Winny

Als Winny durch die Tür des Aufzugs schlüpfte, merkte er sofort, dass das Wandgemälde von den Vögeln verschwunden war, dass die gesamte Kabine aus Edelstahl bestand und dass die übliche Deckenbeleuchtung und die Kristallglaslampe an der Decke verschwunden waren, ersetzt durch Kreise, die trübsinniges blaues Licht verströmten. Eine Sekunde später stellte er die Verbindung zwischen diesem blauen Licht und den phosphoreszierenden Ringen her, die auf dem Fernsehbildschirm in seinem Zimmer pulsierten. Genau in dem Moment, als seine Mutter rief »Komm sofort wieder raus!« und die Tür begann sich zu schließen.

Diese Türen hätten den Schließvorgang unterbrechen sollen, wenn man dazwischentrat, das war ein Sicherheitsmerkmal, doch sie zwängten Winny ein wie zuschnappende Kiefer. Sie waren nicht spitz, sie konnten ihn nicht beißen, aber sie waren stark genug, um langsam den Atem aus ihm herauszuquetschen oder seine Rippen knacken zu lassen und die gebrochenen Enden nach innen in sein Herz zu drücken. Als ihn seine Mutter an der Jacke packte, sah Winny vor seinem geistigen Auge Blut aus seiner Nase spritzen und aus seinen Ohren rinnen, und das erschreckte ihn genug, um sich im Griff der Türen zu winden und zu krümmen, bis er sich losgerissen hatte.

Sich beinah losgerissen hatte. Die Türen schlossen sich um sein linkes Handgelenk, fest genug, dass es wehtat, und er konnte seine Hand nicht dünn genug machen, um sie zu befreien. Seine Mom krallte ihre Finger in die schmale Öffnung und versuchte, die Türen weit genug auseinanderzuziehen, damit Winny sich befreien konnte, doch sie schaffte es nicht, weil die Türen eine irrsinnige Kraft hatten. Sie ächzte vor Anstrengung, und kurz darauf fluchte sie – seine Mutter, die niemals fluchte.

Vielleicht bildete er es sich nur ein, aber vielleicht passierte es tatsächlich – jedenfalls kroch etwas auf seine gefangene Hand und begann sie zu erkunden.

»Da ist ein Insekt!«, schrie Winny und verstieß damit gegen seinen Vorsatz, niemals etwas Feiges zu tun, damit er sich nicht vorwerfen lassen musste, er sei ein Waschlappen, aber er konnte sich einfach nicht beherrschen. »Da drinnen, auf meiner Hand, ein großes Insekt oder so was!«

Die Beine oder Fühler zuckten zwischen all seinen Fingern gleichzeitig, auf der Handfläche und dem Handrücken zugleich, absolut ekelhaft und widerwärtig, vielleicht ein großer Tausendfüßler, der so biegsam war, dass er sich unbegrenzt verrenken konnte und sich eifrig zwischen seinen Fingern durchwand, aber vielleicht war es auch ein Schwarm von kleineren Insekten. Er schrie nicht laut auf, sondern biss die Zähne zusammen und unterdrückte mühsam einen Schrei, wartete darauf, dass das Ding – oder die Dinger – zubissen oder stachen, verrenkte seine Hand, um es abzuschütteln, versuchte sich loszureißen. Doch die Türen pressten noch fester gegen sein Handgelenk. Seine Mutter kämpfte mit all ihrer Kraft. Ihr Gesicht war vor Anstrengung rot angelaufen, die Muskelstränge an ihrem Hals waren gespannt wie Seile und plötzlich hatte sie ihn tatsächlich sowohl von der Tür als auch von dem Insekt befreit.

Winny raste an seiner Mutter vorbei durch den Hausflur, bog um die Ecke und presste seinen Rücken an die Tür von 2-B, der Wohnung von Gary Dai, denn er war sich sicher, dass etwas unsäglich Gespenstisches aus dem Aufzug kommen musste. Aber die Türen hatten sich geschlossen. Seine Mutter war erschrocken, aber nicht verletzt. Sie hatte Schweißperlen auf der Stirn, aber kein Insekt kletterte an ihrem Regenmantel hinauf und auf ihr Gesicht zu.

Sie waren knapp zehn Meter vom südlichen Treppenaufgang entfernt, dem einzigen Ausgang, wenn sie den Aufzug nicht benutzen konnten. Seine Mom schnappte sich ihre Handtasche vom Boden, sparte sich die Mühe, den Schirm aufzuheben, den sie fallen gelassen hatte, stieß Winny vor sich her und keuchte: »Los, wir nehmen die Treppe!«

Vielleicht war es echter Instinkt, aber vielleicht war es auch nur ein Moment akuter Feigheit, der ihn als hoffnungslosen Waschlappen hinstellen und Schande über ihn bringen würde, aber als er sich der Brandschutztür näherte, glaubte Winny, die Treppe sei eine Falle. Etwas erwartete sie dort auf dieser Wendeltreppe und sie würden niemals lebend im Erdgeschoss ankommen.

Seine Mutter musste es auch gefühlt haben, denn sie flüsterte: »Nein, Winny! Warte.«

* * *

Nachthaus
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