19
Er schaute in das Buch, das Grand Grimoire, das er sich eben gekauft hatte. Billig war es nicht gewesen, aber er brauchte es, deshalb stand der Preis nicht zur Debatte.
Sein Blick flog über die brüchigen Seiten, die Pentagramme und die Zeichen, während die U-Bahn sich durch das Erdreich bohrte wie ein gigantischer Wurm, der sich durch die Leiche eines Riesen frisst.
Das Reich der Toten, dachte er. Das Reich, das er beschwören wollte.
Die Menschen waren zu dem geworden, was sie sind, weil sie sich von Gott losgesagt hatten. Und hatte Gott es nicht so gewollt? Hatte er das Böse nicht absichtlich in die Welt gelassen? Er hatte Adam zur Sünde eingeladen durch Eva. Und dann kam der Tod in die Welt, der Tod und die Hölle. Der Baum der Erkenntnis war das Holz des Todes. Und dann kam dieser Jesus und machte alles wieder rückgängig, und das Holz des Kreuzes war das Holz des Lebens. Das behaupteten jedenfalls all diese Spinner, die noch nicht begriffen hatten, wer auf Erden wirklich das Sagen hatte. Der Herr dieser Welt, der Herr der Hölle. Satan, sein Herr und Meister, der Gott des Bösen und des Todes.
Die Bahn hielt an einer Station, und ein paar neue Fahrgäste stiegen ein. Dumme, naive Sterbliche, dachte er, nutzlose Verschwendung von Molekularmasse, einzig und allein dafür bestimmt, mit ihrem Blut als Opfer für etwas wahrhaft Großes zu dienen.
Denn hatte das Verbrechen nicht immer einen Charakter von Größe und Überlegenheit, der es emporhebt über die langweiligen, feigen Reize des Guten? Denn es reichte nicht, nur das Böse zu tun. Man durfte auch niemals das Gute tun. Non serviam. Ich werde nicht dienen. Das hatte Luzifer gesagt, und dann war er in die Hölle gestoßen worden. Na und? Es war besser, in der Hölle zu herrschen, als im Himmel zu dienen.
Non serviam. Ich werde nicht dienen. Ich werde zerstören. Ich werde verbrennen. Ich habe kein Bedürfnis, meine Gelüste zu bekämpfen, um dem Schöpfer zu gefallen, dachte er. Denn der Schöpfer ist mein Feind. Entweder Gott ist allmächtig und liebt uns, dann darf es kein Böses geben, oder er liebt uns, und es gibt trotzdem das Böse; dann ist er nicht allmächtig. Oder er liebt uns einfach nicht. Mein Reich ist nicht von dieser Welt, heißt es. Das stimmt. Denn in dieser Welt regiert Satan.
Es begann mit einem Mord. Kain erschlug Abel.
Und es wird mit Morden enden.
Mit Millionen Morden.
Seine Finger fuhren über die Seiten, auf denen das Ritual beschrieben war. Er leckte sich über die schmalen Lippen und zog zwischen seinen fauligen Zähnen die Luft ein.
Was ist gut?, dachte er. Zu töten.
Was ist schlecht? Nicht zu töten.
*
Ronny wusste, wann sich eine gute Gelegenheit bot, andere abzuzocken oder ihnen die Fresse zu polieren. Am besten beides gleichzeitig.
Er war mit seinem Kumpel Timo unterwegs in der U5, der U-Bahn, die zwischen Alexanderplatz und Lichtenberger Allee fuhr, und hielt nach einem Opfer Ausschau. Sie waren keine Bösen, sagte sich Ronny, sie waren nur konsequent. Erst fragten sie freundlich nach Zigaretten. Wenn jemand dann die Kippen aus der Tasche zog, bekam er den ersten Schlag verpasst. Und wenn er nichts aus der Tasche holte, erst recht. Am besten auf die Nase. Bei den meisten spritzte sofort das Blut und sorgte für Panik, und durch den Schmerz schlossen sich die Augen. Das Opfer konnte also praktisch gar nichts machen. Falls nötig, gab es dann noch einen Tritt in die Kniekehlen. Und wenn das Opfer dann am Boden lag, einen Tritt in die Nieren, als kleinen Bonus. Oder gegen den Kopf.
