Kapitel 127
Oben auf dem Wasserturm
»Lassen Sie den Auslöser fallen!« Chris sprach den Bomber mit eindringlicher, jedoch ruhiger Stimme an, ohne jeden provozierenden Kommandoton. Diesen Mann zu verängstigen – einen Mann, dessen Oberkörper mit genügend giftigen Chemikalien umwickelt war, um damit die ganze Menschenmenge unten zu töten –, sodass er den mutmaßlich irgendwo in der Weste versteckten Sprengstoff zündete, der die Stoffe in der Luft versprühen würde, die sie atmeten, war das Letzte, was Chris wollte.
Er behielt den Mann fest im Blick. Der Bomber atmete unregelmäßig; seine Augen waren weit aufgerissen, beinahe kugelrund. Er sah wütend aus, allerdings so, als ob er unter einem Bann stünde. Trotz der Tatsache, dass er diese Waffe am Körper trug, und seiner Absicht, so viele Menschen zu töten, wirkte er schwach. Traurig. Jämmerlich.
Hinter Chris, der in der Tür stand, waren Emily und Michael beidseits von ihm in die Hocke gegangen und zielten mit ihren Pistolen auf den Bomber. Laura trat nun vorsichtig hinaus auf die Plattform und bewegte sich dann seitlich weiter.
»Es ist Zeit, dem ein Ende zu setzen«, fuhr Chris fort. Er machte einen vorsichtigen Schritt nach vorn, die Waffe immer noch im Anschlag und nun mit beiden Händen gehalten. »Es ist vorbei.«
Der Blick des Mannes fiel auf Emily und Michael, die hinter Chris in Stellung gegangen waren, und wurde angespannt. Er hatte es nicht nur mit zwei, sondern vier Gegnern zu tun. Seine Augen zuckten wild zwischen ihnen hin und her, sein Daumen hob und senkte sich über dem Auslöser. Er fing an, nervös zu schwanken, seine Atmung wurde flacher und schneller.
»Nichts ist vorbei!«, rief er und stieß ein nervöses, verleugnendes Gelächter hervor. »Haben Sie die Worte nicht gehört? Die herrlichen Worte?« Er deutete unbestimmt in die Luft. Geräusche des Befreiungsgebets schwebten weiter von der Menschenmenge gen Himmel; die Leute hatten die Aufgabe ihres verhafteten Anführers übernommen. Die Töne erreichten die verzierte Spitze des Wasserturms in ominösem Gleichklang. Wie von den rhythmischen Sätzen verzaubert, flackerten die Augen des Mannes in tranceähnlicher Faszination.
Emily sank der Mut. Sie durften nicht zulassen, dass er voll und ganz in dem Gebet und dessen Sinngehalt versank. Verzweifelt erhob sie sich und schritt durch die Tür. Dann ging sie zum Rand der Plattform und blickte auf die Menschen hinab.
Dort, fast in der Mitte des Platzes, war die Chance, die Lage zu verändern. Unterbrich den Zauber!, befahl ihr Verstand. Verhindere, dass der Trancezustand weiter seinen Lauf nimmt.
»Ihre Worte kommen zu spät«, verkündete sie unvermittelt. Der Mann war über die Stimme der Frau verblüfft und riss die Augen auf.
»Sehen Sie genau hin«, fuhr Emily fort. »Ihr Anführer wurde festgenommen.« Sie nahm eine Hand von der Waffe und zeigte über die Balustrade nach unten. Die andere Hand hielt weiter die Pistole auf den Kopf des Mannes gerichtet.
Der Mann zögerte, folgte aber der Richtung von Emilys ausgestrecktem Arm. Weit unten sah er einen Kreis von Zuschauern, der sich mitten auf dem Platz gebildet hatte. In dessen Zentrum war der Große Anführer, von Polizeibeamten und FBI an den Händen gefesselt. Neben ihm lag Gouverneur Wilson tot auf dem Pflaster.
Gefallen.
Er schluckte schwer. »Marcianus fällt«, flüsterte er, so als ob er zu sich selbst sprechen würde und dabei eine Geschichte erzählte, die sich vor ihm abspielte. Sein Gesichtsausdruck verriet, dass er anscheinend damit rang, den nächsten Akt zu akzeptieren. Dann sprach er etwas fester. »Marcianus fällt, aber Cerinthus steigt auf.«
Als er den Blick wieder Emily zuwandte, hatte er an Entschlossenheit gewonnen.
