Kapitel 61

Die Höhle

Der steinerne Schlüssel ist genau das da. Und jetzt geben Sie ihn mir.

Der Fremde, der urplötzlich in der Höhle aufgetaucht war und diese Sätze geäußert hatte, sprach mit ruhiger Entschiedenheit. Seine Worte waren die eines Mannes, der das Gefühl hatte, seine Rede spreche für sich selbst, ohne dass er das noch extra betonen müsste. Er hielt seine Waffe auf die Gruppe gerichtet. Da Emily Wess diejenige war, die den steinernen Schlüssel in den Händen hatte, zielte er nun mit dem Lauf auf sie.

Chris’ militärische Ausbildung ließ ihn intuitiv handeln, und er schwenkte so herum, dass er sich dem unerwarteten Besucher direkt gegenüberhockte.

»Wer zum Teufel sind Sie?«

»Eine Frage mit einer Antwort, auf die es nicht ankommt«, entgegnete der Mann herablassend. »Sie müssen lediglich wissen, dass der steinerne Schlüssel mir gehört, und ich beabsichtige nicht, ohne ihn wieder zu gehen.«

»Ihnen gehört?« Emily konnte den Ausruf nicht zurückhalten. »Das ist ein Stück Geschichte. Er gehört niemandem.«

Die Gesichtszüge des Fremden zeigten seine Verärgerung. »Ihr Gelehrten seid doch alle gleich. Alles ist so abstrakt, so allgemein.« Die Abscheu, die er empfand, drohte ihn zu überwältigen. »Reiten wir nicht weiter darauf herum. Händigen Sie ihn mir aus. Der steinerne Schlüssel wurde nicht dafür geschaffen, ewig in dieser Höhle zu liegen, und schon gar nicht in einer Universitätsbibliothek oder einem Museum – genauso wenig wie unsere heiligsten Texte. Er hat einen Zweck.«

Die Worte des Mannes, so wenige es auch waren, verblüfften Michael.

»Einen Moment … ich kenne Sie.« Er beugte sich auf einem Knie vor, nach wie vor kauerte er wie die anderen am Boden. »Diese Art und Weise, sich auszudrücken, dieses große Interesse. Ich erkenne sie aus Ihren Briefen ans Museum wieder. Sie sind Arthur Bell, der Mann, der um Zugang zu unseren Manuskripten nachgesucht hat.«

Der Mann zuckte kaum merklich bei der Nennung seines weltlichen Namens. »Ich habe Ihnen schon gesagt, meine Identität ist unwichtig. Geben Sie mir einfach den Stein.«

Doch Michael war sich jetzt sicher. »Sie behaupteten, Sie wollten diese Manuskripte auch für einen ›heiligen Zweck‹.«

Emilys Muskeln strafften sich. Die Person vor ihr war Arthur Bell: der Mann, der die Leute geschickt hatte, von denen Andrew umgebracht worden war. Sie hatten vielleicht den Abzug durchgedrückt, aber dieser Mann hier hatte sie auf diesen Kurs gebracht. Die Verbindung zwischen den Ereignissen in Emilys Heim und denen in Michaels Büro war nun klar, und der Mann, den sie unbedingt stoppen wollte, stand jetzt nur ein kleines Stück von ihr entfernt.

»Arthur Bell …«, flüsterte sie.

»Alte Namen sind für alte Männer«, sagte Bell schließlich, »nicht für Männer des Geistes.« Er schaute verärgert drein, weil man ihn bei seinem Namen genannt hatte, als wäre dieser ein Überbleibsel einer Identität, die er schon vor langer Zeit abgelegt hatte.

»Geben Sie mir den Stein, Frau.« Er blickte erst Emily an, dann den Gegenstand in ihren Händen. »Sie wissen nur zu gut, wie weit ich bereit bin zu gehen – für die Befreiung, die unsere heiligsten Dokumente bringen werden.« Er holte tief Luft, seine Augen saugten förmlich die Lichtstrahlen auf, die über die Oberfläche des Steins tanzten. Als sie wieder auf Emily blickten, waren sie kalt.

Emily starrte ihn an, verängstigt, aber ohne jede Regung. Sie konnte ihm den Stein nicht geben, sie musste ihn aufhalten …

»Den Stein, verflucht!«, schrie Bell. Er streckte erwartungsvoll eine Hand aus.

Emily drückte den Stein noch fester an sich. Sie saßen in der Klemme, und sie konnte nur wenig tun. Doch alles in ihr schrie danach, sich zu widersetzen. Schrie, dass dieser Mann nicht gewinnen durfte. Nicht schon wieder.

