clara in diesem Moment egal, ob das Opfer ein Mann oder eine Frau war, sie sah ohnehin nur, was der Killer in diesen vermutlich endlosen Stunden des Grauens und der Dunkelheit getan hatte. Sie sah das Schwert, sah den Griff der Waffe, wo sie in den Körper Gayos eingedrungen war. Sie sah, wie sich die Klinge im Fleisch abzeichnete, und schaute auf das Genick, das der Killer zurückgedreht hatte, damit das Schwert aus dem Mund herausdrang, nicht aus dem Hals oder dem Unterkiefer. Sie sah die lange, blutige Klinge, die wie eine dünne eiserne Zunge aus Gayos klaffendem Mund ragte.

Clara starrte auf diese bestialische Inszenierung des Grauens wie auf ein dämonisches Gegenüber, das einen so lange anstarrt, bis man den Blick senkt. Doch sie war nicht bereit, den Blick zu senken. Sie musste es sehen, verarbeiten, abspeichern, um es später wieder abrufen zu können.

21, 22, 23 …

Clara zählte bis 30, dann wandte sie den Blick ab.

»Alles in Ordnung?« Von Weinstein musterte sie beunruhigt.

Sie atmete tief ein und aus. »Es geht schon wieder.«

Die Folie fiel wieder auf die Leiche herunter, sodass nur noch der Kopf zu sehen war.

Das Schwert, das aus dem Mund ragt, dachte Clara. Wenn der Täter so viel Wert auf diese Inszenierung legt, muss sie irgendetwas bedeuten.

Sie kannte die Klischees, dass der Augenblick des Todes gleichsam für immer in einem Gesicht eingemeißelt blieb. Aber das war Unsinn, denn mit dem Aussetzen des Herzschlags erschlafften sämtliche Muskeln. Danach verfestigte die einsetzende Leichenstarre den Gesichtsausdruck, der mit dieser Erschlaffung einherging.

Aber da war noch etwas gewesen.

Clara zog noch einmal die Folie zurück. Und dann sah sie es wieder.

»Was ist das?«, fragte sie.

Tief in der Kehle des Toten sah sie ein bronzefarbenes Schimmern.

Von Weinstein zuckte die Schultern. »Das müssen wir nachher in Moabit feststellen, das habe ich auch bereits bemerkt. Aber bevor wir da näher herankönnen, müssen wir das Schwert entfernen. Und das dauert seine Zeit. Wir können die Klinge ja nicht einfach herausziehen, sondern müssen den Wundkanal vorher schichtweise präparieren.« Er nestelte an seiner Brille und ergriff den Zipfel der Plastikfolie. »Haben Sie genug gesehen?«

Clara schaute noch einmal in das erschlaffte Gesicht und nickte. »Mehr als Sie kann ich auch nicht feststellen.«

Von Weinstein zog die Folie über Gayos Kopf.

»Er ist seit ungefähr zwei Tagen tot?«, fragte Clara.

Von Weinstein nickte. »Sieht so aus. Die Leichenstarre hat sich bereits wieder gelöst, und die Grünfäulnis im rechten Unterbauch hat gerade erst begonnen. Der Verwesungsprozess wäre weiter fortgeschritten, hätte er länger als zwei Tage hier gelegen.«

Clara nickte. Die Leichenfäulnis begann stets als grüner Fleck im rechten Unterbauch, da die Fäulnis als Erstes von den Darmbakterien ausging und der Darm hier direkt unter der Bauchdecke lag. Die Leichenstarre löste sich dann aufgrund der Fäulnis und der damit verbundenen Zersetzung der Muskulatur.

Untersuchungen zur Eingrenzung der Todeszeit wurden immer gleich am Fundort einer Leiche vorgenommen, niemals im Sektionssaal. Eine viertel bis eine halbe Stunde nach dem Tod kam es normalerweise zur Bildung sogenannter Leichenflecken, fleckigen Ansammlungen von Blut unter der Haut, weil das Herz nicht mehr schlägt und das Blut in den Gefäßen nicht mehr transportiert wird, sodass die Blutzellen absinken. Auch nach dem Tod bleibt die Körpertemperatur von etwa siebenunddreißig Grad für ungefähr drei Stunden konstant. Danach verringert sie sich um jeweils ein Grad pro Stunde. Fand man also eine Leiche mit einer Körpertemperatur von zwanzig Grad bei normaler Raumtemperatur, war diese Leiche seit ungefähr zwanzig Stunden tot.

