Kapitel 87

FBI-Außenstelle, Chicago

Special Agent Laura Marsh bemühte sich nach Kräften, die Bürotür nicht hinter sich zuzuschlagen, aber sie war mit ihren – gewöhnlich starken – Nerven restlos am Ende. Sie war es gewohnt, Terroristen zu verfolgen: Männer, die schreckliche Dinge taten. Aber sie war es nicht gewohnt, quasi in ihrem eigenen Vorgarten auf sie zu stoßen. In ihrem Bürogebäude.

Agent Scott Lewis war tot … ermordet worden, als er für sie arbeitete. Die Frage nach einem Unfall oder Zufall stellte sich nicht. Er war getötet worden, um seine Ermittlung zu stoppen. Ihre Ermittlung.

Die Kirche hat jemanden hier bei uns. Jemanden, der glaubt, durch meine Vorgehensweise könnte etwas Wichtiges ans Licht kommen. Die Erkenntnis trieb Marshs Blutdruck nach oben.

Laura Marsh war mit Scott Lewis nicht eng befreundet gewesen, und sie verspürte Schuldgefühle, dass sie ihn stets als eine vorwiegend logistische Ressource betrachtet hatte. Nun empfand sie es als ihre Pflicht – ja, es war ihr ein echtes Bedürfnis, ihm nach seinem Tod die Ehre zu erweisen –, diese Spur aus Respekt für den Mann zu verfolgen, der bei dem Versuch, dies zu tun, gestorben war.

Lewis’ Mörder hatten dessen Workstation mitgenommen, was Marsh eine wichtige Tatsache verriet: An was auch immer er vor seinem Tod gesessen hatte, es war wichtig gewesen. Und das, wie Laura wusste, war ein Ansatzpunkt. Lewis’ Entdeckungen konnten nach wie vor für ihre Ermittlung von Nutzen sein, selbst nachdem er gestorben und sein Computer verschwunden war.

Laura brauchte nur ein paar Sekunden, um sich beim zentralen Server der FBI-Außenstelle mit ihren Administratorrechten einzuloggen und die Partition zu finden, auf der die Backups von Lewis gespeichert waren. Das System führte automatisch synchrone Backups von allen Arbeiten der Mitarbeiter durch, und unter seiner ID stieß Laura auf Tausende von Dateien, die in einer sorgfältig strukturierten Hierarchie von Verzeichnissen geordnet waren. Anhand von Datum und Uhrzeit konnte sie leicht die kürzlich geöffneten Dateien ausfindig machen.

Die letzte. 2. Juli, 23.57 Uhr.

Sie extrahierte die Datei mit einem Druck auf die Rautentaste.

Tar-zxvf_july02_2357.tar.gz

Der sich entkomprimierende Inhalt scrollte schneller an ihr vorbei, als sie lesen konnte. Mit ein paar weiteren Befehlen rief sie nochmals die Liste der Dateien auf. Die eine, die sie interessierte, stach auf den ersten Blick aus allen anderen heraus. »Marsh_details.txt« stand da mitten auf dem Bildschirm und schrie Laura geradezu an.

Lewis hatte, wie die meisten Computerfreaks, eine irrationale Abneigung gegen Textverarbeitungs- und Grafikprogramme, was bedeutete, dass das Öffnen der reinen Textdatei, in die er seine Notizen eingegeben hatte, eine einfache Sache war. In Sekundenschnelle wurde die Datei auf Marshs Monitor angezeigt.

Laura stockte der Atem. Die ersten Absätze beinhalteten genauer ausgeführte Versionen von Informationen, die sie bereits kannte. Aber dann hatte Lewis die Handyspur weiterverfolgt, E-Mails an Orten in Europa überprüfen und die Namen von Personen auf dem europäischen Festland abgleichen lassen, die Handyverträge beim selben deutschen Provider hatten, bei dem das Telefon in Chicago angemeldet war. Zum Zeitpunkt seines Todes war es Lewis gelungen, wenigstens vierzig Personen zu identifizieren, die beide Kriterien erfüllten. Allerdings hatte er es noch nicht geschafft, ein spezielles Telefonat oder eine bestimmte SMS über den Provider herauszufiltern.

Marsh kopierte die Namensliste in ein neues Fenster und mailte sie an ihre eigene Adresse.

Die letzten Bemerkungen am Ende von Lewis’ Notizen erregten ihre besondere Aufmerksamkeit. Er hatte sich erneut mit der Verbindung zum Nahen Osten beschäftigt. Seine Interpretation der Fakten war allerdings in einem Ton gehalten, den so noch kein anderer angeschlagen hatte.

Die Verbindung zum Nahen Osten ist nur allzu deutlich. Deren Kaschierung ist bestenfalls als oberflächlich zu bezeichnen. Es ist eine Verbindung, die gesehen werden will.

Es war die letzte Anmerkung, die Lewis gemacht hatte. Laura versuchte zu verarbeiten, was das bedeutete, erkannte dann aber, dass sie seine Daten noch genauer in Augenschein nehmen musste. Sie rief das Drucker-Fenster auf und schickte die Datei an ihren Bürodrucker.

Ein schrilles Piepen zeigte einen Fehler an. Laura sah auf den Bildschirm und las eine Meldung, die sie erstarren ließ.

DIE DATEI EXISTIERT NICHT.

Ihre Atmung wurde flach, und Laura schloss das Fenster. Sie gab noch einmal den Befehl für eine Verzeichnisauflistung ein und rief dann den gespiegelten Inhalt von Lewis’ Festplatte auf.

Das Verzeichnis war leer. Alle Dateien waren gelöscht.

Der verborgene Schlüssel
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