Kapitel 71

Saleh Omar Street, Kairo

Als Zwischenstation für die Operation in Kairo war an der Saleh Omar Street eine kleine Eckwohnung gekauft worden. Nach Marcianus’ Anruf vom Eingang der Höhle aus hatten die acht Mitglieder des speziell dafür ausgesuchten Teams sich auf den Weg zu dem unmöblierten Apartment gemacht, das die Brüder etwas mehr als drei Monate zuvor bar bezahlt hatten. Die Böden waren nun mit Bergen von Vorräten bedeckt, die notwendig sein würden, sobald der Große Anführer, der nun endlich im Besitz des steinernen Schlüssels war, in der Stadt eintraf.

Den Chemiker und seinen Kollegen hatte man aus London eingeflogen. Die restlichen sechs waren von den Bruderschaften in Frankreich, Spanien und Italien abbeordert worden. Der Italiener, der wie der Chemiker zu den höheren Rängen der Erleuchteten – den Wissenden, den echten Gnostikern – zählte, war auch Experte für Einbruchdiebstahl, während die zwei Franzosen Sicherheits- und Systemspezialisten waren und die Fähigkeit besaßen, selbst die am weitesten fortgeschrittenen Security-Systeme auszuhebeln. Von den anderen drei Männern, allesamt Spanier, war einer ein Kryptograf mit den für die anstehende Aufgabe geeigneten Übersetzungskenntnissen, und die beiden anderen würden quasi als brachiale Arme der Gruppe für deren Schutz sorgen.

Das Telefon des spanischen Fachmanns hatte fünfzehn Minuten zuvor geklingelt, und nach einem kurzen Gespräch war die Leitung unterbrochen worden und der Raum in erwartungsvolles Schweigen verfallen. Einen Augenblick später zeigte ein kurzes Piepsen den Eingang einer Bildnachricht an. Der Experte klickte sich durch den Touchscreen des Telefondisplays, bis die Nachricht auf dem Bildschirm erschien.

Der steinerne Schlüssel. Seine gräuliche, fast silbrige Oberfläche schimmerte im schräg einfallenden Licht der Wüstensonne. Der Große Anführer hatte ihn wie versprochen in seinen Besitz gebracht. Er war nun mit dem Original auf dem Weg zu ihnen, doch bis dahin gab es noch einiges zu tun.

Der Fachmann brauchte nur ein paar Minuten, um das Bild vom Telefon auf seinen Laptop zu übertragen und dann mit einem tragbaren Farblaserdrucker einen Ausdruck in bester Auflösung zu erstellen. Die Ritzungen auf der Oberfläche des steinernen Schlüssels waren in perfekter Klarheit zu erkennen.

Einige Augenblicke danach rief er die digitale Sammlung der Nag-Hammadi-Codizes auf. Er legte den Papierausdruck des Steins vor sich auf den Tisch, um sich von ihm durch die Texte führen zu lassen. In nicht einmal einer Minute hatte er das richtige Manuskript gefunden. Er lächelte, als er sah, um welchen Text es sich handelte.

Die Tatsache, dass bei den online gestellten Fotos zwei Seiten fehlten, war kein ernsthaftes Problem. Es wäre ein größeres Hindernis gewesen, wenn die Gruppe nicht gewusst hätte, dass sie in Kürze das vollständige Original in ihren Händen haben würde. Sie würden den Großteil der Arbeit hier online erledigen und den Rest am Original machen.

Der Kryptograf blickte auf die drei Ziffern im zentralen Feld des steinernen Schlüssels. 3, 2, 5. Sie markierten die Abfolge der Buchstaben, die entschlüsselt werden sollten. Er hielt sich an die Vorgaben, und er ging sehr sorgfältig vor, als er die Schlüsselbuchstaben in den angezeigten Intervallen transkribierte. Die sieben anderen Brüder sahen gespannt zu.

Als die Prozedur beendet war, hatte der Fachmann die Seiten zweier Blätter mit einer langen Folge koptischer Buchstaben bedeckt.

»Jetzt ist die Zeit gekommen, da der steinerne Schlüssel seinen Zauber wirkt«, verkündete er.

Er legte die Blätter mit seiner Buchstabenfolge auf seine linke Seite, den Papierausdruck des steinernen Schlüssels in die Mitte vor sich und ein leeres Blatt zu seiner Rechten. Dann begann er, den Text zu entschlüsseln. Er nahm den ersten Buchstaben auf seinen Blättern in Augenschein, fand ihn im innersten der drei Ringe auf dem Stein wieder, ermittelte danach im zweiten Ring den angrenzenden Buchstaben und schrieb diesen auf das leere Blatt. Er wiederholte das Ganze mit dem zweiten Buchstaben, dann mit dem dritten und arbeitete sich so durch die lange Sequenz, die er dem sechzehnhundert Jahre alten Manuskript entnommen hatte. Insgesamt brauchte er dafür nur gut fünfundzwanzig Minuten.

»Das ist doch nur Gestammel«, sagte der italienische Wissende entmutigt. Die neuen Seiten waren schlicht Blätter mit noch mehr anscheinend willkürlich gesetzten Buchstaben.

»Ich bin noch nicht fertig«, antwortete der Kryptograf gereizt. »Da ist noch ein Ring.«

Dann ordnete er die Blätter vor sich neu an. Die Seiten mit den entschlüsselten Buchstaben lagen jetzt links von ihm, die Kopie des Steins blieb in der Mitte, und zu seiner Rechten schob er einen neuen Stapel weißer Blätter. Anschließend fing er mit dem Verfahren von vorne an. Diesmal ermittelte er nacheinander die neuen Buchstaben im ersten Ring des steinernen Schlüssels und schrieb ihre Entsprechungen aus dem dritten und äußersten Ring des koptischen Texts nieder.

Dieses Mal ergaben die neu gefundenen Buchstaben Wörter.

Der verborgene Schlüssel
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