Hatte die Körpertemperatur des Ermordeten allerdings bei mehr als siebenunddreißig Grad gelegen – zum Beispiel, weil er Fieber gehabt hatte –, konnte es die Ermittlungen gehörig durcheinanderbringen. Der scheinbare Todeszeitpunkt konnte dann ein paar Stunden nach dem tatsächlichen Zeitpunkt des Todes liegen; die Tat war dann nicht um dreizehn Uhr, sondern um fünfzehn Uhr verübt worden. Ein Mörder konnte die Tat um dreizehn Uhr begangen haben und um fünfzehn Uhr im Flugzeug sitzen; auf diese Weise hatte er ein todsicheres Alibi.

Clara schob den Gedanken beiseite. Diesem Mörder war es mehr auf die perfekte Inszenierung seiner Tat angekommen als auf die Vertuschung des Todeszeitpunkts.

Der rechtsmedizinische Assistenzarzt hatte ein weiteres Laptop aufgeklappt. Clara kannte das Programm, mit dem er arbeitete. Man konnte sämtliche Parameter eingeben: Körpertemperatur, Ausbreitung der Leichenflecken, Änderung der Umgebungstemperatur, die elektrische Erregbarkeit der Muskulatur und die Reaktion der Pupillen auf Medikamente. Ging alles gut, gab das Programm ein genaues Todeszeitintervall an.

Von Weinstein bemerkte Claras Blick auf das Laptop. »Das Programm hat es uns auch bestätigt«, sagte er. »Der Todeszeitpunkt war Samstagabend gegen achtzehn Uhr.«

»Dann hat der Täter ihn vielleicht am Freitagabend besucht und sich den ganzen Samstag mit ihm … beschäftigt?«

»Möglich.«

Wieder nahm das Grauen Claras Herz in einen eisigen Klammergriff.

Freitagabend bis Samstagabend. Vierundzwanzig Stunden in den Händen dieses Monsters …

Ihr Blick schweifte zu den Fenstern, wo die blassrote Sonne zwischen regenschweren, schwarzgrauen Wolken in einem Meer aus braungrauem Matsch versank, glitt über die Wände des Büros, die Mahagoni-Regale, die Viertausend-Euro-Deckenstrahler, die kostbaren Kunstdrucke – und blieb an der Stirnseite des Büros haften, genau über der zweiflügeligen Verbindungstür zum Vorzimmer. In rotbrauner Farbe stand dort:

MEIN NAME IST LEGION. TAUSENDE GIBT ES VON MIR.

Claras Blick wechselte zwischen den Worten, von Weinstein, dem Assistenten mit der Tüte, der Leiche und wieder den Worten hin und her.

»Was hat das zu bedeuten?«, fragte sie.

Von Weinstein und der Assistenzarzt zuckten die Schultern, als sähen sie es eher in Claras Zuständigkeitsbereich, den Sinn dieser Worte zu entschlüsseln.

Clara bemerkte eine große Gestalt an der Tür, die ihre Adlernase ins Zimmer streckte, ehe sie in einem wehenden Mantel näher kam, wobei sie sich mit einer Hand durch die Haare fuhr.

»Ich sehe zwar nicht, was Sie gerade sehen«, sagte Winterfeld, »aber ich sehe, dass ich mal wieder recht hatte.«

Clara kniff die Lippen zusammen, nickte und erinnerte sich an seine Worte während ihres gemeinsamen Gesprächs vorhin am Fenster im LKA: Die Stille war ein bisschen zu lang, um gesund zu sein.

»Ja«, sagte sie. »Leider.«

Final Cut, Seelenangst, Todeswächter
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