Kapitel 9

Chicago, Illinois

Der Mann, den manche unter dem Namen Walter kannten, zog ein neues Handy aus seiner Tasche und wählte aus dem Gedächtnis eine lange Reihe von Nummern. Nach nur wenigen Augenblicken war die Verbindung hergestellt. Noch ehe das erste Klingeln beendet war, meldete sich bereits jemand.

»Ich höre.« Es wurden keine Begrüßungsworte ausgetauscht. Es würden keine Namen fallen. Der Plan war viele Male besprochen und einstudiert worden.

»Es ist Zeit.«

Von Walters Platz aus – er saß im Restaurant Palm Court des Drake Hotel – war Chicagos Magnificent Mile in einer pittoresken Aussicht durch große getönte Fensterscheiben zu sehen. Selbst als er den Anruf tätigte, der die Endphase ihres Plans in Gang setzen würde, wusste er, dass die Prachtmeile die perfekte Bühne darstellte. Das sechsspurige Mekka der zügellosen Konsumgesellschaft war gesäumt von endlosen Ladenzeilen, die in ihren Graden des Glamourösen von Ralph Lauren, Tiffany & Co. sowie Luis Vuitton bis hin zum Disney Store und zu Purple Pig reichten. Sogar am frühen Morgen war die Straße belebt, und einkaufshungrige Touristen drängelten aufgeregt von einer Glastür zur nächsten. Fasziniert von dieser Umgebung, waren sie bereit, das Doppelte des eigentlichen Werts für Dinge hinzublättern, von denen sie nur hier glaubten, sie könnten keine Sekunde ihres Lebens mehr ohne sie auskommen.

Walter betrachtete die Szene mit unverhüllter Abscheu. Alles daran widerte ihn an: angefangen von den verfetteten, materialistischen Shoppern, die da unten wie Insekten herumwuselten und sich vom Dunghaufen des dekadenten Materialismus ernährten, bis hin zu den Gebäuden selbst, die wie blendende, glänzende Denkmäler der Maßlosigkeit und des Irrglaubens dastanden. Sogar die sogenannten »religiösen« Bauwerke der Mile waren dem verschnörkelten Götzendienst der Zeit anheimgefallen. Der Komplex des Erzbischofs von Chicago ging bruchlos über in Saks Fifth Avenue, was doch erheblichen Zweifel aufkommen ließ, ob zwischen den Weltbildern, die sich in diesen Bauten veranschaulichten, überhaupt ein Unterschied bestand.

Wenn etwas als Beweis dafür diente, dass die vom Großen Anführer entwickelte Interpretation des »Endes« der Wahrheit entsprach – dann das. Die Welt war verloren, tot, am Ende. Alles Gute war schon vor langer Zeit verschwunden, und zurückgeblieben war nur … nur das da. Walter hatte einen sauren Geschmack im Mund.

Das Schweigen in der Telefonleitung wurde unüberhörbar, und er wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Gespräch zu.

»Veröffentliche das Video.«

Eine winzig kleine Pause, dann die knappe, erwartete Antwort. »Sieh es als erledigt an.«

Walter sagte nichts weiter, und einen Moment später war die Leitung tot. Das kleine Skript war buchstabengetreu befolgt worden, und die Männer am anderen Ende der Leitung würden genau wissen, was zu tun war. Das Video, das sie eine Woche zuvor vorbereitet hatten, würde herausgegeben und damit der öffentlich sichtbare Teil des Plans in Gang gesetzt. Die Wahrheit würde ab dann in der Dunkelheit gesprochen werden. Und die Erwählten würden endlich befreit.

Genau wie es seit fast zweitausend Jahren geplant war.

