Kapitel 14

Hays Mews, London

Ob Emily vornehmlich von ihrem Kummer oder primär von rationalen Gedankengängen angetrieben wurde, vermochte Michael nicht zu sagen. Aber eines konnte er nicht leugnen: Seine Spekulationen über mögliche Zusammenhänge erhielten neue Nahrung, und Spuren deuteten darauf hin, dass da mehr war. Zum einen gab es die sensationslüsterne Bezeichnung in einem amerikanischen Nachrichtenbeitrag, zum anderen die Tatsache, dass ein Mann namens Arthur hinter dem Überfall auf ihr Haus und dem Diebstahl eines gnostischen Manuskripts steckte, während zur selben Zeit ein Mann namens Arthur ihn wegen gnostischer Manuskripte im Museum bedrängte – all das war denn doch ein bisschen zu viel, um ein bloß zufälliges Zusammentreffen verschiedener Begebenheiten zu sein.

»Bist du dir bei dem Namen ganz sicher?«, fragte Michael. Wenn sie ihn nicht richtig in Erinnerung behalten hatte, könnte da überhaupt keine Verbindung bestehen.

»Ich bin mir sicher. Ich kann immer noch ihre Worte genau hören. Und ihre Stimmen, die durch die Wäsche im Wandschrank gedämpft wurden.«

Michaels Zweifel schwanden. Emily besaß ein nahezu perfektes Gedächtnis. Es war eine Begabung, die ihr bereits in jungen Jahren geholfen hatte, in der Wissenschaft Überragendes zu leisten. In ihrer ehelichen Beziehung war diese Eigenschaft jedoch äußerst unangenehm, wenngleich Emily die meiste Zeit höflich vorgab, sie könne sich nicht an jeden einzelnen Fauxpas erinnern, den ihr Ehemann seit dem ersten Tag, an dem sie sich über den Weg gelaufen waren, begangen hatte.

Michaels Stimme nahm einen schärferen Ton an.

»Hör mal«, sagte er und schob das Blatt genau in die Mitte zwischen sie beide, »du hast mir doch früher schon einmal erzählt, die Catholic University würde vermuten, das Manuskript sei eine Fälschung, richtig? Nur deshalb konntest du es auch so günstig erwerben.«

Sie nickte zur Bestätigung.

»Gut, wenn dem so ist und diese Männer sich so sicher waren, wie du sagst, dass sie eine Karte vor sich hatten, dann könnte genau diese Gewissheit ein Hinweis darauf sein, was es mit dem Manuskript auf sich hat. Vielleicht ist es ja tatsächlich ein Falsifikat. Vielleicht ist der Text eine Fälschung, die zu dem Zweck hergestellt wurde, das zu verbergen, was da wirklich steht.« Michael deutete auf die zweite Seite.

»Eine Karte«, flüsterte Emily.

»Es gibt jede Menge Möglichkeiten, so etwas zu machen.«

Emily begann, in Gedanken die möglichen Methoden rasch durchzugehen.

»Falls es ein Manuskript aus späterer Zeit ist, eröffnen sich alle möglichen Wege. Im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert entstand eine riesige Anzahl von verschlüsselten Dokumenten, mehrschichtigen Inschriften und Ähnlichem.«

Plötzlich ließ Emily die Schultern hängen. Ihr Kopf sank nach vorn, und ihre Körperhaltung fiel förmlich in sich zusammen. Michael konnte sehen, wie sich in ihren Gesichtszügen das Gefühl der Zwecklosigkeit abzeichnete, und auf einmal wollte er mehr als alles andere auf der Welt verhindern, dass diese Gemütslage von ihr Besitz ergriff. Emily war ein »Mädel aus dem Mittleren Westen«, das alles richtig gemacht hatte; eine Frau, die sich dank ihrer Stärke und Widerstandsfähigkeit, die in den Augen anderer grenzenlos zu sein schienen, in ihrem Fach bis an die Spitze hochgearbeitet hatte. Aber vor allem war Emily seine Ehefrau, und er wusste, dass sie auch Schwächen besaß. Zerbrechlichkeit … Ihr Anfall von Schwäche weckte bei Michael in überwältigendem Maße seinen Beschützerinstinkt. Er streckte eine Hand aus, ergriff Emilys Handgelenk und legte ihr das alte Manuskript in die Hand.

»Das denke ich nicht, Em. Ich denke, da könnte mehr dahinterstecken, und ich weiß, du wirst jeder Möglichkeit nachgehen wollen.« Er deutete auf das Pergament. »Andrews Mörder sind überzeugt, dass an dem Manuskript mehr ist, als man zunächst sieht. Sie haben die zweite Seite nicht mitgenommen: Diese Tatsache bedeutet, dass uns die Möglichkeit gegeben ist, herauszufinden, ob sie recht haben. Und vielleicht entdecken wir dabei einen Hinweis darauf, wer sie sind.«

Emily starrte auf die alte Schrift, die das vergilbte Blatt bedeckte. Michael legte ihr sanft die Finger ans Kinn und drehte ihr Gesicht zu sich herum.

»Wir müssen herauskriegen, was der Text verbirgt.«

Der verborgene Schlüssel
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