7
Irgendwann erwachte Sarah Steffen aus einem von Albträumen verdüsterten Schlaf auf dem harten Boden der Zelle. Trotz dieser Albträume war es ihrer Psyche in der Zeit zwischen Bewusstlosigkeit und Schlaf offenbar gelungen, die schrecklichen Erinnerungen unter die Oberfläche ihres Bewusstseins zu drücken, doch kaum war sie wach, waren die Bilder wieder da.
Der Kopf, der an dem Stativ nach oben gestreckt war.
Die Kette.
Der Topf.
Der Dampf.
Das flüssige Feuer, das nach unten floss.
Der offene Mund.
Der Schrei.
Schwärze.
Sie dachte an das, was sie in ihrem Studium gelernt hatte. Nie hätte sie erwartet, einmal in der Praxis in derart brutaler Form zu erleben, was sie damals in der Theorie gehört hatte. Es gab fünf Phasen des menschlichen Umgangs mit Krisen. Als Psychiaterin kannte Sarah Steffen sie natürlich. Die erste Phase war das Leugnen. Es kann nicht sein, dass ich hier bin. Das muss ein Irrtum sein. Sehr bald wird man mich befreien. Ich weigere mich, zur Kenntnis zu nehmen, dass es so ist, wie es gerade zu sein scheint.
Zweite Phase: Hass und Angst, die sich in Wut verwandelten. Ich werde alle töten, die mich hierher gebracht haben.
Sarah hatte sich ein paar Mal gegen die Tür geworfen. Doch abgesehen von einem stechenden Schmerz, der seitdem in den Rippen und ihrer Schulter wütete, hatte sich an ihrer Situation nicht allzu viel geändert.
Dritte Phase: Verhandeln. Ich gebe Ihnen alles, was ich habe, wenn Sie mich hier rauslassen. Aber das half nichts. Nicht bei diesem Mann. Um das zu erkennen, brauchte man nicht Medizin oder Psychologie studiert zu haben. Es war, als würde sie mit einem Stein sprechen.
Phase vier: Akzeptanz. Das alles ist sowieso nicht zu ändern. Also würde sie hierbleiben, bis jemand sie rettete. Oder auch nicht. Dann würde sie hier sterben.
Fünfte Phase: Depression. Es ist vorbei. Also sorgen wir dafür, dass es wirklich vorbei ist. Suizid. Sich selbst das Leben nehmen. Schnell sterben, anstatt langsam sämtliche Energie, sämtliche Hoffnung, sämtlichen Lebenswillen zu verlieren.
Suizid.
Es würde sogar gehen.
Das Sägeblatt.
Es war ihre letzte Hoffnung. Und irgendwann würde sie es benutzen. Für was auch immer. Um aus der Zelle herauszukommen. Oder aus der Welt.
Denn mit dem Sägeblatt konnte sie sich auch die Pulsadern durchsägen. Aber das wäre die letzte Möglichkeit. Vorher würde sie alles versuchen, um aus diesem Gefängnis, diesem Grab herauszukommen. Erst die Zelle. Und wenn das nicht ging, die Welt. Das Leben.
Das Sägeblatt.
Sarah hatte es in der grotesken Halle gefunden, wo sie den Tod ihres Sohnes mit angesehen hatte. Dort hatte es auf dem Boden gelegen. Und sie hatte es mitgenommen. Hatte es in einem stillen Augenblick an einer Stelle in ihrem Körper versteckt, wo er es nicht finden würde. Auch wenn es furchtbar wehtat, wenn sie sich bewegte. Sie hatte es dorthin gesteckt.
Und jetzt zog sie es hervor. Langsam, vorsichtig, mit schmerzverzerrtem Gesicht förderte sie das Sägeblatt zutage, das von Schleim und Blut bedeckt war. Sah seine Kontur, die ihr als die letzte Hoffnung in diesem schwarzen, ewigen Kerker erschien.
Das Sägeblatt. Ein kostbarer Schatz.
Sie wischte die Körpersekrete von dem Metall und betrachtete es einen Moment in der Dunkelheit der Zelle.
Dann setzte sie es an.
Sägte. Minuten. Stunden. Immer, wenn der Kerkermeister nicht da war. Denn meistens war er nur morgens und abends vor Ort. Tagsüber war er weg und ließ sie allein zurück. Und alle anderen, die er womöglich noch in diesem unterirdischen Reich gefangen hielt. Und das war Sarahs Glück.
***
Das Licht war erloschen, doch ein blasser Schein schob sich durch die Ritze zwischen Tür und Wand hindurch. Dort, wo sich der Riegel befand, der den Weg zwischen ihr und der Freiheit blockierte. Der Riegel, den sie beseitigen musste. Sonst würde sie beseitigt werden. Es war wie ein Zweikampf. Mensch gegen Ding.
