Kapitel 42
Ma’adi, am Rand von Kairo
Während sich Emily Wess, Michael Torrance und Chris Taylor unter dem breiten Dach der Tankstelle unterhalten hatten, waren sie von zwei Männern aufmerksam beobachtet worden, die ein paar hundert Meter weiter unten an der Straße in einem kleinen Daewoo Nubira saßen. Der Fahrgastraum des Wagens wurde von dem dicken, beißenden Qualm der türkischen Zigaretten eingenebelt, die Mustafa Aqmal fast ohne Unterlass rauchte. Marcianus’ Augen waren rot vom Rauch, und er hatte sich lieber auf die Rückbank des Autos gesetzt, um zwischen die Quelle des Qualms und sich selbst etwas Abstand zu bringen. Das war, wie sich erwies, jedoch nur bedingt hilfreich. Marcianus dachte allerdings nicht daran, sich davon in seiner Konzentration beeinträchtigen zu lassen. Seine ganze Aufmerksamkeit richtete sich weiterhin auf die drei Personen, denen sie vom Cairo International Airport aus gefolgt waren. Jede ihrer Bewegungen, jede ihrer Gesten verfolgte er genau.
Auf dem Platz neben ihm im Fond des Wagens lag wie ein Menetekel ein langes, halbautomatisches Gewehr, eine geladene Hakim-8-mm-Mauser, und ihr Kofferraum enthielt noch eine kleine Waffensammlung für die beiden Männer: zwei Helwan-9-mm-Pistolen sowie ein älteres ägyptisches Gewehr. »Es mag alt sein«, hatte Aqmal angemerkt, als Marcianus die antiquierte Waffe zum ersten Mal erblickte, die einstmals zur Standardausrüstung des schwedischen und ägyptischen Militärs gehört hatte, deren Produktion jedoch in den 1960er-Jahren eingestellt worden war. »Aber sie ist genauso treffsicher wie alles, was heutzutage hergestellt wird.«
Aqmal drückte nun im bereits übervollen Aschenbecher seine Zigarette aus und zog in einer einzigen, fließenden Bewegung gleich die nächste aus dem Päckchen in seiner Brusttasche. »Von jetzt an sind sie klare Ziele«, murmelte er, während er ein Streichholz anzündete. Dann hielt er es an die Zigarette und brachte sie mit einem langen Atemzug zum Glimmen. »Die Stadt liegt hinter uns, und nach ein paar Kilometern sind sie auf der Landstraße.«
»Schön«, merkte Marcianus uninteressiert an. Er wandte den Blick nicht von der Gruppe.
»Wenn sie einmal auf der zweispurigen Fernstraße sind, lassen wir sie bis zum eigentlichen Stadtrand fahren. Das sollte nicht länger als fünf, maximal zehn Minuten dauern. Dann drängen wir sie von der Straße und erledigen den Rest, wenn sie zum Stehen gekommen sind.« Aqmal nahm einen weiteren tiefen Zug und stieß den grauen Rauch in die Wolke aus, die bereits den Wagen füllte. »Oder wir können sie auch im Vorbeifahren abknallen. Deine Entscheidung. Jedenfalls machen wir es schnell. Ich muss meinen Rückflug erwischen.«
Marcianus ignorierte den Araber. Was er da an der Tankstelle zu sehen bekam, war viel wichtiger.
»Schau dir das an«, flüsterte er und deutete durch das Seitenfenster auf Wess und Torrance, die gerade miteinander sprachen. Sie hielt ein Papier an die Seitenscheibe ihres gemieteten SUVs. Ist das die zweite Seite unserer Karte? Marcianus beobachtete, wie sie das Blatt dem Mann gab, dann eine Landkarte aus ihrer Handtasche holte und auf verschiedene Stellen zeigte. Sie tat das völlig sicher und entschieden.
