Julian Sanchez

Die meisten Menschen leben in einem rauschenden Fluss von Bildern. In einem Fluss, der ständig Flut führt, mit wogenden Strömungen von Farben, fließenden Harmonien von Formen und gelegentlichem Chaos von Stromschnellen. Sie lassen sich von dieser Sturzflut von Anblicken mitreißen, ohne sich viele Gedanken darüber zu machen oder überhaupt zu bedenken, wie sich das auf ihre Gedanken auswirkt, ihren Geist formt und die Route ihres Lebens von den Quellflüssen der Geburt bis hin zum Delta des Alters prägt. Wenn man den Input durch Sinneswahrnehmungen als digitalisierte Daten ansah, wurden fünfzig Prozent durch die Augen aufgenommen, so viel wie durch die anderen vier Sinne miteinander.

Im Laufe von vierzig Jahren tiefster Nacht hatte Julian Sanchez die Welt vor allem durch die Formen und Strukturen wahrgenommen, über die seine empfindlichen Fingerspitzen glitten, und durch die unablässige Musik des Lebens, die zeitweilig nichts weiter als das zarte, arhythmische Prasseln des Regens sein konnte, der gegen das Fenster geweht wurde, und zu anderen Zeiten die Symphonie einer geschäftigen Straße in einer Großstadt. Er war so geräuschempfindlich, dass er mehr als jede zweite surrende Fliege, die ihn belästigte, in der Luft fangen und mit seiner Faust umschließen konnte.

Er stand in seiner Küche in Apartment 1-A, trank Kaffee aus einem Becher und lauschte dem Unwetter durch das Fenster, das er ein paar Zentimeter weit geöffnet hatte, als um ihn herum ein elektronisches Kreischen ertönte, das nichts ähnelte, was er jemals gehört hatte, und dessen Ursprung sich unmöglich bestimmen ließ. Mit diesem schaurigen Klagen ging das Rumpeln unter dem Gebäude einher, das er im Lauf des Tages schon gehört hatte. Beim ersten Mal hatte er im Wachraum angerufen, um sich zu erkundigen, was los sei.

Als beide Geräusche nachließen, wusste Julian sofort, dass etwas Wichtiges vorgefallen war. Das Trommeln des Regens, der schräg auf das Glas traf, das Rauschen und Gluckern von Wasser, das in der Nähe seines Küchenfensters durch ein Fallrohr herabstürzte, das Rascheln von nassem Laub, das die Bäume im Innenhof von sich gaben, und all die anderen Stimmen im Chor des Sturms verstummten augenblicklich. Das Surren des Kühlschranks, das Schäumen der Spülmaschine, das dumpfe Dröhnen des Eisbereiters, das schwache Ticken der Glaskanne, die sich auf der Warmhalteplatte der Kaffeemaschine ausdehnte und zusammenzog: Jedes vertraute Geräusch wurde mit dem weiterziehenden Unwetter weggeschwemmt und die Stille war anfangs tief.

Auch die vertrauten Gerüche seiner Küche waren verschwunden. Kein Aroma von frisch gebrühtem Kaffee. Keine Rückstände des Kieferndufts, den das Reinigungsmittel zurückließ, obwohl seine Haushälterin, die zweimal in der Woche kam, an jenem Tag erst da gewesen war. Kein Zimtgeruch von den Frühstücksbrötchen in der Schachtel, die ganz in seiner Nähe auf der Anrichte stehen sollte.

Durch den offenen Fensterspalt drang nicht mehr der feuchte, beißende Ozongeruch des Gewitters und auch nicht der kräftige Geruch von nasser Gartenerde. Als Julian die linke Hand über das Spülbecken streckte, stellte er fest, dass das Fliegengitter innen am Küchenfenster fehlte. Er tastete nach der Kurbel, mit der sich die linke Hälfte des Drehflügelfensters bewegen ließ, aber sie war nicht da; er fand nur die Halterung, in der der Griff sitzen sollte. Er suchte nach dem rechten Griff und packte ihn, schnitt jedoch sofort eine Grimasse, weil er mit dicken Spinnweben überzogen war. Als er ihn zu drehen versuchte, schien der Mechanismus zu klemmen.