Während des Wortwechsels zwischen Emily, Michael und dem Fremden hatte Chris geschwiegen. Aber Schweigen bedeutete für einen FBI-Mann alles andere als Stillhalten. Es war ein taktisches Werkzeug, das es zum eigenen Vorteil auszuspielen galt.

Er kam nicht an sein Messer, ohne dass es auffiel: Die Scheide befand sich an der Hüfte, die Bell am nächsten war, und dieser würde bestimmt mitbekommen, wenn Chris’ Hand dorthin gleiten würde. Aber er hatte noch eine andere Möglichkeit. Er hatte bei ihrem Zwischenstopp in Ma’adi eine kompakte Leuchtpistole gekauft, die nun für den Notfall im Rucksack steckte. Und dieser Rucksack lag auf der anderen Seite von Chris, dem direkten Blick des Mannes entzogen. Während Arthur Bell mit Emily und Michael sprach und dabei kaum den Blick von dem steinernen Schlüssel in Emilys Händen abwandte, nutzte Chris seine Position am Rand des Gesichtsfelds des Mannes und schob seine linke Hand langsam und geräuschlos zu dem offenen Rucksack neben ihm. Ohne jeden Laut wühlten sich seine Finger durch den locker gepackten Inhalt, bis sie schließlich die Leuchtpistole ergriffen. Mit ihr würde er den Fremden nicht töten können, aber sie wäre mehr als ausreichend, um seine Selbstherrlichkeit aus ihm herauszupusten, ihn von den Füßen zu holen und ihn im dunklen Inneren der Höhle vorübergehend zu blenden. Den Rest würde Chris selbst erledigen.

Langsam, nicht wahrnehmbar für seinen Gegner, begann er seine Hand aus dem Rucksack zu ziehen; die Finger lagen bereits am Griff und am Abzug. Er durfte dabei nur nicht gesehen werden – nicht bis zu dem Moment, wenn er mit der Leuchtpistole auf das Gesicht Bells zielen und feuern würde.

»Geben Sie mir den steinernen Schlüssel«, wiederholte Bell. »Oder muss ich Ihnen noch deutlicher machen, wie prekär Ihre Lage ist?« Seine Augen blickten fest in Emilys, und er schien zu erkennen, wie stark ihre Trotzhaltung war. Dagegen konnte er etwas tun. Bell schwang seine rechte Hand einige Grad von ihr weg, bis der Lauf seiner Helwan auf einen Punkt zwischen Michaels Augen zielte.

»Der Stein, oder Ihren Ehemann ereilt dasselbe Schicksal wie Ihren Cousin.« Seine Miene zeigte Entschlossenheit. »Ich bin von Natur aus nicht gewalttätig, aber glauben Sie nicht, ich würde davon absehen, Ihrem Mann eine Kugel zwischen die Augen zu jagen, falls dies die einzige Option ist, die Sie mir lassen.«

Michael wurde steif, und endlich geriet Emilys Entschlossenheit ins Wanken.

»Nein – tun Sie’s nicht! Ich gebe Ihnen den steinernen Schlüssel.«

Bell lächelte angesichts der vorhersehbaren Schwäche der Frau.

Bei Emilys Worten zog Chris seine Hand die letzten Zentimeter bis zur Öffnung des Rucksacks hoch. Auf seinen Fingerknöcheln lag eine der kleinen Wasserflaschen, die er nach dem Fußmarsch eingepackt hatte, und als er versuchte, die Leuchtpistole darunter hervorzuziehen, drückte er die Flasche plötzlich hoch, und sie fiel auf den Boden.

Das Geräusch von Kunststoff, der auf Stein und Sand plumpst, erfüllte die Höhle.

Bell, der mit einem Mal die Bewegung von Chris wahrnahm und sich erinnerte, dass der Mann ein Ex-Navy und FBI-Agent war, fuhr herum. Instinktiv drückte er auf den Abzug seiner Pistole und feuerte einen Schuss in die Richtung des Geräuschs.

Die 9-mm-Kugel traf Chris mit einer Geschwindigkeit von dreihundertfünfunddreißig Metern pro Sekunde und schleuderte den durchtrainierten Mann nach hinten gegen die Felswand. Sein Kopf schlug mit großer Kraft gegen den Stein, und als das Blut aus der Schusswunde zu rinnen begann, die Chris erlitten hatte, lockerte sich sein Griff um die Leuchtpistole. Seine Taschenlampe hatte er bereits beim Einschlag des Schusses fallen gelassen, und noch bevor sein Kopf vollständig vom Felsgestein abprallte, war sein Körper schlaff geworden. Mit einem dumpfen Aufschlag, der seiner großen Körpermasse entsprach, brach Chris Taylor auf dem Boden zusammen.