Die Leute, die einen Überfall in der U-Bahn erlebten, waren wie Schaufensterpuppen. Sie taten nichts, saßen regungslos da, schauten weg, als wäre da gar nichts. Sie hofften nur, dass Ronny und Timo mit dem Opfer, das sie gerade in der Mangel hatten, zufrieden waren.
Und meist war es so. Sie waren zufrieden, wenn sie dem am Boden liegenden, wimmernden Haufen Scheiße das Geld, das Handy und die Zigaretten weggenommen hatten. Manchmal auch noch die Jacke oder die Uhr. Einem hatten sie im tiefsten Winter mal die Designerschuhe ausgezogen.
Ronny wusste nicht, warum es so war, aber es verschaffte ihm einen Kick, wenn seine Faust oder seine Stiefel einen Menschen trafen. Das Brechen von Knochen, dieses trockene Knacken, das sich mit dem glitschigen Geräusch mischt, wenn die Faust auf blutverschmierte Haut trifft … Es war so geil, es war so einfach, und es funktionierte immer.
Und die Polizei?
Die Polizei war für Ronny und seine Kumpels nichts weiter als ein Transportunternehmen. Sie fuhren sie zur Wache, redeten mit ihnen und brachten sie dann nach Hause. Später fuhr man sie zum Gericht, der Richter sprach sie frei, jedenfalls in Berlin, und dann wurden sie wieder nach Hause gebracht.
»Andere haben beige Taxis, wir haben grüne oder blaue«, sagte Ronny immer.
Einmal, spätnachts, hatten Ronny und Timo auf einen am Boden liegenden Mann eingetreten. Es hatte Ronny so erregt, dass er sich hinter einer der Säulen versteckt und onaniert hatte, während er Timo beobachtete, der weiter auf den Wehrlosen eintrat. Am Ende hatte er sich gefragt, ob er noch ganz normal sei, aber er hatte zugeben müssen, dass es besser gewesen war als der Bordellbesuch bei dieser Schwarzen mit den dicken Titten, die er vor drei Tagen in Neukölln genagelt hatte.
An diesem Tag war die U-Bahn fast leer, wie immer um Mitternacht. Nur ein einziger Typ stand in der Mitte des Wagens. An eine Stange gelehnt, hatte er gerade ein abgewetztes schwarzes Buch in einer Tasche verstaut.
»Bücher sind schwul«, sagte Ronny immer. Deshalb hasste er jeden, der irgendwie mit Büchern zu tun hatte, umso mehr.
Die Türen schlugen zu. U-Bahn-Station Weberwiese. Erst bei der Frankfurter Allee wurde es vielleicht voller.
Bis dahin war er mit dem Typen längst fertig.
Der Mann an der Stange blickte unverwandt in die entgegengesetzte Richtung. Ronny konnte kaum sein Gesicht erkennen, als er sich ihm mit breitbeinigen Schritten näherte, während Timo an der Tür wartete und sich die Bahn rumpelnd in Bewegung setzte.
»Ey«, sagte Ronny, »haste Zigaretten?«
Der Mann bewegte sich keinen Millimeter.
»Ey, Meister«, sagte Ronny noch einmal, »ich rede mit dir.«
Jetzt dreht der Mann sich zu ihm um, und Ronny sah sein Gesicht. Die zusammengepressten Lippen, die hohlen Wangen und das undurchdringliche Schwarz einer Sonnenbrille, die an den Rändern geschlossen war.
Der Mann gab ein leises Zischen von sich und näherte sein Gesicht dem Ronnys.