»Selbst das kann uns nicht aufhalten. Die heiligen Worte sind gesprochen. Das Gebet ist zu Ende. Als Nächstes kommt die Erlösung.« Er begann den rechten Arm zu heben, den Auslöser der Weste hatte er fest in der Hand.
Emily machte einen Schritt nach vorn, der Mann sollte sie anschauen. Seine Blicke waren jetzt extrem wild, fast schon unmenschlich. Aber da, kurz bevor er blinzelte, konnte sie die Verstörtheit eines Kindes erkennen, das sich in einer Sache verfangen hatte, die viel zu groß für es war.
»Bitte, denken Sie darüber nach, was Sie da tun«, beschwor Emily den Bomber. »Sie müssen nicht flüchten. Die Welt mag leiden, aber mit dem hier helfen Sie ihr nicht. Es ist klar, sie muss verbessert werden. Doch Sie vergrößern nur noch die Verzweiflung und den Schmerz, wenn Sie Ihr Vorhaben durchziehen.« Sie schwenkte die Waffe auf seine Weste. »Ihr Leben kann immer noch so viel mehr sein als das!«
Emily sprach nicht weiter. Ihr waren die Worte ausgegangen. Die Macht des menschlichen Mitgefühls war die einzige Hoffnung, um ihn aus der Umklammerung zu befreien, in der die Botschaft der Sekte das Gehirn dieses Mannes hielt.
Es folgte eine lange Pause, in der Cerinthus über ihre Sätze nachzudenken schien. Die Zeit schien langsamer zu vergehen, das Dröhnen der Menschenmenge verebbte zu einem undefinierbaren Rauschen. Der Wind, der normalerweise hoch oben um den Turm heulte, schien plötzlich auszubleiben, und die Welt reduzierte sich auf die ernsten, schweren Gedanken dieses Mannes und seine Entscheidung.
Und dann kam sie – in einem kurzen Aufflackern.
Cerinthus schloss langsam die Augen, der Arm mit dem Auslöser sank tiefer. Sein Kopf begann sich nach vorn zu neigen. Er holte tief Luft. Dann, mit einem plötzlichen Blick voller Intensität, die nicht von dieser Welt zu sein schien, bohrte er seine entsetzten Augen direkt in die von Emily. Mit bestialischer Kraft schrie er tief aus der Kehle das einzige Wort heraus, das zählte.
»BEFREIUNG!«
Eine Millisekunde später folgte das Geräusch einer Explosion. Emily fühlte sie mehr, als dass sie sie hörte. Und dann schlug die Druckwelle gegen ihre rechte Gesichtshälfte, die daraufhin wie Feuer brannte.
Doch diese Welle kam nicht von Cerinthus’ Weste. Chris war vorgesprungen, hatte einen einzelnen Schuss abgegeben und die Kugel direkt in die Schulter des Mannes gejagt. Dabei hatte sich seine Waffe bis auf wenige Zentimeter Emilys Ohr genähert, und dieses fing von der unerwarteten Geräuschexplosion und der Hitze beinahe auf der Stelle zu bluten an.
Cerinthus drehte sich auf dem Absatz nach hinten. Die Kugel zerschmetterte ihm die rechte Schulter und schleuderte seinen Körper gegen die niedrige Steinbalustrade. Er verlor sofort die Kontrolle über die Muskeln in seinem verletzten Arm, sodass der Auslöser ihm aus der Hand glitt und anschließend rund zwanzig Zentimeter unterhalb der Weste an einem einzelnen elektrischen Kabel baumelte.
Cerinthus wollte nicht sein Vorhaben aus den Augen verlieren. Er erlangte das Gleichgewicht wieder und versuchte, mit der linken Hand an den Auslöser zu kommen. Erneut durchbrach ein Schuss die Stille, dieses Mal aus Lauras Waffe. Die Kugel schlug in Cerinthus’ linkem Arm ein, weit oberhalb des Ellbogens. Sein Körper wurde wieder nach hinten gerissen.
Er sah mit wildem Blick nach oben, als wäre jede Menschlichkeit aus ihm gewichen und nur noch eine rasende Bestie zurückgeblieben. In dem Wissen, dass er den Auslöser nicht erwischen würde, ohne sich noch mehr Kugeln einzufangen, fiel ihm nur noch eine Möglichkeit für sein weiteres Vorgehen ein. Er sammelte all seine Kraft gegen den rasch zunehmenden Schwindel, den der Schock auslöste, und schob sich mit seinem ganzen Gewicht nach hinten zu der hüfthohen Mauer.