Verblüfft tastete er sich an dem Spülbecken entlang und stellte seinen Kaffeebecher ab, aber das Geräusch klang nicht so, wie es klingen sollte; der Becher fiel mit einem gedämpften Laut auf den Granit. Obwohl noch keine zwei Stunden vergangen waren, seit die Haushälterin fortgegangen war, entdeckte er eine dicke Staubschicht auf dem Stein und dann irgendwelche Rückstände, bei denen es sich wahrscheinlich um Fetzen ausgedienter Lappen handelte und vielleicht auch um Bröckchen von heruntergefallenem Verputz, der den Geruch von pulverisiertem Gips und fein gemahlenem Sand abgab.

Als er der Anrichte den Rücken zuwandte, roch Julian Moder in der Küche. Und alten Urin.

Sein räumliches Vorstellungsvermögen veränderte sich total. Er war mit jedem Quadratmeter der Wohnung und mit der exakten Anordnung der Möbelstücke derart vertraut, dass er sich nicht nur ohne Stock darin bewegen konnte und sich weder die Schienbeine anstieß noch über etwas stolperte, sondern er konnte mit einer Art sechstem Sinn, einer Form von psychischem Radar, auch die Formen von Dingen wahrnehmen. Diese einzigartige Fähigkeit sagte ihm jetzt, dass der Küchentisch und die Stühle nicht da standen, wo sie hätten stehen sollen, sondern fort waren.

Normalerweise tastete er sich nicht mit ausgestreckten Armen vor, doch jetzt nahm er zu dieser Technik Zuflucht, da es ihm nicht nur Sorgen bereitete, dass die vertrauten Einrichtungsgegenstände entfernt worden waren, sondern weil er auch befürchtete, etwas anderes könnte an ihre Stelle getreten sein. Die Küche erwies sich jedoch als so leer, wie es sein psychischer Radar angedeutet hatte. Grobkörniger Sand und größere Bröckchen Verputz knirschten unter seinen Schuhen.

Julian war stolz darauf, ein unabhängiges Leben zu führen, und er brauchte nur selten die Hilfe anderer. Aber die seltsame Verwandlung der Küche erschreckte ihn. Er brauchte jemanden mit funktionierenden Augen, der herkam und ihm erklärte, was hier passiert war.

Er klopfte die Taschen seiner Strickjacke ab und fand sein Handy zu seiner Erleichterung da, wo er er es erwartet hatte. Er drückte die Taste, lauschte dem Startsound und tippte dann nach kurzem Zögern die Telefonnummer des Empfangs. Padmini war entgegenkommend und half ihm, ohne jemals den kleinsten Hinweis darauf zu geben, dass ein Blinder ihr Mitleid weckte. Julian war es ein Gräuel, bemitleidet zu werden. Nachdem er die Nummer eingetippt und auf WÄHLEN gedrückt hatte, wartete er mit dem Telefon am rechten Ohr … bis er zu der Überzeugung gelangte, dass Handyverbindungen nicht hergestellt werden konnten.

Verwirrt und besorgt, aber noch nicht furchtsam ging er dahin, wo immer der Durchgang zum Esstisch gewesen war, und der Durchgang befand sich nach wie vor am selben Ort. Auf der Schwelle hörte Julian irgendwo in der Wohnung Stimmengemurmel, eindringlich und fremdartig, obwohl er doch allein sein sollte.

