Martha Cupp
Nachdem Bailey Hawks gemeinsam mit Sally fortgegangen war, beschloss Martha, diesen ganzen Unsinn mit dem Dämon im Geschirrkabinett aus ihren Gedanken zu verbannen, indem sie ihr Bridge-Spiel perfektionierte. Sie setzte sich an den Computer im Arbeitszimmer und spielte mit einer virtuellen Partnerin namens Alice gegen ein virtuelles Team namens Morris und Wanda. Aus einem Menü, das fünf Schwierigkeitsgrade anbot, wählte sie MASTER LEVEL, bereute jedoch schon innerhalb von Minuten ihre Wahl. Sie hatte nur etwa ein Jahr lang echtes Bridge gespielt, mit Menschen aus Fleisch und Blut. Ganz gleich, wie sehr sie sich anstrengte, besser zu werden – sie musste sich jedes Mal geschlagen geben. Sie war nach kurzer Zeit schon so frustriert, dass sie Morris unterstellte zu mogeln, obwohl er nur als Software existierte und sie nicht hören konnte. Was Wanda anging – nun ja, sie war eine eingebildete kleine Tussi mit ärgerlicher Selbstsicherheit.
In der offenen Tür sagte Edna: »Ich habe beschlossen, dass die Lage Sofortmaßnahmen erfordert.«
Martha murmelte ihrer virtuellen Partnerin Alice zu: »Tut mir leid, dass ich dir keine Hilfe bin. Ich hätte die Spielebene für Schwachsinnige wählen sollen.«
»Morgen früh werde ich als Erstes einen Exorzisten ins Haus bestellen«, verkündete Edna.
Als Martha vom Computer aufblickte, sah sie, dass ihre Schwester bereits ihr Kostüm gewechselt hatte. Anstelle des Tageskleides aus fliederfarbener Seide trug sie ein Abendkleid: schwarze Seide mit einer Lage getüpfeltem schwarzen Chiffon darüber, schwarze und goldene Spitzenbesätze am Halsausschnitt und an der Schleppe des Rocks, geraffte Ärmel mit üppigen Rüschen und eine Schärpe aus schwarzem Samt. Sie hatte sich sowohl mit einer langen Perlenkette geschmückt, die sie zwischen ihren Brüsten geknotet hatte, als auch mit einer Diamanthalskette mit einem Anhänger und passenden tropfenförmigen Ohrringen, und da sie außerdem auch noch weiße Handschuhe trug, sah sie aus, als hätte sie sich für ein Bankett mit der Königin herausgeputzt und nicht für ein vorgekochtes Abendessen mit ihrer Schwester, der miserablen Bridge-Spielerin, das die beiden in der Mikrowelle aufwärmen würden.
»Und wenn erst einmal alle bösen Geister ausgetrieben sind, werde ich die Wohnung segnen lassen«, kündigte Edna an.
»Aber wo willst du einen Exorzisten finden, meine Liebe? Pater Murphy weiß alles über deinen Glauben an Astronauten aus der Vorzeit, an Schattenmenschen und an Hexen unter uns … Er billigt das nicht, kein Geistlicher würde das billigen. Er wird die Würde der Kirche nicht aufs Spiel setzen, indem er einen Exorzisten hinzuholt, denn er weiß sehr gut, dass du, wenn die beiden auftauchen, beschlossen haben wirst, es sei doch kein Dämon gewesen, sondern ein Troll.«
Edna lächelte und schüttelte den Kopf. »Manchmal glaube ich, du hörst mir nie zu, Martha. Ich glaube nicht an Trolle. Trolle gibt es nur in Kindermärchen, sonst nirgends.«
»Du glaubst an Kobolde«, rief ihr Martha ins Gedächtnis.
»Weil es sie gibt. Natürlich gibt es Kobolde. Weißt du, wo unser Kobold meine Lesebrille diesmal versteckt hatte? Ich habe sie endlich im untersten Fach des Kühlschranks gefunden, neben den Fruchtjoghurts. Der kleine Schlawiner.«
»Vielleicht hast du sie selbst dort liegen lassen.«
Edna zog ihre Augenbrauen hoch. »Weshalb um Himmels willen sollte ich das tun? Schließlich mache ich es mir zum Lesen nicht im Kühlschrank bequem.«
Aus einem anderen Teil der Wohnung ertönte Kreischen und Geschrei, das eindeutig nach einer Auseinandersetzung zwischen Katzen klang, obwohl Smoke und Ashes nie miteinander zankten.
»Was ist denn in die beiden gefahren?«, sagte Edna verwundert. Sie machte kehrt und eilte davon, wobei die kurze Schleppe ihres Abendkleides über den Boden rauschte.
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