Kapitel 70
Gaddis Suites, Assiut
Chris ging zu einem der Klubsessel gegenüber dem Schreibtisch, an dem Emily und Michael arbeiteten. Er setzte sich auf die Kante des Sessels und wartete ungeduldig einen kurzen Augenblick lang, bis die anderen ihm ihre Gesichter zuwandten. Michael konnte sehen, dass Chris’ Muskeln angespannt waren. Etwas bei dem Telefongespräch hatte ihn offenkundig in Alarmstimmung versetzt.
»Das war ein Freund und früherer Kollege in der Außenstelle in Chicago. Sie haben mit einer großen Attentatsdrohung gegen die Parade zum 4. Juli zu tun – eine der größten des Landes.«
»Eine Attentatsdrohung?« Emily beugte sich auf ihrem Schreibtischstuhl vor.
»Mutmaßlich ein Terroranschlag, genaue Art unbekannt. In den Straßen werden Zehntausende von Menschen sein, von Würdenträgern, Politikern und religiösen Führern bis hin zu Familien und Kindern, um das Sternenbanner zu feiern.«
»Jemand droht damit, unzählige Kinder anzugreifen?«, entfuhr es Emily ungläubig.
»Mir wurde gesagt, dass jede Einheit in der Division auf die eine oder andere Weise für diese Aufgabe abgestellt worden ist. Offenbar bestehen auch Verbindungen zum Nahen Osten.«
Trotz der schockierenden Informationen war es Emily, die die notwendige Frage stellte. »Das ist schrecklich, Chris. Aber was hat das mit uns zu tun? Bei dir klingt das, als ob zwischen deinem Telefonat und unserem Tun ein Zusammenhang bestünde.«
»Besteht auch. Anscheinend bezeichnet sich die für die Drohung verantwortliche Gruppe als … Gnostiker.«
»Gnostiker?« Das Wort kam beiden Eheleuten gleichzeitig über die Lippen.
»Noch einmal, ich kenne nicht alle Einzelheiten. Aber die Attentatsdrohung kam von einer Kirche, die behauptet, aus gnostischen Gläubigen zu bestehen. Und das ist mehr als nur ein regional begrenzter Vorfall. Vor zwei Tagen gab es in New York eine Verhaftung, ein Kerl mit einem Scharfschützengewehr und einer Vendetta, der ebenfalls behauptete, Gnostiker zu sein.«
»Der ›gnostische Terrorist‹«, murmelte Michael, während er in Gedanken zu dem Nachrichtenbeitrag zurückging, den er sich am Tag zuvor in dem kleinen Fernseher in seinem Büro angeschaut hatte, weil er von Gwyth dazu gezwungen worden war. Er hatte ungläubig über die Zuschreibung gelacht, als sie in den Inserts des Berichts aufblitzte. Konnte das tatsächlich wahr sein?
»Genau der«, bestätigte Chris. »Anscheinend steht er in Verbindung zu dem, was in Chicago vor sich geht.«
Sie dachten schweigend über die neue Information nach.
»Meiner Ansicht nach gibt es eine realistische Möglichkeit, dass die Aktivitäten dort mit dem, was hier geschieht, in Zusammenhang stehen … Ich meine, wie viele gnostische Gruppen haben schon alle auf einmal Anfälle von Gewalttätigkeit?«, sinnierte Chris. »Für einen Zufall scheint das zu viel zu sein. Aber ich werde es erst genau wissen, wenn ich dort bin.«
»Wo bist?«
»Chicago. Ich habe den Befehl erhalten, dorthin zu fliegen und ihnen zu helfen. Es ist mein altes Büro, und plötzlich brauchen sie jemanden, dessen besondere Fähigkeit darin besteht, terroristische Aktivitäten aus bruchstückhaften Informationen vorherzusagen. Das ist meine Spezialität, seit ich zum FBI gegangen bin. Ich habe den Befehl, sofort zurückzukehren.«
»Wann fliegst du?«, fragte Michael.
»In ungefähr einer Stunde. Von Alexandria ist bereits ein Hubschrauber unterwegs, um mich abzuholen, und von da aus komme ich in die erste FBI-Maschine, die in die Staaten fliegt.« Chris machte eine Pause. Ein Teil von ihm wollte einfach im Hotel bleiben, ein paar Cocktails schlürfen und den Schmerz in seinem verletzten Arm »wegschlafen«. Der entscheidendere Teil jedoch wusste, wie wichtig der Telefonanruf war, den er erhalten hatte.
»Du fliegst und schaust, ob da eine Verbindung besteht«, sagte Emily, »und wir müssen verfolgen, was wir hier in Händen haben.«
Die beiden Männer wandten sich ihr neugierig zu.
»Dieser Arthur Bell steht eindeutig an der Spitze dessen, was auch immer hier in Ägypten und in London vorgeht«, fuhr sie fort. »Wenn jetzt auch noch die Möglichkeit besteht, dass er etwas mit der Sache in Amerika zu tun hat, ist es umso wichtiger, dass wir herausfinden, was genau er im Schilde führt.«