Kapitel 111
FBI-Außenstelle, Chicago
Chris saß verlegen auf der kleinen Couch im Büro von Laura Marsh. Beide hatten das geradezu mit Händen greifbare Gefühl der Erleichterung wahrgenommen, das in der ganzen Außenstelle zu spüren war, wenngleich die Anspannung verständlicherweise noch sehr hoch war. Und diese Anspannung war nirgendwo größer als in Marshs Büro.
Nach dem Höhepunkt des Einsatzes und der Sicherstellung der Bombe am Vorabend hatte sich Chris weiter in Gedanken mit allen Details der Operation beschäftigt, von ihrem Anfang bis zu ihrem Ende. Das undefinierbare Unbehagen, das er seit seinem Eintreffen empfunden hatte, begann eine fest umrissene Form anzunehmen.
Chris war schon lange genug bei der Aufklärung, um von Natur aus misstrauisch bei jedem Szenario zu werden, das allzu glatt vonstattenging. Seine Erfahrung mit den echten Feinden war die, dass sie genauso vielschichtig, hinterhältig und desorganisiert waren wie die echten Verbündeten; und wenn man sich mit ihnen befasste, dann stets in einer Abfolge von Versuch und Irrtum, falschen Stopps und Starts, harten Fakten vermischt mit Mutmaßungen und Möglichkeiten. Die Ereignisse der letzten sechsunddreißig Stunden waren jedoch ganz anders verlaufen. Alles war – Chris zögerte beinahe, das Wort auch nur zu denken – glatt gegangen.
A, B, C, D … alles schön nacheinander, jedes Detail passte zu allen anderen, dachte Chris. Das ist viel zu sauber und ordentlich.
Auf der anderen Seite des Büros saß Laura Marsh hinter ihrem Schreibtisch und hing ganz ähnlichen Gedanken nach. Da stand immer noch die unbeantwortete Frage nach der zweiten Schiene mit den internationalen Aktivitäten der Kirche der Wahrheit in der Befreiung im Raum. Die Bombe bestätigte alles, was das FBI über die Verbindungen der Gruppe zum Nahen Osten herausgefunden hatte. Aber für die Aktivitäten in Europa, die augenscheinlich damit nicht im Zusammenhang standen, hatten sie immer noch keine Erklärung.
Und da ist auch noch die Sache mit Lewis. Sein Tod erinnerte sie unablässig daran, dass es einen Verräter gab.
»Der Maulwurf!«, platzte Laura plötzlich heraus. »Wir müssen immer noch das Leck in der Division ausfindig machen.« Sie sah Chris in die Augen, der ebenfalls beunruhigt war und zustimmend nickte. »Mit dem Fund der Bombe ist die Tatsache, dass Agent Lewis ermordet wurde, keineswegs aus der Welt. Unsere Liste der Verdächtigen ist nach wie vor offen.«
»Smith steht ganz oben«, meinte Chris. »Er hat Sie bei Ihrer Ermittlung von Anfang an unter Druck gesetzt, damit Sie Ihre Untersuchung nicht weiterverfolgen, und bei der Nachbesprechung der Operation heute Morgen hat er weiter darauf insistiert. Es ist, als ob er festzuklopfen versuchte, dass der ganze Fall in trockenen Tüchern und abgeschlossen war.«
»Sie glauben, er ist zu einem Mord fähig?«
»Sie glauben, das ist er nicht?« Chris warf ihr einen forschenden Blick zu. Sobald Verrat ins Spiel kam, waren die Einsätze rasch sehr hoch – und mit hohen Kosten verbunden.
»Aber warum sollte, was das anbelangt, Smith oder einer von den anderen die Ermittlung in Sachen Lewis abwürgen wollen? Das kann ich mir immer noch nicht vorstellen«, gestand Chris. »Die Verschwörung war in diesem Stadium lokal begrenzt. Was sollte er partout nicht herausfinden?«
»Alles, was über die Spur in den Nahen Osten hinausging, wurde beiseite gewischt. Allein sie wurde mit Nachdruck verfolgt, und nichts anderes.«
Chris dachte einen Augenblick lang nach, dann fragte er: »Welche Regionen genau wurden außer Acht gelassen?«
»Ich habe Grund zu der Annahme, dass wir Italien aussparen sollten«, antwortete Laura sofort. »Von dort stammt das Telefon, das bei dem Ortsgespräch benutzt wurde, um die Veröffentlichung des Videos zu bestätigen. Und Deutschland, wo das Handy registriert war. Und Frankreich, und …« Laura tippte auf ein paar Tasten ihres Laptops und öffnete die E-Mail, die sie am Tag zuvor an sich selbst geschickt hatte, mit der Liste der SMS-Empfänger, die Agent Lewis als Kirchenmitglieder identifiziert hatte. »Und wir haben Textnachrichten von Mitgliedern der Gruppe an Telefonnummern in Spanien, Griechenland und sogar Makedonien. Die Liste ist lang.«
»Aber sie ist auch unvollständig«, erwiderte Chris.
Laura hob eine Augenbraue. »Was meinen Sie?«
»Sie haben Ägypten nicht erwähnt.«
Marsh wandte sich wieder ihrem Computer zu und überprüfte die Liste. Die Vorwahl von Ägypten war nicht bei den Telefonnummern zu finden, die Lewis gesammelt hatte. »Steht nicht drauf.«
»Aber es ist ein Land, das mit der Kirche der Wahrheit in der Befreiung in Zusammenhang steht, und zwar durch ihren Anführer Arthur Bell. Dort habe ich den Mann getroffen.« Er hielt den Blick auf Laura gerichtet.
»Und von den drei Sektionschefs der Division gibt es nur einen, dem ich von der Begegnung erzählt habe.«
Marsh starrte zurück. Sie hatte sich bislang geweigert, doch Chris’ frühere instinktive Eingebung war, wie es schien, nicht mehr länger von der Hand zu weisen.
Chris war auf dem Sofa nach hinten gerutscht. »Ich denke, wir haben die Liste potenzieller Maulwürfe auf eine einzige Person eingegrenzt.«
Unmittelbar nach dieser Bemerkung von Chris klopfte es unerwartet an Marshs Bürotür. Die Stellvertretende Direktorin Dawson drehte den Knauf herum und kam herein.
»Special Agents Marsh und Taylor. Ich brauche Sie für …« Als sie die besorgten Mienen der beiden bemerkte, brach sie ab. »Was ist los?«
Bevor sie antworten konnten, wurde ihre Ruhe noch einmal gestört, diesmal durch die Melodie von Navy Blue and Gold. Chris spürte, dass das Handy in seiner Tasche zu vibrieren begann, und holte es heraus.
Als Anrufer wurde kryptisch »EGYPTAIR IM FLUG« angezeigt. Chris schaute leicht verblüfft darauf. Michael saß in diesem Moment in einem Flieger. Der Anruf konnte nur von ihm kommen. Er wusste, er musste rangehen, und hob entschuldigend eine Hand in Richtung der Stellvertretenden Direktorin, um anzudeuten, dass es ein wichtiger Anruf war.
Chris hielt sich das Telefon ans Ohr. »Kumpel«, sagte er ruhig, wobei er den Ernst in seiner Miene aus seiner Stimme herauszuhalten versuchte. »Wie lang noch bis zu eurer Ankunft? Wir brauchen dich und Emily jetzt gleich hier im Büro.«
»Wir sind auf dem Weg«, antwortete Michael. »Aber das hier kann nicht warten. Wir haben ein ernstes Problem.«