Kapitel 90
Innenstadt von Chicago
Die Sonne begann gerade über der Skyline aufzugehen und warf ihr Licht auf die städtische Landschaft aus Beton und Glas im Zentrum von Chicago, als die Vierergruppe sich ihrem Zielort näherte. Der Tribune Tower stand am Anfang der Route, die am nächsten Tag die Parade nehmen würde, weshalb seine Lage ideal war. Die größte Menschenmenge fand sich stets am Beginn der Strecke ein.
Der Lieferanteneingang an der North Saint Clair sollte ihr Einstiegspunkt sein. Mehrere Kurzmitteilungen von dem Bruder, der bei der Nachtschicht der Hausmeister arbeitete, hatten bestätigt, dass die Vorbereitungen im Inneren des Towers abgeschlossen waren.
Ammon und sein Team versuchten, so unauffällig wie möglich zu wirken, als sie auf die Tür zugingen. Die beiden Araber hielten unablässig Ausschau nach Polizisten oder neugierigen Augen von Passanten, die sich durch ihr Betreten des Gebäudes gestört fühlen könnten. Wie erwartet, ließ sich die Stahltür problemlos aufziehen. Exakt zehn Minuten nachdem Ammon eine SMS mit der Bestätigung, dass sie drin waren, abgeschickt hatte, würde der Hausmeister dafür sorgen, dass die Tür wieder abgeschlossen war.
In einer geschmeidigen, fließenden Bewegung gelangte das Team in das Innere des Towers.
Als die Tür geschlossen und die SMS versandt war, zog Ammon eine handgezeichnete Karte aus der Tasche. Der Plan des Erdgeschosses war von dem Hausmeister erstellt worden, die Flure, in denen er die Überwachungskameras ausgeschaltet hatte, waren mit Rotstift markiert.
»Solange ihr euch von der Tür bis zum Lagerraum an diese Route haltet, werdet ihr außer Sicht sein«, hatte er Ammon und seinem Team am Tag zuvor versichert. »Weicht einfach nicht von diesem Weg ab. Die Kameras überall sonst werden laufen und penibel kontrolliert. Wenn euch eine einfängt, wird noch vor dem Frühstück die Security das ganze Gebäude durchsuchen.«
Ammon drehte das Blatt in seiner Hand, dann blickte er den Flur hinunter, um sich zu orientieren. Eine Sekunde später gab er das Zeichen zum Gehen, und sie setzten sich in Bewegung.
Das Gerät blieb auf seinem Rücken verstaut.
Nach zehn Metern winkte er die Gruppe nach links, ihr Weg führte sie nun durch einen Verbindungsgang. Als dieser nach einer Weile endete, folgten sie der Karte nach rechts und bogen dann erneut nach links ab. Obwohl ihnen niemand begegnete, hatten sie ihre Waffen im Anschlag. Jeder Richtungswechsel wurde mit militärischer Präzision ausgeführt.
Endlich gelangten sie an ihr Ziel: eine Tür, gekennzeichnet mit »SC-118«. Dahinter war der Lagerraum 118. Die Bezeichnung »Lagerraum« war missverständlich. Unmittelbar neben einem Café gelegen, das auf die stets geschäftigen Gehsteige der North Michigan Avenue hinausging, war der Raum, den sie angesteuert hatten, eigentlich ein Ladengeschäft. Erst vor Kurzem hatte man ihn provisorisch in ein Lager umgewandelt, und dies würde er so lange sein, wie die Gebäudemanager auf einen neuen Mieter warten mussten, der bereit wäre, die hohe Pacht für eine Immobilie direkt am Anfang der Magnificent Mile hinzublättern. Nicht nur lag der Raum im Erdgeschoss und direkt an der Straße, die Wand an seiner Stirnseite war obendrein auch nicht echt. Sie bestand in Wahrheit aus Glas, das man übertüncht hatte, um den Raum vor der Verpachtung zu verdunkeln.
Erdgeschoss, direkt neben der Parade, Schaufenster. Für ihre Zwecke ideal.
Die Tür hier war ebenfalls nicht abgesperrt. Nur Sekunden nachdem sie sich vor dem provisorischen Lager eingefunden hatten, waren Ammon und sein Team auch schon drin.
»Nehmt eure Wachtposten ein«, befahl Priscilla und nickte ihren beiden Kollegen zu. Sie setzte ihren Rucksack ab und begann die schweren Waffen auszupacken, die sie mitgebracht hatte: mehrere kleine Handfeuerwaffen sowie vier vollautomatische Heckler & Koch MP5.
Während die anderen ihrer Arbeit nachgingen, schritt Ammon zu der getünchten Glasscheibe an der Straße. Er zog eine Lagerkiste hervor, die ihm als Ablage dienen sollte, dann hob er sanft und vorsichtig die Last von seinem Rücken. Behutsam holte er das Gerät aus seiner Verpackung, nahm Schicht um Schicht die Polsterlagen ab, die für einen sicheren Transport garantiert hatten. Das Gerät hatte etwas Ehrfurchtgebietendes und Majestätisches an sich. Seine zwei zentralen Sprengkammern waren von einem feinen Drahtnetz umgeben, das alte Metallstücke enthielt – eine Ansammlung von Splittern, die in ihren unterschiedlichen Formen ganz unverfänglich und harmlos aussahen. Doch mit einer Druckwelle dahinter würden die Metallteile sich in tödliche Geschosse verwandeln und eine grauenerregende Zerstörungskraft entwickeln.
Ammon gab eine Zahlenfolge, die er gewissenhaft auswendig gelernt hatte, in die Tastatur ein und bestätigte damit zwei Mal den Befehlscode. Beim letzten Tastendruck schaltete sich der Countdown des Zeitzünders ein.
Morgen früh, 4. Juli, 10.00 Uhr. Nun mussten sie nur noch warten.