»Er will über die Kante!«, schrie Laura von ihrer Position aus. »Um Gottes willen, lasst ihn nicht springen! Mit oder ohne Explosion – wenn diese Phiolen auf seiner Brust zerbrechen, werden Hunderte Menschen sterben!«
Cerinthus verlagerte all seine noch verbliebene Kraft in die Beine und warf sich hoch und nach hinten. Er konnte spüren, wie er mit den Waden die Mauerkante traf – gleich würde er hintüber in den fast siebenundvierzig Meter tiefen Abgrund stürzen. Auf diese Weise hatte er eigentlich nicht enden wollen, aber die Frau hatte recht. Wenn die Phiolen beim Aufschlagen zerbrachen, würden sie trotzdem eine Wirkung haben. Die Brüder standen dicht beisammen, in Reichweite seines Aufpralls. Er konnte ihnen ihren Austritt aus dieser Welt bieten.
Die Befreiung war immer noch möglich.
Emily warf die Waffe weg und hechtete nach vorn. Als Cerinthus mit dem Kopf voraus über der Mauer fiel, prallte sie gegen seine Beine und umschlang diese blitzschnell mit den Armen. Jedes Pfund ihres Körpergewichts setzte sie ein, um seinen Sturz zu verhindern. Doch seine Körpermasse war bereits in Schwung gekommen, und sie spürte, wie sie selbst mit hinabzustürzen drohte. Ihre Knie krachten gegen die Mauer, sie verlor langsam ihren festen Stand.
Chris hechtete los. Mit der Waffe fest in der einen Hand, schlang er von hinten seine muskulösen Arme um Emilys Taille, um sie festzuhalten.
Durch Chris’ Griff wurde Emilys Sturz nach vorn ruckartig aufgehalten.
Cerinthus hing kopfüber an der Spitze des alten Wasserturms über den Rand der Balustrade. Die Symphonie der Geräusche der vielen Menschen weit unter ihnen war entsetzten Schreien gewichen, als die Schüsse die feierliche Stimmung durchbrochen hatten und die hektischen Aktionen oben auf dem Turm für alle sichtbar wurden.
»Lassen Sie ihn nicht los, Wess«, sagte Laura eindringlich und mit ruhiger Stimme. »Was immer Sie tun, halten Sie ihn fest!«
Michael hastete zu Chris und übernahm die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass Emily an Ort und Stelle verharrte. Er legte so viel Gewicht, wie er nur konnte, in seinen rechten Arm. Ausgehend von den Verletzungen, die er am Vortag an der linken Hand erlitten hatte, rasten brennende Schmerzen wie Feuerstöße durch seinen Körper; doch sein Wille, verbunden mit einem kräftigen Schuss Adrenalin, stählte ihn gegen die Pein.
Von der Aufgabe befreit, Emily festzuhalten, sprang Chris an die Balustrade, beugte sich hinab und griff nach Cerinthus’ taumelnder Gestalt. Gemeinsam begannen er und Emily, den Mann nach oben zu ziehen.
Der Bomber wand sich heftig, und Emily wurde schnell klar, dass die Phiolen immer noch zerbrechen konnten, falls die Weste bei diesen abrupten Bewegungen in Kontakt mit dem Stein kam. Sie würden es nicht riskieren dürfen, ihn über die Kante der Mauer zu zerren.
Es ist an der Zeit, das Ganze ein für alle Mal zu beenden, fuhr es ihr mit einem Mal durch den Kopf. Als sie sicher war, dass Chris den Bomber fest im Griff hatte, zog sie ihre Hände von dessen Beinen weg und streckte sie ihrem Ehemann entgegen.
»Mike, gib mir deine Waffe«, forderte sie ihn auf.
»Emily, denk nach, bevor du …«
Noch ehe er den Satz vollenden konnte, hatte Emily ihm die Pistole entrissen. Sie schwang auf dem Absatz herum und blickte auf den Mann hinunter, der in Chris’ Griff hing. Sie würde die Sache beenden.
Ihre Hand krallte sich fest um die Beretta. Der Griff aus Nylonpolymeren war warm, und als sich ihre Finger um ihn legten, kamen ihr noch einmal sämtliche Empfindungen der letzten Tage zu Bewusstsein. Vor ihrem inneren Auge sah sie Andrews Gesicht, und sie hörte sein Lachen. Sie vernahm erneut die kalten, desinteressierten Worte seiner Mörder. Sie sah die verblendeten, unbeugsamen Gesichtszüge von Marcianus vor sich. Sie spürte, wie tief unter ihnen das Leben pulsierte. Aber vor allem sah sie die Augen ihres Cousins, voller Freude und Strahlen, die sich mit dem Lächeln verbanden, das sie so oft in den gemeinsam verbrachten Sommern ihrer Kindheit erlebt hatte. Augen, die nun für immer geschlossen waren.