Sie sägte. Und sägte.
Und sägte.
Nach einer gefühlten Ewigkeit hielt sie inne. Ihre Hände waren voller Blasen, ihr Nacken und ihre Schultern waren verspannt und fühlten sich an wie mit Beton ausgegossen.
Das Licht, das von draußen kam und auf den tropfenden Wänden schimmerte, wurde schwächer und erlosch schließlich. Als sie wieder allein war mit der Dunkelheit und Stille, verharrte sie so stumm und düster wie das Gewölbe und die Zelle, deren feuchte Kälte ihr in die Glieder kroch.
Sie schlug in ihrer Verzweiflung gegen die Mauer.
Ich habe alles verloren. Ich bin ganz allein.
Sie wusste, warum der Mann sie hier gefangen hielt. Und sie wusste auch, dass sie nicht mit Gnade rechnen konnte. Er würde sie niemals hier rauslassen. Oder am Leben lassen. Wenn sie sich nicht selbst befreite, würde das hier ihr Grab.
Der Tod grinst mich an.
Sie sah eine Mischung aus Krankenschwester und Amme in einem schwarzen Kittel, die ein Kind in den Armen hielt. Einmal war es ihr Sohn, einmal sie selbst. Und die Amme stillte das Kind mit der schwarzen Milch der Nacht, der bitteren Milch der Verzweiflung und des Todes.
Sie ertappte sich dabei, wie sie ein Lied summte. Ein Lied aus ihrer Kindheit.
Der Mond ist aufgegangen, die
goldenen Sternlein prangen, am Himmel hell und
klar.
Der Wald steht schwarz und schweiget, und aus
der Dämmerung steiget, der weiße Nebel wunderbar.
Half es ihr? Sie wusste es nicht. Doch wenn sie sich konzentrierte, so gut sie es vermochte, würde der Mond irgendwann vielleicht wieder auf sie herunter scheinen. Dann würde sie irgendwann wieder frei sein und vor Türen stehen, die sich öffnen ließen und hinter denen blauer Himmel war, Blumenwiesen, Frühlingsluft.
Freiheit.
Bei diesem Gedanken liefen ihr Tränen der Hoffnungslosigkeit über die Wangen, die kurz darauf von fauchender Wut verscheucht wurden, weil sie den verdammten, elenden, beschissenen Riegel noch immer nicht durchgesägt hatte.
Dann hörte sie, wie sie weitersang. Hörte, wie sie den Namen ihrer Mutter rief, die seit zwei Jahren tot war und nicht wusste, dass irgendeine Bestie ihren Enkel umgebracht und ihre Tochter eingesperrt hatte, vielleicht für immer.
Wie ist die Welt so stille
und in der Dämmerung Hülle so traulich und so hold,
Wie eine stille Kammer, wo ihr des Tages Jammer verschlafen und
vergessen sollt.
Tages Jammer. Stille Kammer.
Sie selbst war in dieser stillen Kammer. Eine Kammer jenseits aller Tage, jenseits aller Zeit.
Seht ihr den Mond dort
stehen, er ist nur halb zu sehen, und ist doch rund und
schön.
So sind wohl manche Sachen, die wir getrost
belachen, weil unsere Augen sie nicht sehen.
Die letzte Strophe gönnte sie sich noch. Als ihre Stimme verklungen war, machte sie sich wieder ans Sägen. Schneller und verbissener als zuvor. Sie sah, wie winzige Metallsplitter durch die Luft flogen und vor dem bleichen Licht des Korridors tanzten wie Himmelskörper vor einer fernen Sonne. Sie erhöhte den Druck, erhöhte die Geschwindigkeit. Bald würde sie frei sein. Bald wäre es vollbracht.
Ob er merkt, was ich hier tue? Wird er hören, wie ich langsam säge? Langsam, Mikrometer um Mikrometer, bis ich irgendwann, nach Stunden, bei einem Millimeter bin? Wird er es sehen?
Sie hatte gesehen, was er mit dem anderen gemacht hatte, mit diesem Tom. Wenn du nicht hinschaust, wirst du sterben, hatte er gesagt. Sie hatte hingeschaut. Und deshalb hatte er ihr kein Blei …
Sie konnte den Gedanken nicht zu Ende denken.
Dennoch: Was würde er mit ihr machen, wenn er herausfand, was sie hier tat?
Tropfen fielen von der Decke, als sie langsam weitersägte. Sie hatte es die ganze Zeit nicht wahrgenommen, aber jetzt auf einmal hörte sie jeden Tropfen so laut wie einen Hammerschlag. Es machte sie wahnsinnig. Doch noch schlimmer war, dass der Riegel kein bisschen nachgab, sondern stur und boshaft zwischen dem Korridor und der Zelle verharrte, ein winziges Stück Metall, das Welten voneinander trennte.
