23.
Es war 5.40 Uhr. Der Regen war dicht und ging in der grauschwarzen Morgendämmerung dieses Herbsttages wie eine Wand auf die von faulig gelben Straßenlaternen beleuchtete Sonnenallee nieder. Zwei Polizeifahrzeuge, zwei Rettungswagen sowie Einsatzwagen des Mobilen Einsatzkommandos standen bereits vor der Hausfassade, als der Wagen, in dem Clara saß, vor Nummer 13 hielt. Clara stieg aus und sah im selben Moment den schwarzen Mercedes herangejagt kommen, der mit kreischenden Reifen bremste. Kriminaldirektor Winterfeld stieg aus, blickte missmutig in den bleigrauen Regenhimmel und stellte den Mantelkragen hoch.
»Guten Morgen, Clara«, sagte er, während die MEK-Beamten mit Sturmgewehren und Rammbock losrannten, wobei Marc, der Einsatzleiter, ihnen Befehle zubrüllte.
»Vierter Stock, Zweizimmerwohnung, zum Hinterhof«, fuhr Winterfeld fort. »Sieht nicht danach aus, als ob …« Sein Handy klingelte. »Hier Winterfeld … ja, sind schon vor Ort … in zehn Minuten? Wunderbar. Bis gleich.« Er klappte das Handy zu. »MacDeath«, sagte er. »Er ist in zehn Minuten da. Nimmt einen späteren Flug nach Wiesbaden.«
Clara nickte und betrachtete die regennasse Fassade, die einmal klassizistisch gewesen war, jetzt aber nur noch vor Schmutz starrte. Ihr Blick schweifte über die von Graffiti verunzierte Haustür und die Hausnummer 13.
»Sieht nicht nach einem Hinterhalt aus«, sagte Winterfeld, »aber man kann nie wissen.« Er schob das Magazin in seine SIG Sauer und lud die Waffe durch; dann folgten er und Clara den MEK-Beamten nach drinnen. Auch Clara entsicherte ihre Waffe, als sie den Hausflur durchquerten, in dem zerrissene Kartonfetzen und aufgeweichte Zeitungen lagen, vorbei an rostigen, ramponierten Briefkästen und mit Unrat gefüllten, halb offenen Plastiktüten auf dem dreckstarrenden Fußboden. Zwei junge Männer Anfang zwanzig, die offenbar gerade von einer Sauftour zurückgekehrt waren, wichen ängstlich zur Seite, als der Tross, angeführt von den fünf schwarz gekleideten MEK-Leuten mit Heckler & Koch-Gewehren und Marc, den Rammbock in den Händen, an ihnen vorbeistürmte.
»Sie haben doch den sechsten Sinn, oder?«, sagte Clara, als sie mit Winterfeld die erste Treppenflucht nach oben stieg. »Was erwartet uns da?«
Er fuhr sich durch die Haare. »Nichts Gutes.«
Die Lampen an den Gewehren des Sturmkommandos durchschnitten die Finsternis des Treppenhauses, in dem nur hier und da eine einzelne Lampe geisterhaft flackerte. Es roch nach Zigarettenkippen und feuchtem, bröckelndem Putz. Eine von den Wohnungen, die Studenten lieben, weil sie im Kiez liegen, günstig und irgendwie »authentisch« sind, was immer das bedeuten mag.
Die schweren Stiefel der MEK-Beamten polterten über die Treppe nach oben. Dann war ein dumpfer Knall zu hören, als Marc, der mit Philipp die Vorhut bildete, mit dem Rammbock die Tür im vierten Stock aufbrach.
Nichts Gutes, hatte Winterfeld auf die Frage geantwortet, was sie erwarten würde. Clara packte ihre Waffe fester und versuchte sich vorzustellen, was es sein könnte. Die Leiche? Eine leere Wohnung? Oder war alles umsonst gewesen? Waren ihre Informationen falsch gewesen? Würden fünf schwarz maskierte Beamte eine lebende Jasmin Peters aus dem Schlaf reißen und ihr den Schreck ihres Lebens einjagen?
Clara stieg die Treppen zum vierten Stock hinauf. Je höher sie kam, desto schmerzhafter krampfte ihr Magen sich zusammen. Sie spürte wieder einen Schwall ätzender Magensäure, der ihre Speiseröhre hinaufschoss – wie jedes Mal, wenn sie wusste, dass etwas Furchtbares auf sie wartete.