Arthur Bell fuhr wieder zu Emily herum. Er war mit seiner Geduld jetzt am Ende. »Was sagten Sie gerade?« Er streckte erneut die Hand aus.

Dieses Mal zögerte Emily nicht. Sie beugte sich vor und legte den steinernen Schlüssel Bell in die offene Hand.

Bell blickte hinab auf das Objekt, die Augen vor Staunen weit aufgerissen. Er gönnte sich jedoch nur einen Moment, um das Objekt zu betrachten, bevor er seinen wertvollen Besitz in die Tasche steckte und den Blick wieder auf Emily und Michael richtete.

»Danke, dass Sie so … kooperativ sind. Ich wünschte, ich könnte Sie in Frieden lassen, aber zumindest kann ich Ihnen versichern, dass Sie nicht lange leiden werden. Ich wünsche Ihren Seelen eine gute Befreiung.«

Damit drehte Arthur Bell sich einfach um und verschwand in der Dunkelheit.

Der Schreck über die Begegnung und deren abruptes Ende ließ Michael und Emily in reglosem Schweigen erstarren. Als sich Arthur Bell durch die vordere Kammer der Höhle zurückzog, schienen seine Schritte durch den Raum zu hallen.

Erst ein plötzliches Husten, gefolgt von einem anhaltenden langsamen, pfeifenden Keuchen beendete ihre Lähmung.

»Chris«, wisperte Michael. Er und Emily stürzten zu Chris, der sich am Ende der Höhle befand, um ihrem Freund zu Hilfe zu kommen.

Chris lag da, wo er zusammengebrochen war, und rührte sich nicht, mit Ausnahme eines leisen Hebens und Senkens seines Brustkorbs, das in dem schwachen Licht gerade noch erkennbar war. Es war fast so leicht, dass es wie eine Sinnestäuschung wirkte; und die beiden beugten sich über ihn und horchten angestrengt nach Atemgeräuschen – selbst die leisesten würden die ersehnte Bestätigung dafür sein, dass Chris noch bei ihnen war.

Stattdessen wurde ihr aufmerksames Lauschen mit einem anderen Geräusch belohnt.

Ein Scheppern, wie von Metall auf Stein, schrillte durch die Stille: ein fremdartiger Ton in der Lautlosigkeit dieser Höhle. Michaels Kopf schoss hoch, der von Emily den Bruchteil einer Sekunde später – gerade noch rechtzeitig, um zu hören, dass sich das Geräusch wiederholte. Diesmal allerdings war es noch etwas lauter und näher. Dann wieder und wieder, und jedes »Klank« kam schneller und schneller als das vorherige, wie ein Gegenstand, der über den Felsboden hüpfte und allmählich klappernd zum Halten kam.

»Ist etwas heruntergefallen?«, fragte Emily und horchte angestrengt. Die Geräusche fingen an, sich zu überschneiden; dann hörten sie fast genauso abrupt auf, wie sie aufgetreten waren.

Plötzlich fuhr Michael der kalte Schreck in die Magengrube.

»Himmel, nein, das glaub’ ich nicht.«

»Was war das denn?«, wollte Emily wissen, die Angst stand ihr ins Gesicht geschrieben.

Mit einem Mal streckte sich von unten eine Hand zu ihnen hoch. Ob es das Geräusch oder nur das Timing des Schicksals war, Chris war wieder zu Bewusstsein gelangt. Er griff nach Michaels Brust und krallte sich an dessen Hemd fest. Seine Augen waren glasig, aber er hatte sie eindringlich auf Michael gerichtet.

»Auf … den … Boden!«, stieß er pfeifend hervor.

Der Befehl seines Freundes war genau die Bestätigung, die Michael brauchte. Ohne noch einmal nachzudenken, streckte er beide Hände nach Emily aus und packte sie kraftvoll an den Schultern. Er hatte keine Zeit, es ihr zu erklären; er schleuderte sie nach hinten auf den Boden und warf sich mit seinem Körper auf sie, er legte ihr den Arm auf den Kopf und presste seine Wange auf ihr Gesicht.

Einen Augenblick später kam der Donnerschlag. Mit wesentlich mehr Explosionskraft, als der weiche Sandstein aushielt, erwachte die kleine Handgranate, die Arthur Bell aus der Tasche gezogen und in die Höhle geworfen hatte, zum Leben und brachte die Wände der Kammer zum Einsturz.

Der verborgene Schlüssel
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