* * *

Nachthaus
titlepage.xhtml
cover.html
ePub_98-3-641-08888-0.html
ePub_98-3-641-08888-0-1.html
ePub_98-3-641-08888-0-2.html
ePub_98-3-641-08888-0-3.html
ePub_98-3-641-08888-0-4.html
ePub_98-3-641-08888-0-5.html
ePub_98-3-641-08888-0-6.html
ePub_98-3-641-08888-0-7.html
ePub_98-3-641-08888-0-8.html
ePub_98-3-641-08888-0-9.html
ePub_98-3-641-08888-0-10.html
ePub_98-3-641-08888-0-11.html
ePub_98-3-641-08888-0-12.html
ePub_98-3-641-08888-0-13.html
ePub_98-3-641-08888-0-14.html
ePub_98-3-641-08888-0-15.html
ePub_98-3-641-08888-0-16.html
ePub_98-3-641-08888-0-17.html
ePub_98-3-641-08888-0-18.html
ePub_98-3-641-08888-0-19.html
ePub_98-3-641-08888-0-20.html
ePub_98-3-641-08888-0-21.html
ePub_98-3-641-08888-0-22.html
ePub_98-3-641-08888-0-23.html
ePub_98-3-641-08888-0-24.html
ePub_98-3-641-08888-0-25.html
ePub_98-3-641-08888-0-26.html
ePub_98-3-641-08888-0-27.html
ePub_98-3-641-08888-0-28.html
ePub_98-3-641-08888-0-29.html
ePub_98-3-641-08888-0-30.html
ePub_98-3-641-08888-0-31.html
ePub_98-3-641-08888-0-32.html
ePub_98-3-641-08888-0-33.html
ePub_98-3-641-08888-0-34.html
ePub_98-3-641-08888-0-35.html
ePub_98-3-641-08888-0-36.html
ePub_98-3-641-08888-0-37.html
ePub_98-3-641-08888-0-38.html
ePub_98-3-641-08888-0-39.html
ePub_98-3-641-08888-0-40.html
ePub_98-3-641-08888-0-41.html
ePub_98-3-641-08888-0-42.html
ePub_98-3-641-08888-0-43.html
ePub_98-3-641-08888-0-44.html
ePub_98-3-641-08888-0-45.html
ePub_98-3-641-08888-0-46.html
ePub_98-3-641-08888-0-47.html
ePub_98-3-641-08888-0-48.html
ePub_98-3-641-08888-0-49.html
ePub_98-3-641-08888-0-50.html
ePub_98-3-641-08888-0-51.html
ePub_98-3-641-08888-0-52.html
ePub_98-3-641-08888-0-53.html
ePub_98-3-641-08888-0-54.html
ePub_98-3-641-08888-0-55.html
ePub_98-3-641-08888-0-56.html
ePub_98-3-641-08888-0-57.html
ePub_98-3-641-08888-0-58.html
ePub_98-3-641-08888-0-59.html
ePub_98-3-641-08888-0-60.html
ePub_98-3-641-08888-0-61.html
ePub_98-3-641-08888-0-62.html
ePub_98-3-641-08888-0-63.html
ePub_98-3-641-08888-0-64.html
ePub_98-3-641-08888-0-65.html
ePub_98-3-641-08888-0-66.html
ePub_98-3-641-08888-0-67.html
ePub_98-3-641-08888-0-68.html
ePub_98-3-641-08888-0-69.html
ePub_98-3-641-08888-0-70.html
ePub_98-3-641-08888-0-71.html
ePub_98-3-641-08888-0-72.html
ePub_98-3-641-08888-0-73.html
ePub_98-3-641-08888-0-74.html
ePub_98-3-641-08888-0-75.html
ePub_98-3-641-08888-0-76.html
ePub_98-3-641-08888-0-77.html
ePub_98-3-641-08888-0-78.html
ePub_98-3-641-08888-0-79.html
ePub_98-3-641-08888-0-80.html
ePub_98-3-641-08888-0-81.html
ePub_98-3-641-08888-0-82.html
ePub_98-3-641-08888-0-83.html
ePub_98-3-641-08888-0-84.html
ePub_98-3-641-08888-0-85.html
ePub_98-3-641-08888-0-86.html
ePub_98-3-641-08888-0-87.html