Sie weiß, wohin sie gehen soll. Die Details der Route waren in ihrem Gedächtnis präsent, das offensichtlich sehr gut arbeitete.
»In der Frau steckt mehr, als ich gedacht habe«, murmelte er.
Aqmal riss sich aus seinen Raucherträumereien und sah ihn im Rückspiegel an.
»Was meinst du?«
»Ich meine, sie folgt nicht einfach nur optimistisch einer Kette von Hinweisen.« Diesmal war es Marcianus, der nicht geruhte, den Blick des anderen Mannes zu erwidern. »Schau sie dir an. Sie weiß eindeutig ganz genau, wohin sie will. Sie haben sich Vorräte beschafft. Sie haben ganz klar einen Plan.« Marcianus hatte die Absicht gehabt, Emily Wess und die beiden Männer von Aqmal exekutieren zu lassen, sich dann die Karte zu schnappen und zusammen mit den Brüdern festzustellen, wohin sie führte. Anschließend wollte er mit ihnen eine Reise organisieren, um den steinernen Schlüssel wiederzubeschaffen. Doch als er nun die Zuversicht in Emilys Gestik sah, die Vorbereitungen und die Gewissheit in den Mienen der drei Leute, wurde Marcianus klar, dass er sich viel Zeit und Mühe sparen konnte, wenn er seine Vorgehensweise änderte.
Sein Herz raste: Das ultimative Ziel seines ganzen Lebens war mit einem Mal in größere Reichweite gerückt als je zuvor. Meines ganzen Lebens. Nostalgische Gefühle stiegen in ihm hoch. Seit seiner Kindheit in Indien, als Sohn eines Mitarbeiters des amerikanischen Friedenskorps, der das Leben seiner Familie der Aufgabe widmete, anderen Gutes zu tun, hatte der junge Arthur Bell sich als Missionar begriffen – schon so lange, wie er überhaupt sich erinnern konnte. Doch er hatte auch schon sehr früh das Gefühl, dass sein Vater und all die anderen, die wie er waren, die Mission falsch verstanden hätten. Was erreichten sie letztlich mit ihrer Wohltätigkeit? Vielleicht lebten die Eingeborenen ein paar Jahre länger, starben etwas weniger stark unterernährt. Aber den Tod konnte nichts aufhalten, und niemand hatte etwas anzubieten, das die Menschen aus der Erbärmlichkeit des Lebens erlöste.
Dieses Gefühl der Sinnlosigkeit weltlichen Mitgefühls hatte ihn begleitet, als er in die Vereinigten Staaten ging, um dort das College zu besuchen, und ihn auch zu Laurence Mahler hingezogen. Hier war ein Mann, dem nicht der Körper am Herzen lag, sondern der Geist. Sein Ratschlag bot keinen Trost für die Schrecken der Welt: Er bot die Freiheit von alldem. Arthur hatte sich an ihn wie an einen göttlichen Vater geklammert und sein ganzes Leben Mahlers neuer Kirche verschrieben. Mahler wiederum hatte ihn wie einen Sohn aufgenommen, ihn zu seinem engen Vertrauten und zum zweiten Mann gemacht, als die Kirche größer wurde. Er hatte ihn Marcianus genannt, nach einem der ersten Mitglieder der gnostischen Familie, deren Vermächtnis sie fortführten. Darüber hinaus hatte Mahler ihm geholfen, zu einem Mann zu werden, der andere zu spiritueller Freiheit führte.
Wie stolz wäre der alte Mann, würde er noch leben und sehen können, wie weit Marcianus gekommen war.
»Unsere Pläne haben sich geändert«, verkündete er plötzlich Aqmal. »Wir werden ihnen folgen. Die drei wissen, wohin die Karte führt. Es hat keinen Sinn, wenn ich der Frau sie wegnehme und dann meine Zeit damit vergeude, das selbst herauszufinden. Diese Emily Wess wird mich direkt zum steinernen Schlüssel bringen.«