Tom Tran
Geschützt durch einen Regenmantel aus schwarzem PVC und einen Regenhut mit schlapper Krempe war Tom Tran gerade erst vor ein paar Minuten aus dem umgebauten Kutschenhaus auf den gepflasterten Weg zwischen diesem Gebäude und dem Pendleton getreten. Er zog das Tor hinter sich zu und hatte nur einen einzigen Schritt gemacht, als das Gewitter nicht etwa nachließ, sondern regelrecht abgestellt wurde. Von einem Moment auf den anderen hörte der Regen auf, die Pflastersteine waren trocken und der wolkenlose Himmel mit Sternen gesprenkelt sowie von einem Vollmond erhellt.
Verwirrt hatte sich Tom im Kreis gedreht – sein Hut und sein Regenmantel tropften noch – und festgestellt, dass das Kutschenhaus nicht mehr da war und ebenso wenig die neue und größere Garage dahinter. An beiden Enden des gepflasterten Weges hätten Tore zwischen dem Pendleton und dem Gebäude dahinter sein sollen, von denen eines in eine Gasse führte, das andere auf einen schmalen Gehweg. Die Tore waren da, das stimmte noch. Sie hingen an zweieinhalb Meter hohen Mauervorsprüngen, die aus dem Hauptgebäude herausragten, doch die Bronze war verbogen, Stäbe fehlten, und sie sackten an teilweise herausgebrochenen Angeln hinunter und waren nicht mehr mit dem Kutschenhaus verbunden, denn das gab es ja nicht mehr.
Erst mit Verspätung hatte Tom bemerkt, dass hinter den verschwundenen Gebäuden das gesamte östliche Stadtgebiet nicht mehr erhellt war … es war nicht einmal mehr da. Die Nacht schien nach Osten hin unendlich weit und von keinem einzigen Pfad durchzogen zu sein, nur Tümpel milchigen Mondscheins schimmerten stellenweise, doch sie ließen nichts erkennen, wirkten nur feucht und neblig, als seien es Geisterseen in einer gespenstischen Landschaft im Jenseits.
Als Junge hatte Tom Tran gelernt, dass der Tod viele Verkleidungen trug, nicht nur einen schwarzem Umhang mit Kapuze, und sich hinter einer unendlichen Zahl von Gesichtern verbarg. Der Tod war überall, er war Legion, und man konnte seiner Aufmerksamkeit nicht entkommen, aber an manchen Orten manifestierte er sich in größeren Zahlen als an anderen. Tom ahnte, dass gen Osten, in dieser unerklärlichen neuen Unermesslichkeit des Dunkels ganze Armeen des Todes lauerten und dass jedes Feld und jeder Wald eine Gräuelstätte waren.
Das beschädigte Tor in der Rückwand des Innenhofs hing ebenfalls offen und schief hinunter, da sich eine der drei Angeln aus dem Mauerwerk losgerissen hatte und die beiden anderen mit dickem Rost verklumpt waren. Das Pendleton schien schon seit Jahrzehnten leer zu stehen und Tom stellte sich selbst die aberwitzige Frage, ob er ausgemergelt und weit über seine Jahre hinaus gealtert sein würde, wenn er in einen Spiegel blickte.
Keine Landschaftsbeleuchtung erhellte den Innenhof und in den Fenstern der drei Flügel des Pendleton, die den Hof umschlossen, waren die Lichter nicht nur schummeriger als sonst, sondern auch so gelb wie Drachenaugen, und das hatte er noch nie erlebt. Die Bäume waren verschwunden, Brunnen umgestürzt, die Beete mit Pflanzen überwuchert, die er im Mondschein nicht identifizieren konnte.
