Kapitel 66
Die Höhle
Sobald Chris ihm den in Ma’adi gekauften Klappspaten gegeben hatte, wollte Michael damit beginnen, den einzigen Plan, der ihm in dieser Situation einfiel, in die Tat umzusetzen.
»Du wirst uns da nicht rausbuddeln können«, protestierte Chris, als Michael den aufgeklappten Spaten einrasten ließ. »Nicht durch soliden Kalkstein.«
»Das hab ich auch nicht vor. Man kann das Ding nicht nur zum Buddeln benutzen.«
Emilys Atem ging weiterhin in kurzen, flachen Zügen; die Auswirkungen der Klaustrophobie ließen kein bisschen nach. Sie beobachtete Michael, der offenbar eine Idee hatte, und dies war das Einzige, was ihr half, ihre Atmung noch halbwegs kontrollieren zu können.
»Der Griff ist nicht sehr lang«, sagte Michael zu Chris, »doch als Hebel sollte er reichen.«
Ohne weitere Erklärung packte Michael den Spaten fest mit beiden Händen. Dann zielte er mit der Kante des Metallblatts auf den schmalen Riss in der Wand und rammte den Spaten mit aller Kraft dort hinein. Das Metallblatt drang volle zwei Zentimeter in den Riss hinein. Michael versuchte, es herauszuziehen, doch der Stein wollte den Spaten nicht mehr freigeben.
Michael sah sich um, holte sich einen faustgroßen Stein aus dem Geröll und schlug den Spaten damit noch tiefer in den Riss hinein.
Als das Metallblatt so tief im Fels steckte, wie es eben nur ging, legte Michael den Stein weg. Er holte tief Luft, um Kraft zu sammeln; dann zog er den Spatengriff zur Seite, um ihn gleich darauf mit aller Macht nach vorne zu drücken.
Emilys Atmung beruhigte sich, während sie zusah. Sie verstand immer noch nicht ganz Michaels Plan, aber er war in Aktion; und allein schon die Selbstsicherheit, mit der er seine Bewegungen ausführte, hatte eine Überzeugungskraft, die ihre Nerven ruhiger werden ließ.
Michael verlegte sein Gewicht nach hinten, während er gleichzeitig den Spatengriff zur Seite zerrte, dann stieß er ihn wieder mit aller Kraft in die andere Richtung. Dies wiederholte er mehrmals: Indem er die Eintrittsstelle des Spatens in das Gestein als Hebelpunkt nutzte, versuchte er, den Spalt zu vergrößern.
Seine Stemmversuche schienen zumindest die ersten fünfzehn oder zwanzig Male nichts zu bewirken. Doch plötzlich, als Michael sein Körpergewicht mit einem Grunzen erneut nach vorne verlagerte, wobei ihm der Schweiß von der Stirn tropfte, drang durch den Riss in der Wand mehr Licht.
»Mein Gott, sie fängt an nachzugeben!«, rief Chris. »Emily« – er deutete auf sie – »hilf ihm. Mit meiner Schulterwunde würde ich dabei von keinerlei Nutzen sein.«
Emily gewann rasch ihre Zuversicht wieder, als das Tageslicht stärker in die staubige Kammer schien. Sie stellte sich Michael gegenüber hin und legte ebenfalls die Hände um den Griff des Spatens. Gemeinsam bearbeiteten sie den Fels mit all ihrer Kraft. Mit jedem schwungvollen Stoß wurde der schmale Riss in der Wand ein wenig breiter. Der relativ weiche Sandstein war durch die Explosion in seiner Festigkeit geschwächt worden, und das Hin- und Herbewegen des Spatens führte dazu, dass er auch noch den letzten Rest an Stabilität verlor. Nach einigen Augenblicken wurde der Spalt mit einem scharfen Knackgeräusch breiter, und Steinbrocken fielen zu Boden.
Emily und Michael stießen erneut kräftig zu. Drei große Felsstücke brachen aus der Wand und fielen zu ihren Füßen hinab.
»Wir sind fast durch!«, verkündete Michael schwer atmend. »Hier, lass mich mal da unten ran.« Er legte den Spaten zur Seite und setzte sich vor dem schwächsten Punkt der Wand auf den Boden. Dann stützte er sich hinten auf den Ellbogen ab und stellte die Füße unten an den Fels. »Pass auf«, sagte er zu Emily. Dann hob er die Knie bis zur Brust und stieß die Beine gegen die Wand.
Die Wand verbog sich durch den Aufprall, stürzte aber nicht ein.
»Noch einmal, Mike«, ermutigte ihn Emily, während sie das Gesicht vor dem feinkörnigen Felsschutt schützte, der sich vom Gestein löste.
Michael schnaufte tief durch, zog wieder die Beine an und stieß sie mit aller Kraft nach vorne.
Diesmal gab die Wand nach. Große Stücke uralten Felsgesteins fielen nach außen und stürzten den Steilhang hinab.
Licht durchflutete ungehindert die Höhle.