Kapitel 65
Die Höhle
Der schmale Streifen Licht, der, wie Michael entdeckt hatte, in die innere Kammer der Höhle drang, war vor der Explosion nicht da gewesen. Die Zerstörungskraft der Granate hatte nicht ausgereicht, den Hohlraum zum Einsturz zu bringen, war aber so stark gewesen, dass dessen vordere Wand Risse bekommen und zu bröckeln begonnen hatte. Das Licht, das durch den Fels hereinfiel, machte deutlich, wie groß die zweite Kammer tatsächlich war: Ihre hintere Wand befand sich in Wirklichkeit genau gegenüber der äußeren Felswand. Diese hatte durch die Schockwellen von Bells Granate starke Risse erhalten, sodass das Licht zum ersten Mal seit Tausenden von Jahren – seit der Entstehung der Höhle – von außen in die innere Kammer scheinen konnte.
Chris trat näher und fuhr mit seinen Händen den schmalen Lichtstrahl entlang. Er stöhnte vor Schmerz bei jeder Bewegung, dachte jedoch nicht daran, einfach reglos in der Ecke hocken zu bleiben.
»Der Spalt ist extrem schmal«, bemerkte er. »Da würde kein Blatt Papier durchpassen. Und es gibt keinerlei Anzeichen, dass es mehr als ein bloßer Riss ist.« Das Licht, das schwach durch das Gestein drang, brachte die Wüste draußen quälend nahe, aber dies bedeutete immer noch nicht, dass sie einen Weg nach draußen gefunden hatten.
»Wenn hier ein Riss ist«, erklärte Michael, »bedeutet dies, dass es auch anderswo Schwachstellen geben könnte.«
Emily starrte auf den winzigen Lichtschimmer. Sie war bislang nicht von klaustrophobischen Empfindungen heimgesucht worden: nicht, als sie sich in der Dunkelheit der Höhle aufhielten, nicht, als die Granate hochging und sie den Eingang blockiert fanden. Aber als sie nun ein wenig von der Helligkeit draußen erblickte, ohne ins Licht der Sonne treten zu können, begann das niederschmetternde Gefühl, in der Falle zu sitzen, in unkontrollierter Weise von ihr Besitz zu ergreifen. Sie hatte plötzlich schreckliche Angst, dass dies das letzte Tageslicht sein könnte, das sie in ihrem Leben zu Gesicht bekam.
Chris zog das Messer aus der Scheide und fing an, mit dem stumpfen Ende die äußere Höhlenwand abzuklopfen. Er horchte auf etwaige Unterschiede bei den Geräuschen, die zurückhallten. Als er neben dem schmalen Riss, der sich neu gebildet hatte, gegen die Wand pochte, war der Ton fest und tief. Als er sich von dieser Stelle weiter fortbewegte, klangen die Geräusche immer tiefer und weniger hohl, und etwa einen Meter entfernt war kaum mehr als ein dumpfer Bums zu hören.
Er wiederholte dies an der ganzen Wand. Dabei arbeitete er sich jeweils zu beiden Seiten des Risses nach außen vor. Jeder Schritt schmerzte, und er vermied es, die verletzte Schulter zu bewegen. Als er fertig war, wandte er sich zu Michael um.
»Nichts. Der Fels ist stabil. Die einzige Schwachstelle ist an dem Riss, aber selbst da ist das Gestein wohl gut zwanzig bis dreißig Zentimeter dick. Und es ist nicht brüchig.«
Michael wartete darauf, dass Chris noch weiter ins Detail ging und eine Lösung präsentierte.
»Tut mir leid«, sagte Chris schließlich, als er bemerkte, dass sein Freund weitere Ausführungen von ihm erhoffte. »Da wir selbst keine Granate haben, um uns den Weg freizusprengen, weiß ich nicht, wie dieser Riss zu einem Ausgang werden soll.«
Das Gefühl der Enge in Emilys Brust wurde noch stärker. Sie befahl sich, ruhig zu bleiben, aber die Erklärung von Chris ließ ihre Atmung kürzer und schneller werden.
Michael starrte einfach nur auf den schmalen Streifen Licht, der durch die Wand drang. Da sein Freund verletzt war und seine Frau kurz vor einer Panikattacke stand, spürte er nun die Last der Verantwortung auf sich ruhen, sie alle lebend aus der Höhle zu bringen.
»Wir werden hier drin nicht sterben«, verkündete er unvermittelt. Er drehte sich auf den Fersen zu Chris um. »Der kleine Spaten, den du im Wagen eingepackt hast – ist er immer noch bei dir?«