Tom Tran
Das Ding, in dem ein düsteres und irgendwie säuerliches Licht pulsierte, war wie eine gewaltige mutante Knolle, die unterirdisch gewachsen war, in radioaktivem Erdreich, und viele schwammige Lappen aus heimtückischem Fleisch entwickelt hatte. Vielleicht hatte sie sich ursprünglich von Mineralstoffen im Boden ernährt, aber dann von Insekten und Würmern, deren DNA sie dann in ihre Struktur integriert hatte. Schließlich mochte sie diesen unterteilten wurmartigen Teil nach außen gestülpt haben, sich Beine und eklige Scheren und ein Paar Mandibeln aus Horn wachsen lassen, mit denen das Monster beißen, reißen und zerfleischen konnte. Vielleicht war es auch eine außerirdische Lebensform, die in einer Samenkapsel oder in einem Meteoriten auf die Erde gefallen war und von Anfang an ein Ichbewusstsein besessen hatte. Aber vielleicht war es sich seiner selbst auch erst allmählich bewusst geworden, während es unter der Oberfläche lebte wie eine Falltürspinne, die unachtsame Ratten, Kaninchen, Hunde und vielleicht sogar Kinder zu sich hinunterzog – insbesondere Kinder – und deren Grube ein Massengrab war, da sie sich an ihnen labte und aus ihrer DNA eine Serie von zunehmend raffinierteren Gehirnentwürfen gewann und sich schließlich, zu Gott weiß welchem Zweck, an die Oberfläche hochwühlte.
Es kreischte wieder mit dieser Stimme eines zornigen, eines gemarterten Kindes. Und es war ausgeschlossen, seine Absichten exakt in seinen drei leuchtenden silbernen Augen abzulesen, obgleich Tom in ihnen denselben Hunger sah, den er aus der klagenden Stimme heraushörte.
Die asymmetrische Anordnung der Bestie und ihr Mischmasch an Merkmalen, die anscheinend von vielen verschiedenen Arten stammten, deuteten darauf hin, dass sie bestenfalls eingeschränkt funktionsfähig, von Natur aus behäbig und in Aktion ungeschickt sein musste. Er spielte mit dem Gedanken, auf sie zuzustürmen, sich neben dem Pfad an ihr vorbeizudrängen und sich durch die verschlungenen Pflanzen einen Weg zum Tor im Osten zu bahnen. Er war wieder ein Junge und so flink wie ein Hochlandwind, denn die Furcht hatte ihn in die Hilflosigkeit der Kindheit zurückkehren lassen, als er seine geringe Körpergröße und seine Schwäche damit kompensiert hatte, dass er leichtfüßig, klug und unermüdlich war. Ehe Tom sich jedoch von der Stelle rühren konnte, wackelte das Ding schon weiter vorwärts, zischte und machte sich Luft, verkürzte seine Distanz von zehn Metern auf fünf, schneller als ein krabbelnder Krebs. Dort hielt es an und betrachtete ihn, als könnte er in seinen Augen ein ebenso seltsamer Anblick sein, wie es umgekehrt der Fall war.
Tom hörte nicht, wie hinter ihm der Riegel zurückgeschoben wurde, hörte nicht, wie die Tür sich öffnete. Er schrie alarmiert auf, als etwas seinen Arm packte, denn er war weniger geneigt zu glauben, er hätte auch nur die geringste Chance auf Rettung, als davon auszugehen, hinter seinem Rücken befände sich etwas, was nicht weniger ungeheuerlich und nicht weniger heimtückisch war als das Monster auf dem Fußweg. Das schnelle Mörserfeuer seines Herzens donnerte so laut in seinen Ohren, dass er Padmini Bahrati kaum sagen hörte: »Schnell! Rein mit Ihnen!« Aber er hörte sie doch, drehte sich zu ihr um, stürzte ins Haus und an ihr vorbei.
Padmini schlug die schwere Tür zu und verriegelte sie mit dem Drehknauf.
Als Tom Tran sich schleunigst wieder zu dem Innenhof umdrehte, war er unsäglich dankbar dafür, dass die Glasscheiben der Tür in einem Bronzerahmen saßen und nicht in Holz, denn dieser Höllenfürst hatte sich an die Scheibe gepresst. Aus der Nähe sah er weniger nach schwammigen Knollen aus, sondern eher nach einem Allerlei aus freigelegten Organen und Innereien, wie etwas, dessen Inneres nach außen gestülpt ist; all seine knolligen und wulstigen Bestandteile waren schlüpfrig, weil sie von einer dünnen milchigen Flüssigkeit überzogen waren, die in dem gelben Licht schillerte, das aus dem Hausflur durch die Fensterscheiben fiel.
Die silbernen Augen waren fest auf ihn gerichtet und die Mandibeln arbeiteten, als malte die Kreatur sich seinen Geschmack aus, und jetzt glaubte er, die dunkleren Formen innerhalb ihres halb durchscheinenden Körpers, diese undurchsichtigen Klumpen, könnten kleinere Geschöpfe sein, die sie verschlungen hatte und die alle im Ganzen in ihren Därmen lagen, wie die Leichen mit den ineinander verkeilten Gliedmaßen in dem Massengrab in der Nähe von Nha Trang. Tief begraben im menschlichen Kompost und im gehaltvollen Nährboden des Dschungels von Nha Trang in Vietnam hätte genau so etwas zum Leben – oder zur belebten Antithese des Lebens – erwacht sein können, etwas, das nie geboren worden war, sondern sein Bewusstsein in der Dunkelheit und der Fäulnis und der Hitze, die von der Fäulnis hervorgebracht wurde, erlangt haben könnte, das Grauen von Nha Trang, dem damit eine angemessene symbolische Form verliehen worden wäre. Anscheinend war es gekommen, um Tran van Lung zu holen, der hier als Tom Tran bekannt und mittlerweile fünfundvierzig Jahre alt war. Denn als zehnjähriger Junge hatte er dieses Schlachthaus unter freiem Himmel gesehen: Tausende von Frauen, Männern und Kindern, von Maschinengewehren niedergemäht in der natürlichen Grube eines Teichs, aus dem das Wasser längst abgelassen worden war, und noch nicht mit einer Schicht Erde bedeckt. Mit seinem Vater war er schnell eine Biegung am Rand dieser obszönen Grube entlanggelaufen und sie hatten sich rasch zwischen den Bäumen in Sicherheit gebracht, ehe die Obrigkeit mit der Planierraupe zurückgekommen war, die sie aus reiner Ungeduld nicht bereitgestellt hatte, ehe das Morden begann. Hinter ihm und seinem Vater hatte der Urwald, der das Grab umgab, als dunkelgrüner Zeuge gespenstisch stillgestanden.
»Es versucht noch nicht mal reinzukommen«, sagte Padmini.
Tom rechnete damit, dass sich die Kreatur gegen die Tür werfen würde, doch sie tat es nicht. Sie zerbrach auch nicht eine der Scheiben mit ihren Krebsscheren.
»Warum versucht es das wohl nicht?«, fragte Padmini.
Das Ding wandte sich von der Tür ab und zog sich auf dem gewundenen Gehweg zurück.
»Dann kann es wohl doch nicht Nha Trang sein«, entschied Tom.
»Was?«
»Nha Trang wird niemals aufhören, mich zu wollen.«
Obwohl die Intensität seiner Furcht nachließ, als sein rasendes Herz nicht mehr ganz so heftig schlug, durchbohrte ihn Kälte mit der Plötzlichkeit eines Eiszapfens, der von einer hohen Dachtraufe hinunterfällt, und er zitterte heftig.
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