Martha Cupp

In dem Moment, als sie sah, wie Logan Spangler aus der Diele ins Wohnzimmer trat, erinnerte sich Martha lebhaft an das Gefühl, das sie in der Nacht vor 39 Jahren gehabt hatte, als ihr erster Ehemann gestorben war. Simon wurde um 19 Uhr 30 von einem Moment auf den anderen durch einen schweren Herzinfarkt dahingerafft. Ihr Sohn, ein Einzelkind, war damals im Internat. Die Leiche wurde fortgebracht und schließlich gingen auch die Freunde und Angehörigen, die herbeigeeilt waren, um Martha zu trösten. Allein wollte sie nicht in dem Bett schlafen, das sie mit Simon geteilt hatte, doch sie stellte fest, dass ihr auch in einem Gästezimmer der Schlaf versagt blieb. Simon war für die meisten Dinge untauglich gewesen, harter Arbeit abgeneigt, ein bisschen eitel, ein Klatschmaul und rührselig in einem Maß, das bei einem Mann schon fast peinlich war, aber sie liebte ihn für seine besten Eigenschaften, für seinen stets bereiten Sinn für Humor und seine aufrichtig liebevolle Art. Vielleicht peinigte sie der Verlust nicht allzu sehr und stürzte sie nicht in tiefe Verzweiflung, aber der Kummer hatte mit Sicherheit seine Klauen in sie geschlagen. Um 2 Uhr 30 morgens lag sie wach und hörte in einem anderen Raum des Hauses einen Mann bitterlich weinen. Da sie vor einem Rätsel stand, machte sie sich auf die Suche nach dem Trauernden und fand ihn schon bald. Simon, anscheinend so lebendig, wie er es um 19 Uhr 29 noch gewesen war, saß in ihrem gemeinsamen Schlafzimmer auf der Bettkante, so verzweifelt und gemartert, dass sie seinen Anblick kaum ertrug. Verwundert sprach sie ihn mit seinem Namen an, doch er reagierte nicht darauf und sah auch nicht in ihre Richtung. Es betrübte sie, ihn in seinem erbärmlichen Elend zu sehen, aber sie fürchtete sich nicht und setzte sich neben ihn auf das Bett. Als sie ihm eine Hand auf die Schulter legte, besaß er keine stoffliche Substanz und schien ihre Berührung nicht zu fühlen, während ihre zitternde Hand durch ihn hindurchglitt. Offenbar konnte er Martha nicht sehen, denn er schien sich nicht vorsätzlich von ihr abzuwenden. Sie war ihr Leben lang gläubig gewesen, aber an Geister hatte sie nicht geglaubt. Die Art, wie er an seinem Gesicht zog, sich die Fäuste an die Schläfen presste, in die Knöchel seiner Hand biss und sich manchmal vorbeugte, als litte er unter Anfällen extremer Verzweiflung, gab ihr einen Hinweise darauf, dass ihn nicht die Tatsache seines Todes bekümmerte, sondern etwas anderes. Seine Qualen gingen ihr so nah, dass sie es nicht mit ansehen konnte, und nach ein paar Minuten kehrte sie, niedergeschlagen und bestürzt, in das Bett im Gästezimmer zurück und stellte die Zuverlässigkeit ihrer Sinneswahrnehmungen infrage. Das gequälte Weinen dauerte noch eine Stunde lang, und als es endlich nachließ und verstummte, versuchte sie sich einzureden, sie hätte den Vorfall nur geträumt oder ihn sich in ihrem Kummer eingebildet; aber sie besaß nicht die Gabe zur Selbsttäuschung und sie wusste, dass Simons Erscheinung so real gewesen war wie sein plötzliches Ableben.

Obwohl Logan Spangler keinerlei Ähnlichkeit mit Simon hatte, obwohl er sie bisher noch nie an Simon erinnert hatte, obwohl er jetzt so real auf sie wirkte wie bei jeder bisherigen Begegnung, wusste sie, sowie ihr Blick auf ihn fiel, dass er nicht mehr am Leben war. Vielleicht war er auch kein Geist, aber er war nicht lebendiger, als Simon es gewesen war, damals auf dieser Bettkante. Und das war der Moment, vor dem ihr neununddreißig Jahre lang gegraut hatte, seit sie im Bett gelegen und Simons elendem Weinen gelauscht hatte, der Moment, bevor sie die letzten Dinge entdecken würde.

»Gott sei Dank, dass Sie hier sind«, sagte Edna.

Martha hatte keine Gelegenheit, eine Warnung auszustoßen. Als Edna in ihrem raschelnden Abendkleid Spangler entgegeneilte, machte er den Mund auf und bespuckte sie mit irgendwas. Was er spuckte, war dunkel und hatte etwa die Größe von Oliven, vier oder fünf Stück, und sie bewegten sich mit einer Geschwindigkeit, mit der kein normaler Mensch irgendetwas spucken konnte. Sie trafen Edna in der Brust und im Unterleib und sie krümmte sich, aber nicht mit einem Schmerzensschrei, sondern mit einem leisen, überraschten Keuchen. Als Spangler sich zu Martha umdrehte, sagte sie für den Fall, dass ihre Schwester vielleicht doch noch einen Moment lang bei Bewusstsein bleiben würde: »Ich hab’ dich so lieb, Edna.« Spangler spuckte ein weiteres Gestöber von Projektilen. Martha fühlte, wie sie sie durchbohrten, aber der Schmerz dauerte nur einen Moment. Dann fühlte sie etwas Schlimmeres als Schmerz und wünschte sich, sie wäre stattdessen mit einer Pistole erschossen worden. Was sie durchdrang, bohrte sich nicht in ihr Fleisch, wie es Kugeln getan hätten, sondern kroch auf einer grauenerregenden Suche in ihrem Inneren herum. Sie machte den Mund auf, um zu schreien, aber sie konnte keinen Laut von sich geben, weil sich etwas Großes und Eisiges in ihrer Kehle wand. Sie unternahm nur drei Versuche, einen Schrei auszustoßen, denn nach dem dritten Anlauf war sie nicht mehr Martha Cupp.

* * *

Nachthaus
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