Walter nahm einen Schluck aus seinem Wasserglas und einen Bissen von der trockenen Brotscheibe, die er bei einem sichtlich unbeeindruckten Kellner einige Augenblicke zuvor bestellt hatte, dann drehte er das kleine Telefon in seiner Hand um. Er richtete seinen Blick von der Straße auf die Gebäude, die sich in südlicher Richtung an der Avenue entlangzogen. Seine Augen ruhten auf der Stelle, die vor langer Zeit ausgesucht worden war. Der Standort war ideal: gut erreichbar, an der geplanten Route und das zentrale Bauwerk eines begrünten Platzes, wo die Mile am breitesten war und die größtmögliche Massierung von Menschen garantiert wäre. Der Turm war perfekt. Mit knapp fünfzig Metern war er groß genug, dass er weithin sichtbar war, aber auch nicht so hoch, dass der Eindruck oder Effekt dadurch gemindert würde.

Selbst seine Architektur passte. Auf einer Straße, die mit allem Modernen glänzte, wirkte das Bauwerk alt. Fast schon antik, genau wie ihre Sache.

Walter sah keine Notwendigkeit, länger herumzutrödeln. Er legte das Handy auf den Tisch und wischte seine Fingerabdrücke ab. Wenn er ging, würde er es liegen lassen: ein Werkzeug, das seinen Zweck erfüllt hatte und nun nicht mehr gebraucht wurde. Als er noch mal aus dem Fenster schaute, änderte sich die Szenerie vor seinen Augen für einen kurzen Moment. Er sah eine riesige, feurige Wolke; er sah Glas, das die Sonnenstrahlen brach, während es wie Regen niederging; er sah Mauersteine, die sich aus ihrem Verbund lösten und in Dunst verwandelten. Er sah Asche und Staub und eine Explosion, die stärker war als jede natürliche Sturmböe. Er sah die Zukunft, und das erfüllte ihn mit Begeisterung und Genugtuung.

Als er blinzelte, verschwand die Vision. Vor ihm war wieder der Glitter der Gegenwart, doch die Genugtuung blieb.

Der verborgene Schlüssel
titlepage.xhtml
part0000.html
part0001.html
part0002.html
part0003.html
part0004.html
part0005.html
part0006.html
part0007.html
part0008.html
part0009.html
part0010.html
part0011.html
part0012.html
part0013.html
part0014.html
part0015.html
part0016.html
part0017.html
part0018.html
part0019.html
part0020.html
part0021.html
part0022.html
part0023.html
part0024.html
part0025.html
part0026.html
part0027.html
part0028.html
part0029.html
part0030.html
part0031.html
part0032.html
part0033.html
part0034.html
part0035.html
part0036.html
part0037.html
part0038.html
part0039.html
part0040.html
part0041.html
part0042.html
part0043.html
part0044.html
part0045.html
part0046.html
part0047.html
part0048.html
part0049.html
part0050.html
part0051.html
part0052.html
part0053.html
part0054.html
part0055.html
part0056.html
part0057.html
part0058.html
part0059.html
part0060.html
part0061.html
part0062.html
part0063.html
part0064.html
part0065.html
part0066.html
part0067.html
part0068.html
part0069.html
part0070.html
part0071.html
part0072.html
part0073.html
part0074.html
part0075.html
part0076.html
part0077.html
part0078.html
part0079.html
part0080.html
part0081.html
part0082.html
part0083.html
part0084.html
part0085.html
part0086.html
part0087.html
part0088.html
part0089.html
part0090.html
part0091.html
part0092.html
part0093.html
part0094.html
part0095.html
part0096.html
part0097.html
part0098.html
part0099.html
part0100.html
part0101.html
part0102.html
part0103.html
part0104.html
part0105.html
part0106.html
part0107.html
part0108.html
part0109.html
part0110.html
part0111.html
part0112.html
part0113.html
part0114.html
part0115.html
part0116.html
part0117.html
part0118.html
part0119.html
part0120.html
part0121.html
part0122.html
part0123.html
part0124.html
part0125.html
part0126.html
part0127.html
part0128.html
part0129.html
part0130.html
part0131.html
part0132.html
part0133.html
part0134.html
part0135.html
part0136.html
part0137.html
part0138.html
part0139.html