Kapitel 3
Córdoba, Spanien
Der Jünger sagte: »Warum begeben wir uns nicht gleich zur Ruhe?«
Der Herr sagte: »Wenn ihr niederlegt diese Lasten!«
In der Mitte des Kreises verbreitete die zeremonielle Öllampe flackerndes Licht. Die veraltete Beleuchtungsmethode war beabsichtigt – die dezent leuchtende Flamme ein wichtiger Teil des Rituals. Die Gestalten, die das Licht umgaben, schwankten in rhythmischen Bewegungen, und sie alle trugen die gleiche dunkelrote, fast schwarze Samtrobe. Einige Teilnehmer hielten einen tiefen Basston, während andere in die Worte des vertrauten Gebets einfielen, die in ihrer Ausgabe des BUCHES standen.
Der Jünger sagte: »Wie schließt sich das Kleine an das Große an?«
Der Herr sagte: »Wenn ihr die Werke, die euch nicht folgen können, hinter euch lasst, dann werdet ihr euch zur Ruhe begeben.«
Die uralten Worte, von den geübten Zungen der Anhänger in andächtiger Monotonie ausgesprochen, hallten durch den schwach erleuchteten Raum. Nur durch intensives, konzentriertes Blicken vermochte der Kandidat die Symbole zu erkennen, die mit Kreide rund um die Lampe auf dem Boden gezeichnet waren. Eine Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beißt – der Ouroboros, das älteste ihrer Sinnbilder. Er war von Anbeginn an in Gebrauch und auch das bekannteste Symbol, denn jedes Mitglied hatte ihn in Form eines Silberreifs am linken Ringfinger, wo andere Leute den Ehering trugen. Auf dem Boden war der Ouroboros von den Himmelssphären umgeben, die sorgfältig in einer Hierarchie angeordnet waren. Eine Sonne, die hinter einem Baum aufgeht. All diese alten, getreulich nachempfundenen Symbole standen für den Pfad zur Erleuchtung, zu der er gleich gelangen sollte.
Der Kandidat saß wie alle anderen im Schneidersitz, war aber bis auf die weißen Shorts nackt. Erst wenn das Initiationsgebet endete, würde er in die Robe der WISSENDEN gekleidet und in eine Wahrheit eingeweiht, die größer war als alles, was er bislang erlebt hatte. Erst dann würde er das Selbst jenseits seines Ichs entdecken, den Geist jenseits des Körpers.
Der Verräter sagte: »Worin ist der Geist sichtbar?«
Der Herr sagte: »Worin ist das Schwert sichtbar?«
Während die Rezitation der heiligen Worte fortgeführt wurde, erschien ein Bote in Laienkleidung am Rand des Kreises. Zögernd ging er außen herum, bis er zum regionalen Anführer gelangte. Das Gesicht des Mannes, der mit den anderen Mitgliedern im Gebetskreis saß, war unter einer Kapuze verborgen. Es war fast schon unerhört, ein Gebet zu unterbrechen – ganz besonders bei einer Initiation –, aber die augenblicklichen Umstände waren alles andere als gewöhnlich. Der Anführer der spanischen Gruppe würde die Information sofort wissen wollen. Selbst wenn das eine kurze Ablenkung von der Zeremonie bedeutete.
Der Bote kauerte sich hin und beugte sich nah ans Ohr der Gestalt mit der Kapuze. »Mi señor«, flüsterte er während einer kurzen Pause im Sprechgesang. Unter derartigen Umständen war die förmliche Anrede erforderlich. Die sitzende Gestalt neigte den Kopf zu ihm.
»Meister«, berichtete der Bote, »das Manuskript ist nun in unserem Besitz. Während wir hier sprechen, sind unsere Brüder auf dem Weg zum Großen Anführer.«
Unter seiner schweren Kapuze erlaubte sich der regionale Anführer, in einem Ausdruck der Zufriedenheit seine Augenbrauen zu heben. Das war die Nachricht, auf die er gewartet hatte.
»Sehr gut. Die Zeit ist gekommen, unseren Plan umzusetzen«, sagte er leise. Er hob die rechte Hand und legte sie dem Kurier auf die Brust. Diese uralte persönliche Geste war bedeutsamen Abschieden vorbehalten, und das war einer.
»Nimm Kontakt zu den Brüdern im Ausland auf. Sag ihnen, es ist an der Zeit, den Exodus zu beginnen.« Dann, als er erkannte, dass das Ereignis eine feierlichere Bemerkung verlangte, setzte er sich mit Nachdruck gerade hin und verkündete andächtig: »Es ist Zeit, dass sie ins Licht treten.«
Nachdem der Bote seinen Auftrag erhalten hatte, neigte er den Kopf und verließ die heilige Stätte.
Der Anführer atmete langsam und zufrieden aus, dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder dem aktuellen Geschehen zu. Das Initiationsgebet war auf seinem Höhepunkt, und er fiel in die Worte seiner Brüder mit ein, als sie ein neues Leben in ihre Mitte aufnahmen.
Der Jünger sagte: »Worin ist das Licht sichtbar?«
Der Herr sagte: »Erst wenn ihr in Ewigkeit darin getaucht seid.«