Tom fühlte sich genausowenig wie er selbst, wie diese Welt momentan nicht sie selbst war, und er schlich über den Fußweg, bestürzt und zitternd, als sei er eine Figur in einer dieser volkstümlichen Erzählungen von Geistern und Göttern, die ihm seine Mutter erzählt hatte, als er vor so langer Zeit ein Kind in Vietnam gewesen war. Er hätte durch eine verzerrte Fassung von »Die Suche nach dem Land der Seligkeit« oder »Des Raben magischer Edelstein« oder »Das Haus der Unvergänglichkeit« schleichen können. Etwas wie hoher Bambus, aber eher fleischig als hart und mit langen Luftwurzeln, überwucherte da und dort den Fußpfad. Jedes Mal, wenn eine dieser baumelnden Wurzeln sein Gesicht streifte, schien sie ein Eigenleben zu entwickeln, seine Wange zu streicheln, sich in ein Ohr zu kringeln oder ein Nasenloch zu necken, und er streifte sie ab, durch den Kontakt unterkühlt und schaudernd.
Er erreichte die Tür zwischen dem Innenhof und dem westlichen Hausflur des Erdgeschosses, direkt gegenüber von der inneren Tür des Foyers, fischte seinen Schlüsselbund aus einer Tasche seines Regenmantels und wollte die Tür gerade aufschließen, um ins Pendleton zu schlüpfen, als er Geräusche hinter sich hörte, kurze keuchende Laute, wie etwas, was unter Druck Luft ablässt, aber von einem lang gezogenen Zischen durchsetzt. Klappernde und schabende Geräusche waren ebenfalls zu vernehmen, als setze ein erschöpftes Pferd seine schweren Hufe auf und ließ jeden einen Moment lang schleifen, ehe es die Energie fand, ihn wieder zu heben.
Als Tom sich umdrehte, um auf den mondbeschienen Pfad zurückzublicken, sah er nichts, was diese Geräusche verursachen könnte, doch eine Bewegung an einem Fenster im zweiten Stock des Südflügels zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Vor dem Hintergrund von Drachenlicht entdeckte er an der Fensterscheibe das gespenstisch weiße Gesicht von Fielding Udell, der Toms Anwesenheit vielleicht gar nicht wahrgenommen hatte. In genau dem Moment, als Udell auf etwas reagierte, was er weiter östlich im Innenhof gesehen hatte, hörte das Klappern und Schaben auf, durch die Nacht zu hallen. Das Zischen und das Luftablassen unter Druck waren noch zu hören, aber der Rhythmus und der Charakter dieser beunruhigenden Geräusche veränderten sich. Mit einer abrupten Bewegung, in der sich deutlich seine Furcht ausdrückte, gesehen zu werden, trat Udell vom Fenster zurück. Im nächsten Moment setzten das Klappern und Schaben wieder ein. Das, was Udell alarmiert hatte, was auch immer es war, näherte sich Tom jetzt auf dem gewundenen Fußpfad, war aber noch nicht zu sehen, da es hinter der hohen Vegetation verborgen und ein oder zwei Kurven hinter ihm war.
Er wandte sich wieder zur Tür um, steckte seinen Schlüssel ins Schloss – und stellte fest, dass er sich nicht umdrehen ließ. Er ließ ihn im Schloss herumruckeln, schob ihn tiefer hinein, zog ihn wieder zurück und versuchte es noch einmal, doch er hatte kein Glück. Entweder das Schloss war, wie so manches an dem Gebäude, zu Bruch gegangen oder ein Schlosser hatte es ausgewechselt.
Hinter ihm schrie eine Stimme, so schrill wie die eines kreischenden Kindes, eines ungeduldigen und bockigen Kindes, und als Tom sich danach umdrehte, ertönte ein zweiter Schrei, zorniger als der erste – und leidend. Zehn Meter von ihm entfernt kam eine Kreatur, die etwa Toms Größe, aber zweimal seinen Umfang hatte, mit einem halben Dutzend Beinen im Krebsgang um eine Biegung des Gehwegs und brach durch die Pflanzen, die sie bedrängten.
Entweder die Tore der Hölle hatten sich geöffnet oder Tom hatte den Verstand verloren, denn so etwas wie dieses Gebilde konnte es außerhalb der Bezirke der Verdammten nicht geben, es sei denn, in den Fieberfantasien eines rasenden paranoiden Psychopathen.
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