Kapitel 110
O’Hare International Airport, Chicago
Kardinal O’Dowd betrat über den Flugsteig die betriebsame Ankunftshalle des Flughafens O’Hare. Der Flug war kurz gewesen, aber er war immer noch mürrisch. Chicago war der letzte Ort, an dem er sein wollte.
»Wenn Sie nicht lächeln wollen, Eure Eminenz, so versuchen Sie doch wenigstens, nicht so griesgrämig dreinzuschauen.« Seine Assistentin Mary hielt die kleine Reisetasche in der Hand, die für den kurzen Besuch eigentlich nicht nötig war. Der Kardinal trug seine Aktentasche.
»Das ist Vergeudung meiner Zeit«, gab er zurück. Sein Missvergnügen stand ihm nach wie vor ins Gesicht geschrieben. »Sie wissen, dass ich solche Dinge hasse. Politik und Kirche, das passt nicht zusammen.«
»Extra Krönchen im Himmel für Ihr langes Leiden«, entgegnete Mary sarkastisch.
Endlich lächelte der Prälat, aber der freundlich gemeinte katholische Humor konnte seine Verärgerung nicht wirklich dämpfen. »Harmonie-Essen«, feierliche Einzüge von Kirchenoberen oder die »Einheitsprozession« des Gouverneurs in Chicago – das alles waren doch nur sinnentleerte politische Spielchen. Die Tatsache, dass Gouverneur Wilson so hartnäckig war, verstärkte die Angst des Kardinals vor der politischen Natur dieses Ereignisses nur noch mehr. Zwei Anrufe vom Gouverneur des Bundesstaats in genauso vielen Tagen. Seit er bestätigt hatte, dass er letztlich doch an der Parade teilnehmen könnte, war er auf schon bizarre Weise aufmerksam behandelt worden. Höchst unerwartet.
»Schon wieder dieser mürrische Blick«, blaffte Mary, als sie seine herabhängenden Mundwinkel sah. »Versuchen Sie doch leutselig zu sein. Sie sind ein besonderer Gast. Versuchen Sie etwas weniger so auszusehen, als würden Sie Ihre eigene Letzte Ölung vollziehen.«
Kardinal O’Dowd seufzte nur, dann beschleunigte er seine Schritte. Mit ein bisschen Glück wäre er noch vor dem Abendessen wieder weg aus dieser Stadt.