Kapitel 36
Witley Tea Rooms, Slough
Mustafa Aqmal war ein hochgewachsener schlaksiger Mann mit dunkler, fettig glänzender Haut, die zu seinen dunklen, öligen Haaren passte. Seine Nase war im Verhältnis zum Rest seines Gesichts riesig und wie ein Schnabel gebogen, und sowohl ihre Größe wie auch ihre Form wurden von den eingesunkenen Wangen und den scheinbar nicht vorhandenen Ohren noch betont. Seine schwarzen Haare waren stets adrett gekämmt, und das natürliche Hautfett auf seinem Schädel gab ihnen einen Schimmer, dass man fast glauben mochte, sie wären poliert worden. Er trug einen olivgrünen Anzug mit Krawatte, und sein knochiger Körperbau war durch den Stoff hindurch erkennbar.
In seinem allgemeinen Benehmen erschien er den meisten Leuten aus der westlichen Welt wie ein ziemlich standardisiertes Exemplar von einem Araber mit westlichem Gebaren: Er sah so aus, wie man sich eben generell solche Leute vorstellte – wie jemand mit typisch westlicher Garderobe, der jedoch nicht so richtig in seine Kleidung oder Umgebung passte. Dieses Aussehen kultivierte er sorgfältig, denn die Erfüllung eines Stereotyps half ihm, unsichtbar zu bleiben, was fast immer Aqmals Ziel war. Nur wer genau hinguckte, begann zu spüren, dass hinter dem Bild noch mehr steckte. Seine schlanken Finger tanzten mit einer gewissen wohlüberlegten Anmut, seine schlaksigen Gliedmaßen bewegten sich äußerst präzise. Er schien nie irgendjemanden oder irgendetwas direkt anzuschauen, doch die Sicherheit seiner Gesten verriet, dass es sich um einen Mann handelte, der zu jedem Zeitpunkt mit jeder Einzelheit seiner Umgebung vertraut war. In den seltenen Momenten, in denen Marcianus ihm direkt ins Gesicht blickte, wirkten Mustafa Aqmals Augen leer – jedoch nicht im üblichen Sinne dieses Wortes. Die Leere seiner Augen war wie ein Vakuum, das gewaltsam alles außen herum seines Lichts beraubte.
Marcianus hatte diese Augen seit jeher gehasst. Seit er und Aqmal sich vor drei Jahren das erste Mal begegnet waren, hatten dessen Augen ihm jedes Mal merkliches Unbehagen bereitet – ein Gefühl, an das Marcianus aufgrund seiner eigenen Machtposition nicht gewöhnt war. Und was noch schlimmer war: Aqmal schien zu wissen, dass er diese Wirkung bei Marcianus hatte.
Marcianus schritt nun auf ihn zu. Der Ecktisch bei Witley Tea Rooms an der Bath Road in Slough war abgeschieden, und in der Teestube selbst war es überwiegend ruhig – wenn auch nicht so leer, dass ihr Treffen dem Personal oder anderen Stammgästen im Gedächtnis bleiben würde. Marcianus sah, wie seltsam der spindeldürre Aqmal auf dem Stuhl in der Nische saß und an seinem Wasserglas nippte. Er ging zu ihm hin und setzte sich ihm gegenüber.
»Assalamu alaikum«, sagte er, als er sich niedergelassen hatte. Sein Arabisch war holprig, seine Begrüßung jedoch recht passabel. Da konnte der andere Mann sagen, was er wollte.
»Wa alaikum assalam«, antwortete Aqmal ruhig. Er wandte die Augen vom Fenster ab und Marcianus zu, und die Blicke der beiden Männer trafen sich.
Marcianus wand sich in seiner Haut. Aqmals Gesichtszüge schienen ein winziges bisschen Selbstbeweihräucherung auszustrahlen.
»Ich hatte nicht erwartet, dass wir uns noch mal sehen würden«, sagte er, ohne den Blick von Marcianus abzuwenden. »Dein Anruf war eine … Überraschung.« Ein Schluck aus dem Wasserglas. Eine lange Pause.
»Ich genauso wenig«, erwiderte Marcianus. »Alles, was ich am Telefon erwähnte, ist neu, seit wir das letzte Mal richtig miteinander gesprochen haben. Zu meinem Glück bist du zufällig im Lande.«
Marcianus bemühte sich nach Kräften, den Ausdruck »Glück« freundlich auszusprechen. Er verabscheute das Gerede vom Glück, und jede Faser seines Willens drängte ihn zu sagen, was er wirklich meinte: Dein Aufenthalt in diesem Land ist eine Bestätigung meines göttlichen Plans. Doch er wusste, nur mit angenehmeren, eingängigeren Worten würde es ihm schrittweise gelingen, hier wie gewohnt alles unter Kontrolle zu haben.
Mustafa Aqmal nickte langsam und ergeben, sein Gesicht zeigte keinerlei Emotionen.
»Ich hoffe, das bedeutet nicht, dass meine bisherige Arbeit für dich umsonst gewesen ist.« Während Aqmal sprach, verschränkte er seine langen, dünnen Finger ineinander – direkt vor Marcianus. Sein Blick war dabei leicht nach unten gerichtet, als würde er zur Tischplatte sprechen. Er führte die Unterhaltung mit Marcianus fort, als rede er mit einem Phantom – als ob der Mann, der nur wenige Zentimeter von ihm entfernt war, dort gar nicht säße. Es war eine nervenzermürbende Taktik, und Marcianus erkannte darin die subtilen Schachzüge eines Mannes, der in seinen Kreisen genauso einflussreich und hochverehrt war wie er selbst.
