Kapitel 39

Der Tempel, Chicago

Auf dem Boden des Tempels waren in der Mitte vierzehn Kerzen im traditionellen Kreis aufgestellt. Das Gebäude, das die Brüder einen »Tempel« nannten, war zwar in Wirklichkeit lediglich ein leer stehendes Lagerhaus, doch das kümmerte die Gläubigen nicht. Der wahre Tempel war eh der große Geist, wie sie aus tiefster Überzeugung glaubten. Seit Jahrhunderten hatten die Prophezeiungen verkündet, wenn das Ende käme, wäre es mit der stofflichen Welt vorbei, und sie würden befreit werden, um nur noch ganz im Geist zu leben: Und das war ihr höchstes und reinstes Ziel.

Dies war die ehrfurchtgebietendste – und völlig unerwartete – Dimension der Offenbarung ihres Anführers gewesen. Sie hatten seit Generationen auf das Zeitenende gewartet, auf das Ereignis, das den völligen Zusammenbruch und die Zerstörung der Welt und zugleich die Zeit ihrer Emanzipation markieren würde. Doch es war der Große Anführer gewesen, der erkannt hatte, dass das Ende nicht stofflich zu verstehen sei. Es bestand keine Veranlassung, darauf zu warten, dass die Umwelt kollabierte oder ein Weltkrieg die Menschheit auslöschte. Das Ende war moralischer, spiritueller Natur. Alles Gute und Heilige, das der göttliche Lebensfunke auf der Welt bewahrt hatte, war bereits verschwunden, ausgelöscht von der Gier, Lasterhaftigkeit und Pervertiertheit des Menschen.

In wenigen Augenblicken würde der Befreier sprechen. Er würde Realität werden lassen, was die Kirche seit Jahrzehnten gepredigt hatte, was die größere Bruderschaft seit Generationen gewusst hatte und auf was die Erleuchteten seit Jahrtausenden gewartet hatten.

Nach dem Ende – die Befreiung.

Doch bevor er das provisorische Podium betrat, würde das Wahrheitsgebet gesprochen. Worte ohne Wahrheit bedeuteten nichts. Wissen ohne Wahrheit war nichts als Trug.

Ein in eine Robe gehüllter Wissender läutete ein Glöckchen, und sofort verstummte die große Menschenmenge. Dann stieg langsam ein gut eingeübtes, tiefes, monotones Brummen von den Menschen auf, die auf die Knie gefallen waren. Als der melodiöse Sprechgesang durch den Lagerhaus-Tempel hallte, formten die Lippen der Vorleser die heiligen Worte.

»Wir sind gekommen, kundzutun, was ist und was war und was sein wird.

Wir sind gekommen, damit die Menschheit die unsichtbare Welt hinter dem erkennt, was sichtbar ist.

Wir sind gekommen, von der unerschütterlichen Rasse der vollkommenen Menschheit zu künden.«

Wer dies noch nicht getan hatte, legte nun, da das Gebet begann, seine dunkle Robe an. Als die erste Gruppe der Vorleser geendet hatte, übernahm eine zweite den nächsten Refrain des uralten Gebets.

»Jedem, der unwissend ist, mangelt es an etwas,

Und dieser Mangel ist sein schreckliches Verderben,

Denn es mangelt ihm an dem, was ihn vollkommen macht –

Aber dies werden wir ihm geben.«

Walter Janus, dessen Name in der Kirche Cerinthus lautete, der aber inzwischen bei jeder Versammlung weltweit als der Befreier bekannt war, erhob sich, als die Worte weiter eindringlich von den Wänden und dem hohen Stahldach hallten. Er war von dem gemeinsamen Sprechgesang berauscht und wusste, seine Worte würden entscheidend dazu beitragen, den hier versammelten Brüdern Mut zu machen. Doch bevor er seine Ansprache hielt, wollte er selbst aus den Wahrheiten, die sie beteten, Kraft schöpfen.

Als er auf das Podium zuschritt, holte er voller Zuversicht tief Luft. Alle erleuchteten Lippen um ihn herum riefen die prophetischen Worte aus.

»Unser ist das Buch, das niemand zu nehmen vermag.

Denn das Licht ist jenen vorbehalten,

Die es nehmen und deswegen getötet werden.«

Der verborgene Schlüssel
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