Sie hatte schon viele Tatorte gesehen. Alle waren verschieden und dennoch ähnlich: Die beklemmende Atmosphäre, die in der Luft hing und noch immer eine Aura von Angst atmete. Die Gewissheit, dass hier ein Mensch um sein Leben gefleht, gelitten und geschrien hatte und schließlich gewaltsam gestorben war. Das Schlimmste aber war der Geruch. Clara kannte den Geruch von Leichen aus der Rechtsmedizin. Der süßliche Geruch des Todes, der einem tagelang nicht mehr aus der Nase wich, wenn man ihn erst eingeatmet hatte. Doch am Tatort, der Crime Scene oder Killing Scene, wie man beim FBI sagte, kam noch ein anderer Geruch hinzu: der Geruch nach Blut und Innereien. Ein Geruch, der auf verstörende, grässliche Weise fehl am Platz war. Denn dieser Geruch gehörte in ein Schlachthaus, aber mit Sicherheit nicht in eine Wohnung, in der Sessel, Tische und Bücherregale standen.
Es war der metallische, kupferne Geruch nach Blut, vermischt mit dem süßlichen Gestank des Todes, der einen Tatort zu einem Todesort machte, manchmal durchsetzt mit dem Geruch nach Exkrementen, da das Opfer in seiner Todesangst seine Körperfunktionen nicht mehr unter Kontrolle hatte.
Dies war dann nicht mehr der Geruch des Todes. Dies war der Geruch des Bösen.
Noch roch Clara nichts, aber da war etwas Dunkles, Undurchdringliches, Grauenvolles, das sich wie ein schwarzer Schatten aus dem vierten Stock nach unten zu ihr vorarbeitete, das sie erwartete, die Klauen nach ihr ausstreckte und ihr einen Hauch von Verwesung, Blut und Schmerz ins Gesicht blies.
Sie hatte die Wohnungstür erreicht, die mit aufgesprengtem Schloss in den Angeln hing, während zwei MEK-Beamte das Wohnzimmer zur Rechten, einer das Bad zur Linken sicherte und Marc und Philipp den Korridor durchquerten.
Clara schaute sich um. Die typische Wohnung einer jungen Frau, vielleicht Studentin, vielleicht in ihrem ersten Job in der großen Stadt. Poster von der New Yorker Skyline auf dem Flur; daneben eine Schwimmweste von British Airways, die sie selbst oder ein Freund offenbar aus einem Flugzeug entwendet hatte und die jetzt als Trophäe neben dem Poster hing.
»Nichts«, rief der eine MEK-Mann aus der Küche.
»Nichts«, meldete der andere sich aus dem Wohnzimmer.
Kurzer Blick nach links. In der Küche ein kleiner Esstisch, Weinflaschen, auf einem Regal geordnet. Kurzer Blick nach rechts. Sofa, Couchtisch, sofern es im diffusen Licht der Dämmerung auszumachen war. Ein Schreibtisch mit Stuhl, daneben ein Regal mit Büchern. Eine Zimmerpalme mit ausladenden Blättern am Fenster. Auf einer Anrichte Urlaubsfotos.
Die zerkratzte Tür am Ende des Flurs war geschlossen wie ein Mund, der die Wahrheit nur dann ausspricht, wenn er gewaltsam geöffnet wird. Wenn es in dieser Wohnung irgendetwas gab, was man nicht sehen sollte, dann versperrte diese Tür beinahe trotzig den Blick auf das, was sich hinter ihr befand.
Marc, der direkt an der Tür stand, machte ein Zeichen, worauf Clara und Winterfeld sich ins Wohnzimmer zurückzogen, während Philipp, der ebenfalls im Flur stand, sich gegen die Wand drückte. Es konnte sein, dass jemand sich im Schlafzimmer aufhielt und durch die Tür feuerte; deshalb musste der Flur frei sein, wenn die Beamten die Tür aufbrachen.
Philipp blickte Marc an. Als der nickte, drückte Philipp die Klinke nach unten, stieß die Tür auf und sprang zurück, als sie nach innen schwang. Beide warteten, die Gewehre ins Zimmer gerichtet. Eine halbe Ewigkeit verging, aber drinnen rührte sich nichts.
Marc sah Philipp an und wies mit dem Kopf in Richtung Zimmer. Marc war der Boss, aber allwissend war er nicht.
Rein?
Philipp nickte.
Rein.