»Wir haben uns mit deinem Projekt verbündet«, fuhr Aqmal fort, »weil du uns versprochen hast, einen Schlag gegen das Ungeheuer zu führen. Einen Angriff gegen die westlichen Ungläubigen. Es wäre höchst bedauerlich, wenn dieses Versprechen nicht erfüllt würde.«
Marcianus antwortete wegwerfend: »Das ist nicht das Problem. Unser Schlag wird kommen, und er wird heftig sein. Aber wir müssen da dieses kleine … Missgeschick beseitigen, bevor wir weitermachen können.«
Er wählte seine Worte sorgfältig. Es war entscheidend, dass Aqmal an Bord blieb. Die Ziele des Arabers, die von der amerikanischen Regierung offen und mit Recht als terroristisch bezeichnet wurden, interessierten Marcianus nicht im Entferntesten. Der Mann war schlicht darauf aus, seine Wut abzureagieren: die Unterdrücker und Ungläubigen anzugreifen – sie für ihre Verfehlungen bluten und leiden zu lassen. »Ein geschwächter Feind fällt leichter«, hatte er gesagt, als sie sich das erste Mal trafen.
Marcianus hatte ihn mit an Bord geholt, da dieses Image mit all seinen Assoziationen erforderlich war. Davon abgesehen hatte Aqmal sich mehr als einmal als hilfreich erwiesen. Das könnte er jetzt wieder sein.
Das heißt, vorausgesetzt, die gesamte Übereinkunft lief nicht aus dem Ruder.
»Die Frau hat einen Teil von unseren Plänen mitbekommen«, sagte Marcianus. »Sie ist ein Risiko. Wir müssen dieses Risiko aus der Welt schaffen, damit wir weitermachen können.«
Aqmal nickte. »Wenn das alles ist, wird es nicht schwer sein.«
»Sie hat Reisepläne gemacht. Sie hat vor, in zwei Stunden nach Ägypten zu fliegen, und wir müssen sie aufhalten.«
Aqmal atmete lang und tief ein, während er überlegte. »Es wird wesentlich einfacher sein, das in Ägypten zu erledigen anstatt hier in Großbritannien. Wenn ihr Flug schon in zwei Stunden startet, wird sie inzwischen schon am Flughafen sein. Zu viel Security, um dort aktiv zu werden, außer du möchtest Aufmerksamkeit erregen.«
»Nein. Wir müssen so unsichtbar wie möglich bleiben.«
»Reist sie allein?«
»Wess wird von zwei Personen begleitet. Ihr Ehemann Michael Torrance ist für den Sitz neben ihr gebucht.« Marcianus legte eine Pause ein. Torrance hatte bereits einmal ein Hindernis dargestellt, eine Wand gegen ihre Interessen – wenn auch eine, deren Bedeutung durch die jüngsten Ereignisse in den Schatten gestellt wurde. Oder das hatte Marcianus wenigstens gedacht, bis er dahintergekommen war, dass Torrance mit Emily Wess verheiratet war.
»Der Sitz neben ihm wurde bei der gleichen Reservierung gebucht, und zwar auf den Namen Chris Taylor«, fügte Marcianus hinzu.
»Wer ist das?«
»Er ist FBI-Agent und an der amerikanischen Botschaft in London stationiert. Ein ehemaliger Navy-Offizier.«
Aqmal schürzte abfällig die Lippen und schaute nun direkt zu Marcianus hoch. »Das FBI? Ich dachte, du hättest die amerikanische Regierung aus der Sache rausgehalten.«
»Er ist ein Freund des Ehemanns«, antwortete Marcianus. »Seine Beteiligung macht es nur noch notwendiger, dem – und ihnen – ein Ende zu bereiten.« Er beugte sich über den Tisch, schob seinen Kopf so nah wie möglich an Aqmal heran und sprach in eindringlichem Flüsterton weiter. »Wirst du uns noch einmal deine Unterstützung anbieten? Ich gebe dir einen meiner Männer, auch mehrere, wenn du sie brauchst.«
»Ja, und nein.« Aqmal knurrte seine Antwort fast. »Ich werde helfen, wenn es auch meiner Sache dient. Doch das Ganze muss schnell erledigt werden – ich habe noch andere Verpflichtungen. Vierundzwanzig Stunden, nicht mehr.«
»Schön.«
»Aber« ich werde nicht mit einem deiner Männer reisen.«
»Du willst sie dir allein greifen?«
»Nein. Ich will nicht alleine gehen, aber ich möchte auch nicht von einem deiner … Lakaien begleitet werden. Du hast in letzter Minute den Führer meiner Organisation angefordert. Mich. Ich erwarte Hilfestellung durch den Anführer deiner Gruppe.« Er ließ den Blick, ohne auch nur einmal zu blinzeln, auf Marcianus’ Gesicht ruhen.
Marcianus sagte nichts. Er hatte gehofft, nicht weiter von seiner essentiell wichtigen Arbeit abgehalten zu werden. Doch wenn die einzige Möglichkeit, den Araber zur Zusammenarbeit mit ihnen zu bewegen, darin bestand, dass er höchstpersönlich ihn begleitete, dann hatte er kaum eine andere Wahl, als sich einverstanden zu erklären. Er nickte schweigend.
»Nächste Ausfahrt Ägypten«, sagte Aqmal und lächelte ihm finster zu. »Wir warten auf sie, wenn sie landen. Dann, im ersten geeigneten Moment, kümmern wir uns um dein kleines Missgeschick. Ein für alle Mal.«