Die Vision dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde. Als sie vorüber war, hob Emily den Arm mit der Waffe.
»Emily, das ist nicht der richtige Weg!«, rief Michael, aber ihre Hände bewegten sich bereits.
Sie drehte die Waffe in ihrer Handfläche um und packte sie am Lauf, dann holte sie aus. Der Griff knallte gegen Cerinthus’ Schädel. Einen Augenblick später rührte sich der Mann nicht mehr, er war bewusstlos.
In diesem Moment blieb die Welt stehen. Der Mann schwang in Chris’ Griff hin und her. Der Wind begann wieder zu wehen.
Es ist vorbei. Die Worte hallten in Emilys Bewusstsein nach.
Einen Augenblick später kam wieder Bewegung in die Akteure hoch oben auf dem Turm. Emily und Chris zogen den schlaffen Cerinthus zurück auf die Plattform, wobei sie sorgfältig darauf achteten, dass die Phiolen auf seiner Weste die steinerne Balustrade nicht berührten. Tief unter ihnen wurden die Entsetzensschreie von Jubelrufen und einen Moment später auch von den Sirenen der Streifenwagen verdrängt, die in hohem Tempo vorfuhren.
Emily betrachtete den Bewusstlosen. Der Mann, der hinter dem Schlimmsten stand, das Bell mit seinem Komplott hatte verüben wollen – die böse Frucht, die durch die Ermordung Andrews erlangt werden sollte –, war endlich gestoppt worden. Emilys Herz schlug heftig, und das lag nicht nur am Adrenalin.
Sie schaute auf die Weste von Cerinthus. Der Mann, der geglaubt hatte, er könnte den Weg zur Freiheit eröffnen, war nun an der Apparatur gefesselt, die nunmehr sicherstellen würde, dass er für den Rest seines Lebens ein Gefangener bliebe.
In nicht einmal einer Minute hatte sich die Szenerie auf dem Platz völlig verändert. Hunderte verstörter Mitglieder der Bruderschaft, die noch immer ihre Samtgewänder trugen, stellten fest, dass sie auf völlig andere Weise als gedacht das Objekt der Aufmerksamkeit geworden waren. Polizeibeamte strömten herbei und nahmen alle Leute in zeremonieller Gewandung ins Visier. Sie waren begierig, jeden zu verhaften, der Teil des, wie sich erweisen sollte, größten versuchten Terroranschlags in der Geschichte der Stadt war – eines Anschlagsversuchs, der den Gouverneur das Leben gekostet hatte, auch wenn dieser darin verwickelt zu sein schien. Die Fernsehkameras und Reporter, von denen sich die Brüder erhofft hatten, dass sie ihren letzten Akt über die Landesgrenzen hinaus verbreiten und den Massen ihre Botschaft der Verdammung der sündigen Welt verkünden würden, berichteten stattdessen nun über die Niederschlagung einer weiteren extremistischen Sekte – einer weiteren Gruppe unter den Horden an Verrückten, von denen die moderne Welt überschwemmt wurde.
Marcianus alias Arthur Bell wurde von der Polizei zu einem Streifenwagen gestoßen. Seine Handgelenke waren immer noch mit Handschellen auf dem Rücken gefesselt, und sein Gesicht blutete nach wie vor infolge des unerwarteten klerikalen Eingreifens. Angela Dawson, die gefesselte Stellvertretende Direktorin der FBI-Außenstelle, wurde in den Fond einer schwarzen Limousine geschoben. Marcianus wurde von einer Behörde übernommen; Dawson allerdings hatte ihre eigene verraten, und die hatte nicht die Absicht, das Recht zur Vergeltung anderen zu überlassen. Die schwarze Limousine setzte sich in Bewegung, ehe noch die Tür hinter Dawson zugeschlagen wurde.
Marcianus’ Augen wichen nicht von der Spitze des alten Wasserturms, als ihn die Beamten weiterschubsten. Ein ungläubiges Staunen hatte ihn erfasst; er war förmlich darin gefangen. Es war vorbei. Ihre Sache, ihre Mission. Ihre Hoffnung auf das Gute.
Ihre Erlösung.
Cerinthus’ fruchtloser Ruf »Befreiung« hallte ihm noch in den Ohren, aber die Hoffnung von Jahrtausenden war nun verloren.
Diese Welt, erkannte Marcianus, war eine Welt, der er nicht entrinnen konnte.