Beide verschwanden im Zimmer. Clara spürte wieder den sauren, beißenden Geschmack in ihrer Speiseröhre. Marc und Philipp waren Profis; zusammen mit ihnen hatte sie den Werwolf hochgenommen, und der war eine Klasse für sich gewesen. Trotzdem war die Ungewissheit auch nach fünfzehn Dienstjahren schwer zu ertragen – die Frage, was sich hinter einer Tür verbarg, die in eine andere Welt führte. Eine Welt aus Angst und Schmerz und Blut und Tod.
Clara wartete.
Eine Sekunde. Zwei. Drei.
Mein Gott, was war da drin los?
Fünf Sekunden. Sechs.
»Scheiße!«, rief Marc plötzlich. Dann noch einmal: »Scheiße!«
»Was ist?«, rief Winterfeld.
»Müsst ihr euch selbst ansehen.«
Clara atmete durch und betrat das Schlafzimmer.
Gestern war ein besonderer Tag gewesen.
Gestern hatte sie wieder daran gedacht, dass sie vor zwanzig Jahren an genau diesem Tag ihre kleine Schwester zum letzten Mal gesehen hatte.
Gestern hatte sie zum ersten Mal Post von einem Killer bekommen, an sie adressiert.
Und gestern hatte sie zum ersten Mal einen Mord auf CD-ROM gesehen.
Doch was sie jetzt sah, war jenseits von allem, was sie erwartet hatte.
***
Clara kannte den Geruch des Todes – aber hier gab es nichts dergleichen. Allenfalls den schwachen Geruch von altem Leder, das ein wenig angefault war.
Und den leichten, zitronenartigen Geruch nach Insekten.
Und dann sah sie die Käfer.
Sie krabbelten im ganzen Zimmer umher – auf dem Boden und auf dem Bett, auf dem Schrank, dem Nachttisch, dem Stuhl, dem Deckenstrahler.
Und auf der Leiche, die auf dem Bett lag.
Aufgrund der Physiognomie vermutete Clara, dass es sich um eine Frau zwischen zwanzig und dreißig handelte. Die Gesichtshaut war völlig ausgetrocknet und spannte sich wie dünnes Pergament über den Wangenknochen, und die Zähne unter den geschrumpften Lippen waren zu einem grässlichen Grinsen gebleckt. Einzig die blonden Haare erinnerten Clara noch an die Person, die sie auf dem Video gesehen hatte.
Die Augen der Toten waren zu gelblichen Eiweißklumpen geschrumpft und starrten aus halb leeren Höhlen zur Decke. Der Oberkörper war vom Hals bis zum Bauch aufgeschnitten; die Enden der abgetrennten Rippen ragten aus der offenen Brusthöhle wie die Planken im Rumpf eines versunkenen Schiffes. Ein Nebel aus weißlichen, watteartigen Schimmelpilzen bedeckte den ganzen Körper.
Stumm blickte Clara auf diese morbide Installation des Grauens, während sie neben Marc, Philipp und Winterfeld stand, die ebenfalls wortlos auf das Bett starrten. Winterfeld vergaß sogar, sich durch die Haare zu fahren.
»Ich habe was Übles erwartet, aber das hier sind hundertfünfzig von hundert Prozent«, sagte er. »Was meinen Sie?«
Clara war keine Rechtsmedizinerin, doch sie sah sofort, dass der gesamte Körper mehr oder weniger mumifiziert war. Ohne allzu nah an die Leiche heranzutreten, blickte sie in die geöffnete Brust- und Bauchhöhle und sah die Wirbelsäule und die hinteren Rippen, aber keine Organe: keine Lunge, kein Herz, keinen Magen.
»Der Täter hat offenbar die gesamten Innereien entfernt«, sagte sie. »Möglicherweise hat er ihr auch noch das Blut abgezapft.«
Sie schaute Winterfeld, Marc und Philipp an. »Das erklärt auch, warum es keinen Geruch des Todes gibt: Mumien, die vertrocknen, riechen nicht.«
»Und Tote, die vertrocknen, fallen niemandem auf.« Eine Stimme, die sie schon einmal gehört hatte, erklang an der Tür. Im Türrahmen stand Martin Friedrich, alias MacDeath, in einem grauen Herbstmantel. Unter dem blauen Pullunder trug er heute eine hellblaue Krawatte. Er schien bereits eine Zeit lang in der Türöffnung gestanden zu haben, gemeinsam mit einem Polizisten, der ihn nach oben begleitet hatte und nun offenen Mundes auf die Szenerie starrte. »Noch weniger als ohnehin schon in einer Stadt, in der im Fünfminutentakt die Leute ein- und ausziehen und sich keiner allzu sehr darum kümmert, wie lange er vom Nachbarn schon nichts mehr gehört hat.« MacDeath trat näher an das Bett heran.
