Kapitel 76
Ägypten
»Ich habe solch einen intensiven Blick bei dir nicht mehr gesehen, seit du vor der Entscheidung für ein Hochzeitskleid gestanden hast.« Michael gab gut gelaunt diese kleine Spitze von sich, während er den Pajero steuerte. Neben ihm saß Emily über ihren Laptop gebeugt, den sie auf ihren Knien festhielt, und sah mit höchster Konzentration auf den Bildschirm. Als sie seine Stimme hörte, verzogen sich ihre Mundwinkel ganz leicht zu einem Lächeln, aber ihre Augen waren weiterhin auf den Monitor gerichtet.
»Solange du dich genauso fest auf die Straße konzentrierst, geht’s uns beiden gut«, entgegnete sie.
Sie waren nun seit drei Stunden auf der gut ausgebauten Fernstraße unterwegs und würden beim gegenwärtigen Tempo nach weiteren zweieinhalb Stunden, irgendwann kurz vor 5.30 Uhr, Kairo erreichen. Bevor sie Assiut verließen, hatten sie sich gezwungen, sich in ihrer Hotelsuite zwei Stunden auszuruhen, wohl wissend, dass die Energie, die sie in Bewegung hielt, zum Großteil vom Adrenalin herrührte. Doch das Gefühl, schleunigst nach Kairo zu müssen, hatte selbst den kurzen Schlaf alles andere als erholsam werden lassen. Sie waren aus Assiut abgereist, sobald sie geduscht, frische Kleidung angezogen und eine Mahlzeit zu sich genommen hatten, die aus dem bestand, was die Minibar hergab.
»Die Straße hat meine ungeteilte Aufmerksamkeit«, antwortete Michael, womit er jedoch ein wenig übertrieb.
Seit Fahrtbeginn hatte Emily intensiv auf dem Beifahrersitz gearbeitet. Auf dem Laptop waren zwei Fenster geöffnet: Das eine zeigte die Bilder vom Codex I der Nag-Hammadi-Bibliothek, vor allem die Blätter mit dem Evangelium der Wahrheit, und das andere, auf der rechten Seite, war ein leeres Fenster, das sie allmählich mit Text füllte. Ihre Zeichnung des steinernen Schlüssels hatte sie direkt links vor sich am Armaturenbrett ganz profan mit einem benutzten Kaugummi befestigt.
Sobald Emily die Entdeckung gemacht hatte, dass die fünf Buchstaben in der Mitte des steinernen Schlüssels den Traktat angaben, der decodiert werden sollte, hatten sie beide nicht lange gebraucht, um festzustellen, dass die darunter stehenden Ziffern – 3, 2 und 5 – die Reihenfolge der Zielbuchstaben in dem Text festlegten. Die Tatsache, dass der steinerne Schlüssel drei Buchstabenringe umfasste, verwies darauf, dass es sich um einen zweistufigen Vertauschungscode handeln musste, bei dem der innerste Ring die ursprüngliche Letter, der zweite deren entschlüsseltes Ergebnis und der dritte Kreis eine zweite Verschlüsselungsebene darstellten.
»Chris wäre enttäuscht«, hatte Michael gemurmelt, als sie die Sequenz testeten und feststellten, dass es klappte und richtige koptische Wörter herauskamen. »Das ist kaum Bletchley-Park-Material.«
»Sei bitte nicht so hart«, hatte Emily ihn gerügt. »Der Code ist über eintausendsiebenhundert Jahre alt, und wir haben keine Ahnung, ob die Leute, die ihn anfertigten, überhaupt mathematisch bewandert waren. Soweit wir wissen, war das ein einfaches System, das sich ein treuer Angehöriger einer Religionsgemeinschaft ausgedacht hat. Nur ein Mittel, um etwas auf die bestmögliche Weise zu verbergen, die er zu ersinnen vermochte.«
Emily hatte, abgesehen von vereinzelten kleinen Unterbrechungen durch Michael, die letzten drei Stunden durchgearbeitet. Es ging langsam, aber stetig voran, und allmählich füllte sich das leere Fenster rechts auf dem Bildschirm mit dem Text, den das Evangelium der Wahrheit so viele Jahrhunderte lang vor der Welt verborgen hatte. Jedes Wort, das sie entschlüsselte, übersetzte sie mithilfe eines koptisch-englischen Wörterbuchs, das auf der Festplatte gespeichert war. Auch die gelegentlichen Einfälle und Erläuterungen ihres Mannes halfen ihr dabei, eine englische Version der Entschlüsselungsergebnisse zu erstellen.
Plötzlich sah sie von ihrer Arbeit auf und ließ einen Moment lang den Blick geistesabwesend über die dunkle Straße vor ihnen schweifen, die nur von den bläulich-weißen Halogenscheinwerfern ihres SUVs und ab und an von einem entgegenkommenden Auto beleuchtet wurde. Dann schaute sie wieder nach unten auf den Laptop.
»Mike«, sagte sie, »ich verstehe nicht, was dieser Text bedeuten soll.« Sie überflog noch einmal ihre Übersetzung. »Für mich ergibt das, was ich da lese, keinen Sinn.«
Michael machte eine Geste, die sie daran erinnern sollte, dass er beim Fahren nicht lesen konnte, was auf dem Bildschirm stand.
»Das ist kein Text«, stellte Emily klar, »oder zumindest kein erzählender. All die Begriffe, die wir entschlüsselt haben – das sieht eher wie eine Liste aus, und zwar wie eine merkwürdige Liste. Das sind alles Pflanzennamen, Öle, Gewürze. Ingredienzen.« Sie sah endlich hoch und zu ihrem Mann hinüber.
»Um alles in der Welt, das sieht aus wie ein … Rezept.«