ePub_98-3-641-08888-0-88.html
ePub_98-3-641-08888-0-89.html
ePub_98-3-641-08888-0-90.html
ePub_98-3-641-08888-0-91.html
ePub_98-3-641-08888-0-92.html
ePub_98-3-641-08888-0-93.html
ePub_98-3-641-08888-0-94.html
ePub_98-3-641-08888-0-95.html
ePub_98-3-641-08888-0-96.html
ePub_98-3-641-08888-0-97.html
ePub_98-3-641-08888-0-98.html
ePub_98-3-641-08888-0-99.html
ePub_98-3-641-08888-0-100.html
ePub_98-3-641-08888-0-101.html
ePub_98-3-641-08888-0-102.html
ePub_98-3-641-08888-0-103.html
ePub_98-3-641-08888-0-104.html
ePub_98-3-641-08888-0-105.html
ePub_98-3-641-08888-0-106.html
ePub_98-3-641-08888-0-107.html
ePub_98-3-641-08888-0-108.html
ePub_98-3-641-08888-0-109.html
ePub_98-3-641-08888-0-110.html
ePub_98-3-641-08888-0-111.html
ePub_98-3-641-08888-0-112.html
ePub_98-3-641-08888-0-113.html
ePub_98-3-641-08888-0-114.html
ePub_98-3-641-08888-0-115.html
ePub_98-3-641-08888-0-116.html
ePub_98-3-641-08888-0-117.html
ePub_98-3-641-08888-0-118.html
ePub_98-3-641-08888-0-119.html
ePub_98-3-641-08888-0-120.html
ePub_98-3-641-08888-0-121.html
ePub_98-3-641-08888-0-122.html
ePub_98-3-641-08888-0-123.html
ePub_98-3-641-08888-0-124.html
ePub_98-3-641-08888-0-125.html
ePub_98-3-641-08888-0-126.html
ePub_98-3-641-08888-0-127.html
ePub_98-3-641-08888-0-128.html
ePub_98-3-641-08888-0-129.html
ePub_98-3-641-08888-0-130.html
ePub_98-3-641-08888-0-131.html
ePub_98-3-641-08888-0-132.html
ePub_98-3-641-08888-0-133.html
ePub_98-3-641-08888-0-134.html
ePub_98-3-641-08888-0-135.html
ePub_98-3-641-08888-0-136.html
ePub_98-3-641-08888-0-137.html
ePub_98-3-641-08888-0-138.html
ePub_98-3-641-08888-0-139.html
ePub_98-3-641-08888-0-140.html
ePub_98-3-641-08888-0-141.html
ePub_98-3-641-08888-0-142.html
ePub_98-3-641-08888-0-143.html
ePub_98-3-641-08888-0-144.html
ePub_98-3-641-08888-0-145.html
ePub_98-3-641-08888-0-146.html
ePub_98-3-641-08888-0-147.html
ePub_98-3-641-08888-0-148.html
ePub_98-3-641-08888-0-149.html
ePub_98-3-641-08888-0-150.html
ePub_98-3-641-08888-0-151.html
ePub_98-3-641-08888-0-152.html
ePub_98-3-641-08888-0-153.html
ePub_98-3-641-08888-0-154.html
ePub_98-3-641-08888-0-155.html
ePub_98-3-641-08888-0-156.html
ePub_98-3-641-08888-0-157.html
ePub_98-3-641-08888-0-158.html
ePub_98-3-641-08888-0-159.html
ePub_98-3-641-08888-0-160.html
ePub_98-3-641-08888-0-161.html
ePub_98-3-641-08888-0-162.html
ePub_98-3-641-08888-0-163.html
ePub_98-3-641-08888-0-164.html
ePub_98-3-641-08888-0-165.html
ePub_98-3-641-08888-0-166.html
ePub_98-3-641-08888-0-167.html
ePub_98-3-641-08888-0-168.html
ePub_98-3-641-08888-0-169.html
ePub_98-3-641-08888-0-170.html
ePub_98-3-641-08888-0-171.html
ePub_98-3-641-08888-0-172.html
ePub_98-3-641-08888-0-173.html
ePub_98-3-641-08888-0-174.html