In diesem Moment geschah es. Ronny hatte plötzlich Bilder vor Augen, wie er sie noch nie gesehen hatte. Er sah Blut und in Streifen geschnittenes Fleisch, sah aufgerissene Leiber, aus denen die Innereien quollen, sah Augenhöhlen, in denen abgetrennte Finger steckten, sah Dinge, die nicht zusammengehörten und die in einem dämonischen Crescendo wie ein Leichenzug vor seinem inneren Auge vorbeihuschten. Ein Mund, gefüllt mit Rasierklingen, eine riesige Schale mit blutigen Herzen, ein offener Schädel, gefüllt mit Augen.
Und dann der Geruch … Es war ein Gestank nach Verwesung und Schlachthaus, von dem Ronny zwar wusste, dass er seiner Einbildung entsprang, der aber irgendwie mit diesem unheimlichen Typen mit den schwarzen Brillengläsern zu tun hatte.
Der Mann hob einen hageren Finger und hackte damit auf Ronnys Brustbein. Obwohl es nur die Fingerspitze war, spürte Ronny einen grauenhaften Schmerz.
In lichten Momenten oder in seltenen Augenblicken der Selbstbesinnung wusste Ronny, dass er ein kranker Sadist war, der sich an den Qualen anderer Menschen aufgeilte. Doch in dem Augenblick, als dieser Fremde zu sprechen begann, wusste Ronny, dass er es mit einer anderen Dimension des Bösen zu tun hatte, dass hier Pfade und Wege offen lagen, die in Bereiche führten, die er sich nicht einmal vorstellen konnte, und dass das Schlachthausinferno, das eben vor seinem inneren Auge aufgeflammt war, nur ein kleiner Vorgeschmack darauf gewesen war.
»Glaubst du, es gäbe einen Zorn und einen Schmerz, der nicht ich bin?«, sagte der Mann mit dumpfer Stimme, wie aus einer Gruft. »Oder eine Hölle, die nicht mein Geist ist?«
Ronny wich zurück. Er wusste nicht, wovon der Kerl redete, aber wo Ronny manchmal glaubte, er wäre verrückt, war es dieser Typ wirklich.
Er blickte nach hinten und sah Timo, der seinen Augen nicht zu trauen schien, dass Ronny zurückwich.
In diesem Moment trat der Fremde einen Schritt auf ihn zu und stach noch einmal mit seinem klauenartigen Finger nach Ronnys Brust. Diesmal konnte Ronny einen Schrei nicht unterdrücken.
Die dumpfe Stimme ertönte ein zweites Mal. »Sprich mich nie wieder an, du jämmerlicher kleiner Kläffer. Hast du verstanden?«
Ronny nickte und setzte langsam einen Schritt hinter den anderen, während die Worte, die der Mann nun sprach, sich in sein Gehirn brannten.
»Denn alle, die mich kennen, lieben den Tod.«
Endlich riss Ronny den Blick los, der noch immer gebannt war von der schwarzen Nacht hinter den Brillengläsern.
Die U-Bahn hielt am Frankfurter Tor, und die Türen des Waggons öffneten sich.
»Lass uns verschwinden«, rief er Timo zu und zog ihn hinter sich her. »Der Typ hat voll einen an der Klatsche!«
»Hey, Mann«, sagte Timo. »Lässt du dich von der Schwuchtel einschüchtern?«
»Halt die Fresse«, zischte Ronny. Was wusste Timo denn schon? Er hatte das Gesicht des Typen nicht gesehen. Und die Schreckensbilder erst recht nicht.
Ronny zog Timo aus dem Wagen hinter sich her, während die Türen sich schlossen. Die U-Bahn verschwand im Untergrund wie eine gigantische Schlange. Ronny sah die schwarze Gestalt des Mannes in der Mitte des Wagens stehen und in der Schwärze des Tunnels verschwinden, wobei er ihn weiterhin durch das schwarze Glas seiner Sonnenbrille anstarrte.
Dann war die Bahn verschwunden. Und mit ihr der Fremde.
Ronny rannte zu einem der Mülleimer und übergab sich.