Clara fixierte die rechte Gesichtshälfte der Leiche, wo die Käfer Teile der Wange weggefressen hatten, sodass die Backenzähne freilagen.
Er hat recht, dachte Clara. Niemand wurde vermisst. Denn es gab keinen Geruch des Todes. Keinen Geruch nach Blut. Keinen Geruch des Bösen. Doch die Abwesenheit dieses Geruchs machte die Situation nicht erträglicher. Im Gegenteil: Es machte alles nur noch schlimmer.
»Das heißt, der Mörder hat ein besonderes Interesse daran, dass niemand die Leiche so schnell findet?«
Friedrich nickte. »Ich denke, jeder Mörder hat ein Interesse daran, dass niemand die Leiche schnell findet. Deshalb ist ein perfekter Mord ein Mord ohne Leiche.«
»Leichen werden normalerweise vom Mörder versteckt oder entsorgt«, sagte Clara.
»Was meist das Problem ist«, sagte Friedrich, »und zwar für den Mörder. Entweder versteckt er die Leiche an einem Ort, wo sie gefunden werden kann – beispielsweise in einem Fluss, einem Müllcontainer, einem Wald oder einer dunklen Gasse …«
»Oder er versteckt sie bei sich zu Hause«, ergänzte Clara. »So wie Gacy.«
»Gacy und viele andere«, sagte Friedrich. »Beides wirft Probleme auf: Im ersten Fall werden die Leichen früher oder später gefunden. Bei Verstecken im privaten Bereich ist es ähnlich. Es gibt immer den ein oder anderen Nachbarn, der gesehen hat, wie jemand irgendetwas Schweres in einem schwarzen Plastikbeutel oder Ähnlichem in seine Wohnung oder seinen Garten gezerrt hat. Oder wie jemand mit in die Wohnung gegangen ist, aber nicht wieder herausgekommen ist.«
Clara trat einen Schritt zur Seite, damit die Spurensuche Fotos von der Leiche machen konnte. »Öffentliche Orte werden besucht, private Orte hingegen nicht so häufig«, sagte Friedrich. »Würden Sie bei einer guten Freundin, die Sie lange nicht gesehen haben, einfach die Tür eintreten?«
Clara schüttelte den Kopf.
»Aber was hat dieser Irre davon, das Mädchen umzubringen und dann hier in der Wohnung vertrocknen zu lassen?«, fragte Winterfeld. »Geld? Vergewaltigung? Rache? Alles auf einmal?«
»Das frage ich mich auch«, sagte Friedrich, »und das müssen wir herausfinden.« Er trat an das Bett heran und betrachtete die Käfer. »Ist es normal, dass bei einer Leiche so viele Käfer auftauchen? Vor allem stellt sich die Frage, woher die Biester kommen.« Er drehte sich um. »Das Fenster ist geschlossen und hier …« Er deutete auf den Fußboden. »Das ist mit Sicherheit von ihm.«
Auch Clara fielen jetzt die kleinen Wasserbehälter auf, die entlang der Wände aufgestellt waren und in denen mehrere Dutzend tote Käfer schwammen. Der Täter hatte die Möbel an einigen Stellen zur Seite gerückt, um die Behälter aufzustellen.
»Sind die für die Käfer?«, fragte Clara.
Friedrichs Blick folgte der Kamera der Spurensuche, die Fotos von den Wasserbehältern machte.
»Ich nehme es an. Er wollte verhindern, dass die Käfer die Wände hinaufklettern, aus dem Fenster krabbeln, was immer auch anstellen, um …«
Clara beendete den Satz: »Um aufzufallen? Die Aufmerksamkeit der Nachbarn zu erregen?«
Sie wandte sich an Winterfeld. »Dann hat er die Käfer extra hierhergeschafft?«
Winterfeld nickte. »Sieht ganz so aus. Es gibt bei Leichen öfter Insektenbefall, Fliegen- und Käferlarven, aber das hier ist weit mehr als der Durchschnitt.«
»Biologische Beschleunigung der Mumifizierung durch Käfer?«, fragte Clara.
Winterfeld nickte. »Die alten Ägypter haben das ähnlich gemacht. Wir sollten gleich die Biologen in der Rechtsmedizin fragen, was das für Käfer sind.«
Er klappte sein Handy auf und wählte eine Nummer. Während er sprach, schweifte Claras Blick noch einmal über die Leiche. In diesem Moment sah sie es und spürte wieder den brutalen Schlag aus Ekel und Erstaunen, der sie jedes Mal wie aus dem Hinterhalt traf, wenn sie etwas entdeckte, was sie nicht erwartet hatte: Der Täter hatte dem Mädchen vier Löcher in die Schädelhöhle gebohrt, Löcher, aus denen nun ebenfalls die schwarzen Käfer hervorkamen.