Sie sägte mit noch mehr Kraft. Noch mehr Druck.
Rutschte ab.
Ein hässliches knirschendes Geräusch war zu hören. Sie hatte sich tief in den Finger gesägt. Zog die Hand zurück. Und stieß mit dem Ellbogen mit schmerzhafter Wucht gegen die kalte Wand. Sie schrie auf, legte den verletzten Finger an den Mund. Schmeckte Blut. Spürte Blut.
So mühsam, wie die Säge das Metall durchdrang, so mühelos hatte sie Haut und Fleisch durchtrennt. Sie spürte den beißenden Schmerz. Sah im trüben Licht, das aus dem Korridor hereinfiel, das Blut, das langsam aus der Wunde sickerte.
Mit einem heulenden Schrei warf sie das Sägeblatt in die Ecke. Steckte den blutenden Finger in den Mund, rollte sich schluchzend auf dem Boden zusammen. Tränen strömten ihr über die Wangen, während sich das Blut aus ihrem Finger in ihrem Mund verteilte und einen metallischen Geschmack hinterließ.
Metall, dachte sie. Der gleiche Geruch, als dieser Kerl meinem Sohn die Halsschlagadern durchgeschnitten hat.
Dann war das Tropfen wieder da.
Das Wasser, das von der Decke fiel.
Das ständige Tropfen, das sie schier verrückt machte.
Aber sie durfte nicht schon wieder schreien. Sie wusste ja nicht, wann ihr Peiniger wiederkam. Vielleicht lauerte er nur darauf, sie bei einem Fluchtversuch zu beobachten, um ihr dann endgültig alles wegzunehmen. Das Sägeblatt, und damit ihre allerletzte Hoffnung.
Hasserfüllt starrte sie auf den Riegel, wie auf einen alten Erzfeind, den sie schon seit Jahrzehnten jagte und der sich niemals ihrem Willen beugen würde. Der eher sie zerstören würde als sie ihn. Ja, genau das fürchtete sie: Eher würde sie hier verbluten, als dass der Riegel auch nur einen Millimeter nachgab.
Irgendwann, das wusste sie, würde sie den Verstand verlieren. Irgendwann, wenn sie dieses Geräusch, das Tropfen, die ganze Nacht hören musste. Die ganze Nacht und den ganzen Tag. Und dann vielleicht noch eine Nacht. Und noch einen Tag. Und immer so weiter, bis zum bitteren Ende. Aber diese Gedanken waren Gift. Sie durfte nicht aufgeben. Sie durfte nicht wahnsinnig werden.
Noch ein Schlag gegen die Tür, wütend, mit aller Kraft. Sie spürte den Schmerz in Händen und Armen. Doch die Tür ging nicht auf, gab nicht mal einen Millimeter nach.
Stille. Nur ihr keuchender Atem war zu hören. Und das gottverdammte Tropfen.
Sie rollte sich auf dem Boden zusammen, hilflos, schutzlos, hoffnungslos, wie ein Embryo ohne den Mutterleib.
Ein paar Minuten lag sie wimmernd da und lauschte dem Tropfen des Wassers, so endlos und monoton wie die Schwärze ihres Verlieses.
Ihr Verstand war verdunkelt, ein Nebel vor ihren Augen, der nicht weichen wollte. Das Sägeblatt lag neben ihr auf dem Boden, rot von ihrem Blut, wie ein falscher Verbündeter, der sie verraten hatte. Der Riegel hingegen steckte noch immer schwarz und fest und unzerstörbar zwischen Tür und Wand.
Vielleicht half es zu beten. Sarah war im Glauben aufgewachsen, aber wie so viele Menschen hatte sie diesen Glauben verloren, als der berufliche und private Erfolg sich eingestellt hatte. Jetzt betete sie nur noch, wenn es ihr wirklich schlecht ging.
Gott hilft dir nicht, wenn du nur dann betest, wenn du etwas von ihm willst, sagte eine Stimme in ihrem Kopf. Du musst auch beten, wenn es dir gut geht. Nur dann hilft dir Gott. Und dann fügte die innere Stimme ganz leise hinzu: Aber jetzt ist es zu spät.
Irgendwann nahm sie das Sägeblatt wieder in die Hand.
Beten half nichts.
Hoffen half nichts.
Nur eines half.
Weitersägen.
Immer weiter.
Durch das Metall.
Und wenn das nicht half, durch ihre Pulsadern.
Oder ihre Halsschlagader.
Dann wäre es vorbei.