»Dieser Bastard«, sagte sie und zeigte auf die grausige Entdeckung, die sie gerade gemacht hatte. Der Polizist, der MacDeath nach oben begleitet hatte und noch an der Tür stand, wandte sich ab. »Er hat ihr Gehirn freigelegt.«
Selbst Friedrich, der bisher keine Miene verzogen hatte, schluckte. »Er wollte alles mumifiziert haben«, sagte er. Und dann nach einer Pause. »Das ist einer von der übleren Sorte. Gestern die CD-ROM, heute das hier. Und wir wissen nicht, was noch alles kommt. Wir sollten aufpassen.« Er schaute Winterfeld und Clara an. »Auch auf uns.«
Auch auf uns, echote es in Claras Kopf. Gestern die CD-ROM, heute das hier. Und die CD war auf Claras Namen abgegeben worden. Was wollte dieser Kerl? Ihr zeigen, was er alles drauf hatte?
Sie ging noch einmal vorsichtig um das Bett herum, während der restliche Trupp der Spurensuche bereits an der Tür wartete und die Käfer zu ihren Füßen herumkrabbelten. Es mochten Hunderte sein. Im Hintergrund hörte Clara das Klicken von Winterfelds Handy, als er eine Nummer eingab und sprach. »Winterfeld hier. Wir sind am Tatort zur CD-ROM von gestern Abend, Jasmin Peters, ihr wisst Bescheid? Gut … Mord. Das Opfer wurde mumifiziert, offenbar mithilfe irgendwelcher Käfer. Ihr habt einen Insektenforscher am Institut, richtig? Entomologen, oder wie immer die heißen. Alles klar, stellt schon mal einen Experten ab, wir kommen nachher vorbei. Danke.«
Das ist einer von der übleren Sorte, wiederholte Clara in Gedanken Friedrichs Worte. Im Zimmer schien sich alles wie in Zeitlupe abzuspielen: Friedrich, der irgendetwas in einem altmodischen, abgewetzten Buch notierte; die Leute von der Spurensuche, die UV-Licht eingeschaltet hatten, mit Lasern den Raum ausmaßen, mit Graphitpinseln über Tür und Möbel tupften und weitere Aufnahmen machten; das schnappende Geräusch von Winterfelds Handy, das er nach dem Gespräch zuklappte.
Clara schaute aus dem Fenster, wo sich allmählich in grau-schmutziger Farbe ein weiterer nasskalter Herbsttag ankündigte. Ihr Blick glitt weiter. Neben dem Bett ein Schrank. Auf einem Stuhl lag ein Kapuzenpullover. Auf dem Nachttisch ein Buch von Thomas Harris und irgendein Lifestyle-Ratgeber. Es war Staub auf den Schränken und Regalen; ansonsten sah das Zimmer aus, als hätte das Mädchen gestern noch gelebt.
Einer von der übleren Sorte.
Sie schaute weiter in Richtung Bett – und ihr Blick verharrte noch einmal auf dem Gesicht des Mädchens, als würde ein perfider Magnet sie immer wieder zu diesem Bild des Grauens ziehen, diesem Gesicht, das einmal hübsch gewesen war und jetzt ohne Augen zur Decke starrte. Nur die Haare waren noch so, wie sie zum Zeitpunkt des Mordes gewesen sein mochten. Wie auf der CD. Blond, mit leichten Platinsträhnen.
Er hat ihr Gehirn freigelegt.
Clara riss den Blick beinahe gewaltsam von dem mumifizierten Antlitz los und ließ ihn erneut durchs Zimmer schweifen. Der erste Eindruck ist immer entscheidend. Denn oft sah man beim ersten, vorbehaltlosen Blick Dinge, die man bei späterer, genauerer Untersuchung nicht mehr bemerkte. Claras Blick glitt weiter über die Wände, das Monet-Poster, die Pflanze auf der Fensterbank bis zu dem kleinen Sekretär, der an der Wand neben der Tür stand.
Auf dem Sekretär stand ein Laptop. An der Wand über dem Sekretär sah sie einen Kalender. Einer dieser Kalender zum Abreißen.
Und wieder traf ein brutaler Tritt sie in den Magen.
Das Datum auf dem Blatt war der 10. März.